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Aktuell Europa

Russischer Patriarch besucht Polen

Es könnte für die Beziehungen zwischen katholischer und orthodoxer Kirche die entscheidende Wende werden: Der russische Patriarch Kirill besucht Polen.

Der 2005 verstorbene Papst Johannes Paul II. hatte vergeblich auf eine Reise nach Russland und auf einen Durchbruch im Verhältnis zwischen römisch-katholischer und russisch-orthodoxer Kirche gehofft. Nun ist Kirill I. - das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche - in die Heimat des polnischen Papstes gereist. Bei seiner Ankunft auf dem Flughafen der Hauptstadt Warschau sagte Kirill, seine Reise sei eine Gelegenheit für Orthodoxe und Katholiken, um "gemeinsam über unsere Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft" nachzudenken. Auf dem Programm des Patriarchen standen zunächst Treffen mit Mitgliedern der orthodoxen Kirche in Polen, am Abend ein Gespräch mit dem polnischen Präsidenten Bronislaw Komorowski.

Besuch historisch

Höhepunkt des Besuchs wird eine Versöhnungserklärung sein, die Kirill und der Vorsitzende der polnischen Bischofskonferenz, Erzbischof Jozef Michalik, am Freitag feierlich im Königsschloss in Warschau unterzeichnen wollen. Schon jetzt werden Vergleiche mit dem historischen Briefwechsel der polnischen und der deutschen Bischöfe mit der berühmten Formulierung "Wir vergeben und bitten um Vergebung" gezogen. Die Briefe ebneten den Weg für die deutsch-polnische Annäherung nach Weltkrieg und Holocaust.

"Beginn des Dialogs"

Der Erzbischof von Lublin, Stanislaw Budzik, der die Erklärung in einer paritätisch besetzten Kommission mit vorbereitete, sagte, das Papier stelle erst den Anfang des Dialogs über eine Normalisierung der polnisch-russischen Beziehungen dar. Historische Streitfragen würden in der Erklärung nicht angesprochen. Auf jedes konkrete Schuldeingeständnis wird demnach verzichtet. Bekannt ist inoffiziell bislang nur ein Schlüsselsatz. Die Kirchen rufen die Gläubigen auf, "Gott um Vergebung für alles gegenseitig zugefügte Leid, Unrecht und Böse zu bitten".

Gegenseitige Schuldzuweisungen

Die polnisch-russischen Beziehungen sind durch eine von Gewalt und tiefem Misstrauen geprägte Geschichte belastet. Als größtes Hindernis für die Aussöhnung gilt nach wie vor die Hinrichtung Tausender polnischer Kriegsgefangener 1940 in Katyn durch den sowjetischen Geheimdienst. Moskau hatte sich jahrzehntelang geweigert, die Schuld dafür anzuerkennen und die deutschen Nationalsozialisten dafür verantwortlich gemacht.

Russische Historiker wiederum machen Warschau für den Tod Tausender sowjetischer Gefangener während des polnisch-sowjetischen Kriegs Anfang der 1920er Jahre verantwortlich. Aktuell sieht sich die russisch-orthodoxe Kirche durch den ihrer Meinung nach "zu aggressiven Missionseifer" der katholischen Kirche herausgefordert.

11. April 2010: Russische Feuerwehrmänner neben dem Wrack der abgestürzten polnischen Präsidentenmaschine Foto:AP)

11. April 2010: Russische Feuerwehrmänner neben dem Wrack der abgestürzten polnischen Präsidentenmaschine

Mit Blick auf die national-konservative Opposition in Polen warnte Erzbischof Michalik nachdrücklich davor, den Besuch Kirills in die politische Auseinandersetzung zu ziehen. Hintergrund ist der Streit um die Ursache der Flugzeugkatastrophe, bei der der Zwillingsbruder von Oppositionsführer Jaroslaw Kaczynski und damalige Staatspräsident Lech Kaczynski ums Leben gekommen war. Seitdem schüren vor allem Polens Nationalkonservative das Gerücht, es habe sich um einen Anschlag auf Befehl des Kremls gehandelt. Der offizielle Untersuchungsbericht macht Pilotenfehler und schlechtes Wetter für den Absturz verantwortlich.

Die russisch-orthodoxe Kirche ist mit rund 150 Millionen Gläubigen die mit Abstand größte orthodoxe Nationalkirche. Sie zählt fast alle ehemaligen Sowjetrepubliken zu ihrem Territorium. Die katholische Kirche hat in Polen traditionell großen Einfluss. Mehr als 95 Prozent aller Bürger des Landes sind katholisch getauft. Beide Kirchen eint eine weitgehende Ablehnung liberaler westlicher Wertvorstellungen.

wl/nis/hp (dpa, afp, kna, epd)

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