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Politik

Russisch-ukrainisches Streitobjekt Krim

Gerät nach Georgien nun die Ukraine ins Visier des Kremls? Auch hier gibt ein Nationalitätenproblem, von Russland unterstützte Seperatisten - und die russische Schwarzmeerflotte.

Parade der russischen Marine in Sewastopol

In Sewastopol auf der Krim liegt die russische Schwarzmeerflotte

Potenziellen Konfliktstoff könnte der Gegensatz zwischen dem mehrheitlich russisch besiedelten Osten und Süden und dem mehrheitlich ukrainisch geprägten Westen des Landes liefern. Dieser Kontrast zeigt sich auch auf der Krim: In der Hafenstadt Sewastopol liegt nämlich noch bis mindestens 2017 die russische Schwarzmeerflotte vor Anker. Die Russen bereiten sich zögerlich auf den Weggang vor, würden den strategischen Hafen gerne länger behalten, doch die derzeitige politische Führung der Ukraine ist strikt dagegen. Sewastopol - der nächste Konfliktherd?

Die Krim in Händen russischer Touristen

Touristen am Strand auf der Krim (DPA)

Im Sommer ist die Krim in der Hand der russischen Touristen

In diesen ersten Septembertagen gehört die Hafenpromenade von Sewastopol noch ganz den russischen Touristen. Zahlungskräftigen Krimurlauber mit knappen Badeshorts und großen Sonnenbrillen fotografieren sich mit Matrosen in Marineuniform. Der 24-jährige Russe Timur aus Sankt Petersburg macht Urlaub mit Freundin Olga und fühlt sich hier sehr Zuhause. Moskau investiere viel Geld in die Stadt, Russland finanziere Universitäten, rekonstruiere Gebäude. Die beste Schule sei die russische Schule, so Timur. Gesetzlich möge die Krim der Ukraine gehören aber in der Seele der Bevölkerung sei es ein Teil Russlands: "Alle Leute hier auf der Krim lieben Russland."

Nur Ukrainer bekommen Rente

Fast 80 Prozent der Einwohner Sewastopols sind russischstämmig. Wie die Rentnerinnen am Fähranleger. Sie versuchen mit selbstgemalten Schildern den Urlaubern Zimmer zu vermitteln. Die 67-jährige Alla Petrovna trägt ein buntes Blümchenkleid und einen Strohhut. Nach 43 Berufsjahren muss sie mit knapp 100 Euro Rente im Monat auskommen. Auf den Zusatzverdienst ist sie angewiesen. Ja, sie habe die ukrainische Staatsangehörigkeit, sagt Alla, aber was heißt das schon? Sie sei russisch geboren und aufgewachsen, man habe sie gezwungen, die russischen in ukrainische Pässe umzutauschen, weil sie sonst keine Rente bekommen hätten, sagt die 67-Jährige.

Bürger zweiter Klasse

Wie Rentnerin Alla fühlen sich viele Russischstämmige in Sewastopol von der Regierung in Kiew als Bürger zweiter Klasse behandelt. Vor allem die strenge Sprachenpolitik ärgert die Russisch-Muttersprachler auf der Krim. In den Schulen werden neuerdings immer mehr Fächer auf Ukrainisch unterrichtet, Radio und Fernsehen senden auf Ukrainisch, klagt die pensionierte Lehrerin Nina. Sie seien fast alle Russen, warum sollten sie auf einmal Satellitenfernsehen kaufen, um russische Sendungen zu empfangen. In vielen Ländern gebe es mehrere Sprachen, das störe doch keinen. Warum müsse es hier nur eine Sprache sein, fragt sie.

Starke Sympathie für Russland

Vor allem die Älteren träumen von der Rückkehr der Krim zu Russland. In ein Land, das Stabilität verspricht. Wo die Muttersprache geachtet wird. Die Sympathien für Russland sind in Sewastopol unüberhörbar. Doch offen für eine Loslösung der Krim von der Ukraine treten bislang nur einige separatistische Grüppchen ein, die von Russland finanziell unterstützt werden. Die Abspaltungs-Bewegung werde keine kritische Masse erreichen, glaubt der stellvertretende Bürgermeister Sewastopols, Wladimir Kasarin. Er ist direkt dem Präsidenten in Kiew unterstellt. Die meisten seiner Einwohner hätten in den Jahren seit der Unabhängigkeit ihre Einstellung geändert. Sehr viele würden sich als ukrainische Bürger identifizieren: "Sie wohnen auf der Krim, sie haben hier die Gräber ihrer Väter, hier sind ihre Kinder und Enkel", so der Bürgermeister, "Gleichzeitig wollen sie frei nach Russland fahren und Touristen aus Russland hier empfangen und davon auch wirtschaftlich profitieren."

Bürgerkrieg wegen NATO-Beitritt?

NATO-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer und Julia Timoschenko (NATO)

NATO-Generalsekretär Jaap de Hoop Scheffer besuchte im Juni dieses Jahres die Ukraine

Andere Politiker auf der Krim sehen die Situation kritischer als Kasarin: Wenn die NATO ein Beitrittsprogramm für die Ukraine beschließe, werde es sehr schwierig, den Separatismus zurückzudrängen. Das könne "den Beginn eines Bürgerkriegs bedeuten", orakelte dieser Tage der mächtige Präsident des Sewastopoler Stadtrats, Waleri Saratow. Er gehört der russlandfreundlicheren Partei der Regionen an, die den NATO-Beitritt vehement ablehnt. Das Wasser im Hafenbecken schimmert grünlich. Ein paar braungebrannte Jungen springen kopfüber hinein. Ein paar Rentner spielen Schach mit nacktem Oberkörper. Einer von ihnen ist Ukrainer und für die West-Anbindung. Nur so werde sein Land auf Dauer unabhängig von Moskau bleiben. Er glaubt, dass das mit der NATO eine gute Idee sei. Sewastopol sei ein besonderer Ort. Hier sei noch die kommunistische Vergangenheit lebendig, hier seien sehr viele Leute nicht nur gegen die NATO, sondern auch gegen die Ukraine.

Offener Konflikt zwischen der Ukraine und Russland unwahrscheinlich

Sein Schachpartner Igor hofft, dass es auf der Krim so friedlich bleibt. Einen offenen militärischen Konflikt zwischen der Ukraine und Russland hält er für unwahrscheinlich. Er denkt nicht, dass so etwas passieren werde. Die Mehrzahl hier auf der Krim seien Slawen. "Wir Slawen lassen nicht zu, dass wir untereinander kämpfen", sagt Igor und fügt an, dass er verstehe, dass Russland seine Probleme mit der NATO lösen wolle, es sei aber unzulässig, dass dies auf Kosten von Menschen geschehe: "Wir lieben Russland – aber so etwas darf man nicht tun." Es mag am sanften Klima der Krim liegen, das hier die Emotionen nicht so hoch schäumen wie andernorts.

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