Russische Medien zum Fall Skripal: Russland ist mal ″Opfer″, mal ″paranoid″ | Europa | DW | 14.03.2018
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Russland - Großbritannien

Russische Medien zum Fall Skripal: Russland ist mal "Opfer", mal "paranoid"

In der russischen Presse finden Leser beides: Eine kremlhörige Berichterstattung über das Nervengift-Attentat auf Sergej Skripal in London sowie kritische, differenzierte Stimmen. Aus Moskau Miodrag Soric.

Ganz gleich, welche Nachrichtensendung in einem der staatlich kontrollierten TV-Kanäle gerade läuft: Die Anschuldigungen der britischen Regierung in der Affäre um den Nervengift-Anschlag auf den Ex-Doppelagenten Sergej Skripal und seine Tochter werden zurückgewiesen. Viel mehr Bedeutung aber messen die staatlichen Medien dem Thema nicht bei. Bis zu der Ankündigung der britischen Premierministerin Theresa May, russische Diplomaten auszuweisen, schaffte der Fall Skripal es nirgendwo unter die wichtigsten Nachrichten. Der Präsidentschafts-Wahlkampf, die Lage auf der Krim, die Wahl der Bundeskanzlerin in Berlin - alles das scheint am Mittwoch den Fernsehmachern wichtiger. Wenn aber über den Anschlag berichtet wird, über das Ultimatum der britischen Regierung und die Anschuldigungen, die aus dem Westen kommen, dann wird Moskau meist als Opfer dargestellt - eines, welches der Westen wieder einmal unter Druck zu setzen versucht.

Dieser Tenor findet sich auch in Blättern, die dem Kreml nahestehen oder sich zumindest nicht um Distanz bemühen. Etwa die "Nesawissimaja Gaseta". Sie meint, dass der Westen und die NATO sich kollektiv gegen Russland verbündeten. Ins gleiche Horn bläst die "Iswestja". Es werde kaum gelingen, die "britische Hysterie" in den Medien zu stoppen, meint die Zeitung. Sie zitiert die Vorsitzende des Föderationsrates, des Oberhauses im Parlament, Valentina Matwijenko, die eine "russophobe Kampagne" beklagt.

Russland britische Botschaft in Moskau (Getty Images/Epsilon/O. Nikishin)

Angespanntes Verhältnis: Britische Botschaft in Moskau

Der Vorsitzende der Duma Vjatscheslav Volodin spricht von einem Versuch, sich in die russischen Präsidentschaftswahlen einzumischen. Der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Oberhaus des russischen Parlaments, Konstantin Kossatschow, behauptet: Irgendwer habe in London "absichtlich Spuren hinterlassen". Das Ziel sei, Russland schlecht dastehen zu lassen.

Russland als "Ausgeburt der Hölle"

Darüber hinaus beschäftigen sich aber auch andere Zeitungen mit dem Thema, etwa das Wirtschaftsblatt "Wedemosti". Ein Team aus drei Redakteuren schreibt: Russland habe im Westen eine Reputation wie früher die Sowjetunion. Die UdSSR habe einst zahlreiche politische Gegner im Ausland ermordet - und die Tat anschließend abgestritten. "Moskau zeigt sich als Wiederholungstäter, der nicht einmal, sondern ständig seine Unschuld beteuert." Das gebe, so "Wedemosti", anti-russischen Kreisen in den USA und Europa Argumente, um Russland als "Ausgeburt der Hölle" erscheinen zu lassen, die den Frieden stört.

Die liberale und Kreml-kritische "Nowaja Gaseta" vergleicht Russland mit Nordkorea. Die in Russland bekannte Journalistin und Moderatorin Julia Latinina scheint überzeugt zu sein, dass Russland hinter dem Anschlag stecke. Sarkastisch kommentiert sie Russlands bisherige Reaktion: "Erstens: Das wird jedem widerfahren, der uns verrät. Zweitens: Dieses Verbrechen haben unsere Feinde begangen." Russland leide, schreibt sie weiter, unter einer paranoiden Weltsicht: Der Aggressor erscheint als Opfer. Letztlich mache genau das Gespräche mit ihm überflüssig.

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