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Holocaust

Russische Eisläufer empören mit Holocaust-Tanz

KZ-Häftlinge in Schlittschuhen? Eine Eiskunstlauf-Sendung im russischen Staatsfernsehen sorgt für Entsetzen. Die Tänzerin ist mit dem Pressesprecher von Präsident Putin verheiratet - und wehrt sich gegen die Vorwürfe.

Eine kontroverse Kür hat ein russisches Eiskunstlaufpaar ins mediale Schlittern gebracht: Statt Pailletten und Tüll trugen die Tänzer schwarz-weiß gestreifte Sträflingskleidung, mit Insassennummer und einem gelben Stern an der Brust. Die Inszenierung der beiden Tänzer Tatjana Nawka (Artikelbild) und Andrej Burkowsky wurde am Samstag im russischen Staatsfernsehen als Teil einer Unterhaltungssendung aufgeführt.

Der vierminütige Schlittschuhtanz ist laut Aussage des Tanzpaars als Hommage an den italienischen Film "Das Leben ist Schön" inszeniert worden. In der tragischen Komödie von Roberto Benigni wird das Schicksal eines italienischen Juden in einem Konzentrationslager des NS-Regimes erzählt. Das Paar führte seine Kür in der Wettbewerbsshow "Eiszeit" auf. Dort treten russische Prominente und professionelle Eiskunstläufer gemeinsam gegen andere Teams an.

Zuschauer: "Kein Taktgefühl"

Rund sechs Millionen Juden wurden von Nationalsozialisten im Holocaust getötet. Die Darstellung des Massenmordes in einem Unterhaltungsprogramm wurde von der israelischen Kultusministerin Miri Regev scharf kritisiert: "Motive des Holocaust sind nicht für Parties, Tänze und nicht für Realityshows [geeignet]", sagte sie im israelischen Armeeradio. "Keiner der sechs Millionen tanzte und ein Konzentrationslager ist kein Ferienlager."

Die Bilder der Sendung sorgten auch bei russischen Zuschauern und in sozialen Netzwerken für Empörung. "Sind Sie verrückt geworden?", kommentierte Zuschauer Mihael Ratinsky auf der Internetseite des Senders Kanal Eins. "Kein Geschmack, kein Taktgefühl, kein Einfühlungsvermögen."

In sozialen Netzwerken reagierten Nutzer ebenfalls entsetzt auf veröffentlichte Bilder. "Wenn du glaubst, alles gesehen zu haben", schreibt der britische Journalist Eylan Aslan-Levy, "gibt es Holocaust als Eiskunstlauf in Russland." Die amerikanische Komikerin Sarah Silvermann - eine bekennende Jüdin - empörte sich im sozialen Nachrichtennetzwerk Twitter über die Aufführung.

Tänzerin Nawka: Hommage an Lieblingsfilm

Den weiblichen Part tanzte die Olympiasiegerin im Eiskunstlauf, Tatjana Nawka. Brisant: Die mehrfache Medaillensiegerin ist mit Dmitri Peskow verheiratet. Peskow ist der Pressesprecher des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Nawka verteidigte ihren Auftritt in russischen Medien. Die Kür basiere auf einem ihrer Lieblingsfilme. Putin und weitere Regierungsmitglieder hatten sich in der Vergangenheit gegen Rechtfertigungen von NS-Verbrechen ausgesprochen und Holocaust-Opfern gedacht.

Der Schöpfer der kontroversen Choreografie Ilja Averbukh verteidigte seine Inszenierung in einer russischen Zeitung: "Ich werte diese ganzen Reaktionen als Zeichen des heutigen Wahnsinns." Der russische Eiskunstläufer ist selbst Jude. Laut der Nachrichtenagentur AP habe er in einem früheren Interview berichtet, in seiner Kindheit in Russland Probleme mit seinem jüdischen Namen gehabt zu haben.

Die russischen Eiskunstläufer sind nicht die ersten, die mit einer "Holocaust-Kür" für Kontroversen gesorgt haben. Bereits 1996 hatte der französische Sportminister seiner Nationalmannschaft der Synchronschwimmer eine Choreografie untersagt, in der Jüdische Frauen bei der Ankunft im Konzentrationslager dargestellt wurden. Auch diese Aufführung basierte auf einem Kinofilm, dem Oscar-prämierten Spielfilm "Schindler's Liste".

myk/qu (AP, AFP)