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Europa

Russland auf zwei Rädern

In keiner anderen russischen Stadt fahren so viele Leute Rad, wie in St. Petersburg. Allerdings müssen die Radler bisweilen auf ungewöhnliche Zeiten ausweichen: sie fahren nachts, wenn die Straßen frei sind.

Der Verkehr bestimmt bis in den Abend das Stadtbild St. Petersburgs (Foto: DPA)

Der Verkehr bestimmt bis in den Abend das Stadtbild St. Petersburgs

Das gelbe Fahrrad, das Igor Baronas aus dem fünften Stock seiner Petersburger Wohnung die Treppe hinunter trägt, ist größer als er selbst. Nur die Räder erinnern an ein gewöhnliches Fahrrad, Lenker und Sattel dagegen befinden sich in 1,90 Meter Höhe. Sobald der Frühling beginnt, schwingt sich der 45-Jährige fast täglich auf eines seiner zehn Räder. Am liebsten hat er jedoch "den gelben Engel" – so nennt er sein selbstgebautes Riesenfahrrad. Die Leute sollten sehen, wie er die Autos überhole, die im Stau ständen, erklärt er. "Man soll doch lieber in die Pedale treten, frische Luft atmen und schneller an sein Ziel kommen. Ich wünsche mir, dass die Tradition des Radfahrens sich in Russland eines Tages so verbreitet wie in Deutschland, Holland oder Belgien."

Petersburg als Vorreiter

Kanaluferstraße in St. Petersburg (Foto: AP)

Die Kanaluferstraßen eignen sich besonders für Radausflüge

Fahrräder gehören neuerdings zum Stadtbild von St. Petersburg. In keiner anderen russischen Großstadt fahren so viele Menschen Rad wie hier. Nicht nur die langen Staus in der Stadt fördern den Trend, sondern auch die flache Landschaft und ein kompaktes Zentrum mit kleinen Gassen und Kanälen, glaubt Baronas. "Ich kenne mehrere Besitzer von Fahrradgeschäften. Sie sagen, dass ihre Verkaufszahlen von Jahr zu Jahr steigen. Nach Schätzungen gibt es in und um St. Petersburg herum im Moment fünf Millionen Fahrräder - auch wenn einige davon sicher kaputt herumstehen", erzählt er.

Viele Petersburger Zweiradliebhaber schließen sich sogar zusammen, zum Beispiel im 1998 gegründet Klub "Velo-Piter". Im Internet geben sich die Mitglieder Tipps zu Reparaturen und neuen Strecken oder verabreden sich zu gemeinsamen Touren. Mitte April eröffnete "Velo-Piter" die Rad-Saison mit einem Ausflug ins benachbarte Kronstadt - mit über 1000 Fahrradfahrern. Beim ersten Saison-Auftakt vor zwei Jahren seien es nur halb so viele gewesen, sagt der Vorsitzende von "Velo-Piter", Ilja Gurjewitsch. "Wir haben unseren Autofahrern schon beigebracht, uns zu beachten und die Stadtregierung hat nun versprochen, richtige Fahrradwege zu bauen", sagt er stolz. In anderen russischen Städten fange diese Entwicklung gerade erst an.

Die Nacht gehört den Fahrrädern

Doch auch in St. Petersburg müssen die Radfahrer bisweilen noch auf ungewöhnliche Zeiten ausweichen, wenn sie ungestört sein wollen: Jeden Freitag sammeln sich kurz vor Mitternacht vor dem Museum Eremitage Hunderte von Fahrradfahrern, im Sommer sind es sogar bis zu 1000. Sie wollen die tagsüber von Blechlawinen verstopften Straßen mit ihren Rädern befahren. Jede Woche denkt sich ein anderer Organisator eine Strecke für alle aus: Die Routen sind meist über 50 Kilometer lang und sie radeln bis zum frühen Morgen.

St. Petersburg bei Nacht(Foto: AP)

Wenn die Nacht kommt, übernehmen die Radfahrer die Straßen

Heute sind trotz Nieselregen 200 Menschen gekommen. Andrej ist das erste Mal hier, doch auch alleine schwingt er sich oft nachts aufs Rad. "Nachts sind die Straßen frei und außerdem sieht die erleuchtete Stadt bei Nacht schön aus", sagt er. Dass immer mehr Menschen in seiner Stadt aufs Rad umsteigen, findet er nicht verwunderlich. "Es ist ein ökologisches Transportmittel, das sich alle leisten können und das man auch problemlos in einer Wohngemeinschaft oder einem Mehrfamilienhaus aufbewahren kann. Es ist ja nicht so wertvoll wie ein Motorrad oder ein Moped."

Langsam setzt sich die Fahrradkolonne in Bewegung. Die Straßen im Zentrum von St. Petersburg gehören nun ihnen - zumindest bis zum nächsten Morgen.

Autorin: Mareike Aden
Redaktion: Julia Kuckelkorn

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