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Kultur

Russischstunde

Zwei russische Filmemacher sind 2008 den Meldungen über den Krieg im Südkaukasus nachgegangen. Ihr Dokumentarfilm dürfte dem Kreml gar nicht gefallen, denn er erhebt schwere Manipulationsvorwürfe.

Eine georgische Frau beobachtet den Abzug russicher Panzer, Quelle: Dok Leipzig

Eine Georgierin beobachtet den Abzug russischer Panzer

In der Nacht vom 7. auf den 8. August 2008 beginnen in der Region Südossetien Kämpfe zwischen russischen Truppen und südossetischen Milizen auf der einen, und georgischen Truppen auf der anderen Seite. Die Sankt Petersburger Filmemacher Andrey Nekrasov und Olga Konskaya, die inzwischen verstorben ist, beschließen, selbst in die Konfliktregion zu reisen. Ihr Film "Russian Lessons" wurde nun auf dem Dokumentarfilmfestival "Dok Leipzig 2010" vorgestellt.

Der Film beginnt in der Petersburger Wohnung der beiden, über den Fernseher flimmern die ersten Meldungen über den Krieg, über Zerstörungen und Tote in der südossetischen Hauptstadt Zchinwali. Aus dem Off ist die Stimme Nekrasovs zu hören. "Olga und ich haben mehrere Filme gemacht, die die russische Regierung kritisieren", erzählt er. "Aber auch wir standen unter dem Eindruck, dass Georgien hier unseren Verbündeten Südossetien angegriffen hatte, und dass die USA hinter dieser Eskalation stehen." Georgien macht sich damals Hoffnung auf einen Beitritt zur Nato.

Faktencheck am Telefon

Bombardierung von Goris, Quelle: Dok Leipzig

Bombardierung von Goris

Beide machen sich daraufhin selbst auf den Weg in die Konfliktregion, um die Meldungen im russischen Fernsehen zu überprüfen. Südossetien gehört völkerrechtlich zu Georgien und sagte sich nach dem Ende der Sowjetunion von Tiflis los. Im August 2008 vermeldet das russische Fernsehen, dass bei einem georgischen Angriff auf die südossetische Hauptstadt Zchinwali 2000 Menschen umgekommen seien. Konskaja besucht Südossetien nördlich der Front, und Nekrasov die georgischen Gebiete südlich der Front, die zu dem Zeitpunkt ebenfalls von russischen Truppen besetzt sind.

Am Telefon vergleichen sie ihre Beobachtungen. "Ich habe in ganz Zchinwali keine hundert frischen Gräber gezählt", berichtet Konskaya in einer Szene. Auf der anderen Seite sitzt Nekrasov mit dem Laptop und vergleicht ihre Angaben mit den Informationen, die er in den Medien findet. "Dann erklär’ mir doch bitte, wie es so wenige Gräber geben kann, wenn 2000 Menschen getötet wurden", sagt er und fügt hinzu: "Die russische Seite erklärt, einige Opfer seien zunächst an anderen Orten begraben worden. Aber später sollen sie auf Friedhöfe umgebettet worden sein."

Georgische Kriegsopfer werden zu ossetischen

Russische Stellen korrigieren später ihre Zahlen dramatisch nach unten. Im Dezember 2008 gibt die russische Staatsanwaltschaft bekannt, nach ihren Untersuchungen seien im August 162 Menschen auf ossetischer Seite umgekommen. Ein Unterschied zwischen Zivilisten und Kämpfern wird dort nicht gemacht. Akribisch dokumentiert der Film auch, wie das russische Fernsehen Bilder manipuliert. Bilder eines georgischen Kameramanns von der Bombardierung des georgischen Gori werden zu Bildern aus dem südossetischen Zchinwali, georgische Kriegsopfer werden zu ossetischen.

Viele dieser Bilder werden später von westlichen Medien übernommen. Ohnehin wirft der Film den westlichen Medien vor, die russische Version viel zu unkritisch darzustellen. Mehrere Beispiele werden gezeigt, in denen westliche Sender die Bilder aus Russland weiterverbreiten. Als Kronzeuge für die westliche Gutgläubigkeit wird schließlich der deutsche Journalist Thomas Roth angeführt, der sich in einem Fernsehinterview vom russischen Premierminister Wladimir Putin die Regie aus der Hand nehmen lässt. Wer hat ihrer Meinung nach den Krieg begonnen, fragt Putin den Journalisten.

Wie ein Schüler vorgeführt

Konskaya und eine alte Frau. Quelle: Dok Leipzig

Konskaya (l.) spricht mit einer Dorfbewohnerin

Roth antwortet, der letzte Auslöser des Krieges sei der georgische Angriff auf Zchinwali gewesen. Großspurig bedankt sich der russische Präsident für diese Antwort. Die Szene wird später übersetzt und im russischen Fernsehen gezeigt. Verstörend ist weniger die Antwort Roths – diese Version stützt auch ein späterer Untersuchungsbericht der EU - sondern dass Putin den Journalisten wie einen Schüler vorführt.

"Russian Lessons" heißt der Film der beiden kremlkritischen Filmemacher Konskaya und Nekrasov. Sie konzentrieren sich auf die Rolle, die Russland in diesem Konflikt spielt und auf die Macht der Bilder in einem Konflikt, der von Anfang an widersprüchlich war. Es ist eine Abrechnung mit der russischen Politik in diesem Kaukasus-Konflikt. Was auf georgischer Seite zur selben Zeit vorgegangen ist, wird nur am Rande erwähnt. "Es gibt ein Recht auf Subjektivität, solange man ehrlich ist, und nicht vorgibt, eine objektive Wahrheit zu zeigen", rechtfertigt Nekrasov diese Vorgehensweise. "Olga und ich berichten aufrichtig darüber, was wir mit unseren eigenen Augen auf beiden Seiten der Front gesehen haben. In erster Linie interessiert uns dabei die Rolle unseres Landes."

In einem zweiten Teil des Films untermauern Nekrasov und Konskaya ihre These von der destruktiven Rolle Russlands noch mit anderen Beispielen: Die Konflikte im Kaukasus, die Geiselnahme in Beslan und der grausame Konflikt zwischen Abchasen und Georgiern Anfang der neunziger Jahre, bei dem alle Georgier, immerhin die Hälfte der Bevölkerung Abchasiens, fliehen mussten. Obwohl auch hier wieder einzelne Begebenheiten genau recherchiert wurden und auch Kriegsverbrechen belegt werden, fällt dieser Teil in seiner dokumentarischen Absicht hinter dem ersten Teil ab. Zu sehr wirken die Beispiele herausgegriffen aus einem komplizierten Kontext, aus einer von außen kaum zu durchdringenden Konfliktlandschaft. Äußerst sehenswert bleibt der Film aber für die beeindruckende Dokumentation der Ereignisse im August 2008.

Autor: Mathias Bölinger

Redaktion: Jan Bruck

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