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Welt

Russland als Exil für verärgerte Franzosen

Französische Stars wenden sich von ihrer Heimat ab. Schauspieler Gérard Depardieu ist aus Steuergründen Russe geworden. Seine Kollegin Brigitte Bardot will das Gleiche tun, weil sie Frankreichs Tierschutz kritisiert.

Wäre Gérard Depardieu nicht so prominent, hätte der Fall wohl kaum so viel mediale Aufmerksamkeit erregt. Und vermutlich wäre der Wunsch des bekannten französischen Schauspielers, die russische Staatsbürgerschaft zu bekommen, auch nicht so schnell erfüllt worden. Doch ist Depardieu eine französische und internationale Filmikone. Deshalb wurde aus der Boulevard-Geschichte ein Politikum, von dem Russlands Präsident Wladimir Putin im Besonderen und sein Land im Allgemeinen profitiert. Mit der Medien-Präsenz Depardieus und seiner Frankreich-Kritik bekam auch die Äußerung Brigitte Bardots mehr Aufmerksamkeit, aus Ärger über Frankreichs unzureichenden Tierschutz dem Land möglicherweise den Rücken zu kehren.

Steuerstreit mit Folgen

Zuerst hatte es so ausgesehen, als ob Gérard Depardieu bald ins benachbarte Belgien auswandern würde. Dort hatte er im vergangenen Herbst ein Haus gekauft, weil ihm die Einkommenssteuer in seiner Heimat zu hoch ist. Frankreichs Staatspräsident François Hollande wollte ab Januar 2013 das Einkommen von Millionären mit einer Reichensteuer von 75 Prozent belegen, der französische Verfassungsrat stoppte das Projekt jedoch vorerst.

Als Depardieu von seinen Plänen sprach, wegen der Steuern seiner Heimat den Rücken zu kehren, nannte Frankreichs Regierungschef Jean-Marc Ayrault das "unpatriotisch" und "erbärmlich". Der Streit nahm zu und hat inzwischen weite Kreise gezogen. Diskutiert wird in Frankreich inzwischen nicht nur über Depardieus zweifelhafte Geste, das Land zu verlassen, sondern auch über die nationalen und die ungleichen europäischen Steuergesetze. Darüberhinaus geraten ebenfalls die hohen Schauspielergehälter ins Visier der Medien und ihre Auswirkung auf den schlechten Stand der französischen Filmwirtschaft.

Putins Profit

Russlands Präsident Vladimir Putin begrüßt Gerard Depardieu in Sochi, Russland (Foto: REUTERS)

Depardieu und Putin betonen stets ihre tiefe Freundschaft

Noch bevor Depardieu nach Belgien ziehen konnte, kam Russland ins Spiel. Am 20. Dezember kündigte Staatspräsident Wladimir Putin an, seinem Schauspieler-Freund bei Bedarf die russische Staatsbürgerschaft zu verleihen. "Wenn Gérard wirklich einen Wohnsitz in Russland oder einen russischen Pass haben will, dann kann er das haben", sagte Putin. In der vergangenen Woche unterzeichnete er ein entsprechendes Dekret, am vergangenen Samstag (05.01.2013) vollzogen die Freunde Putin und Depardieu medienwirksam die Pass-Übergabe. In der Republik Mordwinien - im europäischen Teil Russlands - wurde dem Filmstar am Wochenende ein großer Empfang bereitet.

Weit mehr als die Absicht, Russe zu werden, sorgte in Frankreich Depardieus Rundum-Lob für Russland und dessen Regierung für Unverständnis und Kritik. In einem offenen Brief an die französischen Medien sowie auf einem Video sprach der Schauspieler von seiner großen Liebe zu Russland, seiner Liebe zu Putin und bezeichnete Russland als "große Demokratie", in der es sich "gut leben" lasse.

Viele betrachten Putins Großzügigkeit und betonte Nähe zu dem beliebten Schauspieler als politisches Kalkül, damit der Glanz des Filmstars die Beliebtheit des Präsidenten fördert. Der russische Journalist Andrej Gratschow von der oppositionellen Zeitung "Nowaja Gazeta" beklagte, dass Gérard Depardieu seine Freundschaft zu Putin in einer Zeit betone, in der der russische Präsident mehr und mehr in Frage gestellt werde. Der russische Schriftssteller Edouard Limonov übte auf seine Weise Kritik und forderte Depardieu in seinem Blog auf, am 31. Januar mit seinem neuen Pass in Moskau zu erscheinen, um dort gegen die Einschränkung des Versammlungsrechts mit zu protestieren. In Frankreich und auch in Deutschland meldete sich der prominente Philosoph André Glucksmann zu Wort. Er sagte der Berliner Zeitung "Tagesspiegel", er schäme sich für Depardieu, weil der mit dem russischen Staatspräsidenten und dem umstrittenen Machthaber Tschetscheniens, Ramsan Kadyrow, ein enges Verhältnis pflege.

Auswanderung als Strafe für Frankreichs Regierung

Die prominente Schauspielerin und Tierschutzaktivistin Brigitte Bardot (Foto: ddp)

Auch Brigitte Bardot droht, Frankreich den Rücken zu kehren

Durch Depardieus öffentlichkeitswirksame Abwendung von Frankreich ist die Auswanderung offenbar zu einem wirksamen Druckmittel für die Interessen Prominenter geworden. Die französische Schauspielerin und Tierschützerin Brigitte Bardot hat sich vielfach über die geplante Tötung zweier kranker Zirkuselefanten in Paris empört. In der vergangenen Woche kündigte sie an, deshalb dem Beispiel Depardieus zu folgen und bald den russischen Präsidenten Putin zu besuchen. Bereits in der Vergangenheit war Bardot, die 2012 die rechtsextreme Front National im Wahlkampf unterstützte, als lautstarke Tierschützerin in die Öffentlichkeit getreten. Von einer Auswanderung hatte sie bislang aber nie gesprochen. Das Druckmittel stand bisher nicht zur Auswahl.

Der Spatz von Avignon schimpfte in Moskau

Mireille Mathieu während eines Auftritts in Moskau (Foto: dpa)

Mireille Mathieu singt gerne in Moskau

Durch den geballten Prominentenärger von Depardieu und Bardot rückte auch Mireille Mathieu wieder ins Rampenlicht. Die berühmte französische Sängerin mit dem Spitznamen "Spatz von Avignon" ist in den vergangenen Jahren mehrfach in Russland aufgetreten und hat dort zahlreiche Fans. Als sie das Land im September besuchte, kritisierte sie das Verhalten der Frauenpunkband Pussy Riot scharf. Die Musikerinnen hätten mit ihrer Kreml-kritischen Protestaktion in einer Moskauer Kirche einen "Frevel" begangen.

Pussy Riot hatten in ihrer Performance in der Kathedrale die engen Verbindungen von Wladimir Putin zur russisch-orthodoxen Kirche angeprangert. Ein Moskauer Gericht verurteilte mehrere Bandmitglieder im August wegen "Rowdytums" und "Anstiftung zu religiösem Hass". Zwei weitere Musikerinnen der Band setzten sich ins Ausland ab. Zahlreiche Künstler aus aller Welt solidarisierten sich mit den Punk-Musikerinnen - Mireille Mathieu tat das Gegenteil.

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