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Europa

Russen hinter Gittern

Hunderttausende straffällige Russen sitzen in Gefängnissen. Viele von ihnen fühlen sich ungerecht behandelt. Ein Verein in Moskau kümmert sich um die Opfer der russischen Justizwillkür. Juri Rescheto berichtet.

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Kampf gegen russische Willkürjustiz

Irgendetwas zwischen einer Altkleidersammlung und einem verstaubten Steuerbüro, so sieht diese Moskauer Erdgeschosswohnung aus, in der es um menschliche Schicksale geht. Nicht mehr und nicht weniger. Es geht um Menschen hinter Gittern, die sich ungerecht behandelt, zu Unrecht bestraft, vom Staat erniedrigt und misshandelt fühlen.

Ihre Verwandte, Freunde, ihre Liebsten kommen hierher. Die einen kämpfen für die Freilassung der Angehörigen, die anderen für die Verkürzung der Haftzeit. Manche wären schon froh, überhaupt ein Lebenszeichen von den Inhaftierten zu erhalten oder ein paar warme Sachen in die "Sona” zu schicken. Auch solche Fälle gibt es. "Sona” bedeutet übersetzt  "Zone": So nannte man Orte mit Freiheitsentzug. Um all diese Fälle kümmert sich die Moskauer Stiftung "Russland sitzt”.

"Das ganze Land sitzt fest im Gefängnis”, stellt resolut Olga Romanowa fest, Leiterin der Stiftung und so etwas wie die Seele aller Erniedrigten und Beleidigten. Frau Romanowa zündet eine Zigarette an, zieht: "Wenn man an Russland hinter Gittern denkt, fällt einem mittlerweile der geflügelte Spruch ein: Ein Drittel sitzt bei uns aus falschem Grund, ein Drittel ganz ohne Grund, und nur ein Drittel hat's wirklich verdient.”

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Russland hinter Gittern: Der Geschäftsmann

Viele unschuldige Opfer

Folter in der berüchtigten Strafkolonie von Saratow? Eingeschränktes Besuchsrecht im Frauenlager von Nishni Nowgorod? Olga Romanowa kennt alle Fälle persönlich. Um sie herum sitzen ein paar Juristen, einige wie Artyom Nikitushkin waren selbst inhaftiert. "Ich bin hier wohl die einzige, die noch nicht verurteilt wurde", sagt Olga Romanowa mit einem Sinn für schwarzen Humor, "obwohl man das ja auch schnell ändern könnte, bei unserem System”.

Jeder vierte männliche Bürger Russlands, so heißt es, hatte schon mal Kontakt mit der kriminellen Welt. Und jede achte weibliche Bürgerin des größten Landes der Welt. Einer der Gründe, warum so viele Russen hinter Gitter kommen, ist der Wunsch der Ermittler, gute Bilanzen vorzulegen. "Das russische Rechtssystem braucht konkrete Ergebnisse. Die Zahl der aufgeklärten Fälle muss steigen. Und so werden aus Rechtsorganen und Gerichten reine Statistikjäger”, erzählt Artyom Nikitushkin.

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Russland hinter Gittern: Die Buchhalterin

Sein Fall sei "bestellt gewesen", meint er. Er hatte eine Firma, der es gut ging und die den Appetit bei der Stadtverwaltung weckte. Artyom sollte sein Geld teilen, wollte aber nicht. "Gefangene, die wegen finanzieller Vergehen in Russland einsitzen, wecken natürlich auch im Gefängnis den Appetit bei den anderen. Sie müssen ihren Gefängnisaufenthalt bezahlen. Warum? Weil sie es sich aus der Sicht der Justiz leisten können. Sie werden erpresst und müssen ständig zahlen.”

Das Leben im Gefängnis ist "die Hölle"

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Russland hinter Gittern: Der Stammgast

Unter den Freiwilligen, die sich bei "Russland sitzt” engagieren, ist Piotr Kurjynow. Der Mittfünfziger kümmert sich um so genannte Wiederholungstäter oder "Stammgäste” in Gefängnissen. Viele von denen, die wieder und wieder verurteilt und "auf die Etappe” geschickt werden, sind in Wirklichkeit schuldlos. "Sie sind bequeme Opfer für jeden Polizisten! Einmal Verbrecher, immer Verbrecher”, beschwert sich Piotr Kurjynow. Er musste fünfmal hinter Gitter, nur einmal "verdient”, sagt er.

Neben der Habgier der Justizbeamten beklagen viele Häftlinge auch die Brutalität des Gefängnisalltags. Piotr Kurjyanow beschreibt seine Zeit in einem Gefängnis im Süden Russlands als die Hölle: "Im Straflager von Saratow herrschte echter Sadismus. Wie in einem Hitler-KZ. Als ich herkam, wurde meine Persönlichkeit als Allererstes auf brutalste Art und Weise gebrochen. Meine Psyche und mein Körper wurden misshandelt und erniedrigt. Ich wurde verprügelt. So schlimm, dass ich an nichts anderes mehr denken konnte außer: Warum? Warum schlagen sie mich?”

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Russland hinter Gittern: Ein Ex-Häftling erzählt

"Der Gulag lebt"

Wenn Olga Romanowa das hört, steigt in ihr Wut auf: "Russische Gefängnisse sind nicht dazu da, die Menschen besser zu machen, umzuerziehen und in die Gesellschaft wieder einzugliedern. Ihr reiner Zweck ist die Bestrafung. Eine Bestrafung mit gesetzlich erlaubten Foltermethoden.”

Dass das russische Rechtssystem dringend reformbedürftig ist, hat sogar Präsident Wladimir Putin mehrmals angemahnt. Passiert ist bisher allerdings nichts. "Der Staat im Staat” wie man die oberste russische Justizvollzugsbehörde FSIN nennt, ist zu mächtig und hat zu lange Tradition. "Der Gulag lebt”, sagt Piotr Kurjyanow, "sein Geist wandert durch Russland”.

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"Niemand ist vor Fehlern gefeit"

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