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Fokus Osteuropa

Russen gedenken der Opfer der Sowjetmacht

Ein Mal im Jahr wird mitten in Moskau an die Verbrechen der Kommunisten erinnert. Diese Tradition sei heute wichtiger denn je, so Jelena Schemkowa von der Menschenrechtsorganisation Memorial im DW-Interview.

Die Menschenrechtlerin Jelena Schemkowa in Moskau (Foto: DW)

Jelena Schemkowa gedenkt der Opfer politischer Repressionen in der Sowjetunion

DW: Frau Schemkowa, warum wird in Russland gerade am 30. Oktober der Opfer politischer Repressionen gedacht?

Logo der Menschenrechtsorganisation Memorial

Die Organisation 'Memorial' setzt sich seit 1988 für die Menschenrechte ein

Jelena Schemkowa: Der 30. Oktober ist ein besonderer Tag. 1974 hatten an diesem Tag politische Gefangene in der Sowjetunion damit begonnen, gegen ihre Verfolgung zu protestieren. In den Gefängnissen traten Häftlinge in einen eintägigen Hungerstreik. Menschen, die in Freiheit lebten, hielten an diesem Tag Solidaritätsaktionen ab. Als 1991 das Gesetz über die Rehabilitation von Opfern politischer Repressionen in der Sowjetunion verabschiedet wurde, war es selbstverständlich, den 30. Oktober zum Gedenktag zu erklären.

Wie ist denn die Tradition entstanden, sich auf dem Moskauer Lubjanka-Platz, gegenüber dem ehemaligen KGB-Gebäude und jetzigen Sitz des Geheimdienstes FSB am "Solowezki-Stein" zu versammeln?

1990 wurde der "Solowezki-Stein" von der Solowezki-Insel nach Moskau gebracht. Auf der Insel befand sich eines der ersten sowjetischen Arbeitslager für politische Gefangene. Zunächst wurden an dem Stein immer am 30. Oktober Trauerveranstaltungen abgehalten.

Aber schon Mitte der 2000er Jahre wurde klar, dass diese Aktionen zu unpersönlich waren. Dutzende Millionen von Menschen waren von der Tragödie betroffen. Allein nach dem Rehabilitations-Gesetz gab es etwa 13 Millionen direkte Opfer. Hinzuzählen muss man deren Familienangehörige. In den Jahren der Sowjetmacht wurden 1,1 Millionen Menschen erschossen. 725.000 wurden allein in den Jahren des Großen Terrors 1936 bis 1938 unter Stalin ermordet, davon etwa 40.000 Menschen in Moskau. Wenn man sich all dies bewusst macht, dann wird einem klar, dass Kundgebungen allein nicht reichen. So entstand die Idee, Namen von Opfern zu verlesen. Erstmals fand eine solche Aktion im Jahr 2007 statt.

Wie laufen diese Aktionen ab?

Es ist uns sehr wichtig, aller Opfer zu gedenken. Natürlich können wir nicht alle 725.000 Namen der Menschen vorlesen, die in den Jahren des Großen Terrors erschossen wurden. Daher entschied man sich, nur die Namen der Bürger aus Moskau zu verlesen. Zunächst wollten wir dies pausenlos Tag und Nacht tun. Aber die Behörden akzeptierten dies nicht. Also entschieden wir uns, die Aktion von 10 bis 22 Uhr abzuhalten. Nun verlesen wir jedes Jahr so viele Namen, wie wir in dieser Zeit schaffen. Im Jahr drauf setzen wir dann die Verlesung der Namensliste fort. Teilnehmen an der Aktion kann jeder. Jahr für Jahr kommen sogar Politiker und bekannte Schauspieler. Selbst bei schlechtem Wetter warten alle in einer Schlange, bis sie an der Reihe sind. Sie bekommen von Freiwilligen eigens vorbereitete Blätter, auf denen Vorname, Familienname, Alter, Beruf und das Datum der Erschießung stehen. Da viele Menschen an der Aktion teilnehmen wollen, bekommt jeder nur vier Namen. Die Aktion eröffnet traditionell der russische Menschenrechtsbeauftragte Wladimir Lukin.

Wie viele Menschen sind an der Vorbereitung der Aktionen beteiligt? Helfen "Memorial" viele Freiwillige?

An der Vorbereitung der Aktion "Rückkehr der Namen" kann sich jeder beteiligen. "Memorial" hat eine Menge Freiwilliger. Übrigens kommt dank unserer Zusammenarbeit mit der deutschen Organisation "Aktion Sühnezeichen Friedensdienste" bereits seit vielen Jahren ein Freiwilliger aus Deutschland immer für ein ganzes Jahr zu uns. In diesem Jahr haben mehr als 100 Menschen mitgeholfen.

Empfinden die Menschen einen Bezug der Aktion zur heutigen Zeit?

Gedenkaktion in Moskau am 30. Oktober 2012 (Foto: DW)

Gedenkaktion in Moskau am "Solowezki-Stein" (30.10.2012)

Natürlich. Den Menschen ist doch klar, dass sich viele Institutionen und Strukturen in unserem Land nicht verändert haben. Es ist kein Geheimnis, dass die Justiz in einem schrecklichen Zustand ist. Aber nur wenige wissen, warum. Gerichte stehen eigentlich für die Möglichkeit, sich auf legalem Weg vor Willkür und Ungerechtigkeit zu schützen. Da man aber auch heute oft nirgendwo Schutz erwarten kann, wenden sich viele Menschen der Vergangenheit zu und suchen dort Antworten. Unser wichtigstes Ziel ist, dass die Menschen verstehen, dass man sich der Geschichte bewusst werden muss, um sich vorwärts bewegen zu können. Mehr und mehr Menschen unterstützen diesen Gedanken.

Ist es angemessen, die von der heutigen russischen Staatsmacht verfolgten Oppositionellen mit den Opfern des sowjetischen Regimes zu vergleichen?

Übertreibungen kommen natürlich vor. Es ist klar, dass es ein großes Glück ist, dass wir heute nicht in einer solchen Situation wie im Jahr 1937 sind. Während des Großen Terrors wurden täglich etwa 1000 Menschen erschossen. Aber wenn man mit Menschen spricht, die heute Opfer selektiver Justiz geworden sind, wenn man mit deren Familienangehörigen spricht, dann versteht man auch, wie groß deren persönliche Tragödie ist.

Während des Großen Terrors, auch als Große Säuberung oder Jeschowschtschina bezeichnet, wurden von Herbst 1936 bis Ende 1938 auf Befehl Josef Stalins 1,5 Millionen Menschen verhaftet, davon die Hälfte erschossen. Die Terrorkampagne in der Sowjetunion wurde vom Politbüro gebilligt und von den Organen des Innenministeriums (NKWD) unter Leitung von Nikolai Jeschow durchgeführt. Sie zielte auf Gegner der kommunistischen Herrschaft ab.