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Alltagsdeutsch – Podcast

Rund ums Auto

Dem Deutschen wird gemeinhin eine große Liebe zu seinem Automobil unterstellt – wahrscheinlich nicht ganz zu Unrecht. Und so hat des Deutschen liebstes Kind auch zahlreiche Spuren in der Alltagssprache hinterlassen.

Sprecherin:

Nicht nur die deutsche Jugend ist für eine lässige, oft allerdings auch sehr bunte Sprache bekannt. Und die Beschreibung jemanden abschleppen scheint in dieses Klischee zu passen. Denn die meisten der Begriffe, die ich entdeckt habe, sind beileibe nicht nur Jugendlichen bekannt. Selbst so mancher Opa weiß, dass er seine Oma vor fünfzig Jahren auch abgeschleppt hat, obwohl man das damals natürlich ganz anders nannte.

Musik: Brigitte Mira, Was machst du mit dem Knie, lieber Hans?

"Was machst du mit dem Knie, lieber Hans?

Mit dem Knie, lieber Hans, beim Tanz?

Was lachst du? Tu das nie, lieber Hans

Tu das nie, lieber Hans, beim Tanz"

Sprecher:

Und natürlich fanden gelungene Abschleppversuche damals nicht in lauten Diskotheken statt, sondern beim samstäglichen Tanz im Gemeindesaal. Doch ist der Unterschied zwischen dem, was Großvater damals, und dem, was der Enkel heute tut, gar nicht so groß. Allein die Sprache macht den Unterschied. Was ehemals durch den Schritt vor den Traualtar feierlich legalisiert wurde, gehört heute zum Gesellschaftsleben. Selbst Frauen können heutzutage abschleppen, was manche Männer offensichtlich sehr bedauern. Für viele dokumentiert die Sprache hier einen Wertverlust.

Sprecherin:

Und um Sie nicht mehr länger auf die Folter zu spannen, was diese ganze Vorgeschichte soll, lassen wir die Fachleute von der Straße einmal zu Wort kommen. Die wissen schließlich, in wie vielen Facetten der Begriff abschleppen schimmert.

O-Töne:

"Wenn ich dann die Freundin meines Freundes abschleppe." / "Ja, ist das, was man nach dem Anbaggern macht." / "Wenn man, was weiß ich, in einer Diskothek oder sonst was 'ne Beziehung anfängt." / "'Ne Frau kann 'nen Mann abschleppen, wenn sie ihn gern hat, mag oder heut' bei der ersten Begegnung." / "Abschleppen, das heißt auch anmachen, um auf irgendwas, ein Abenteuer, sich einzulassen."

Sprecherin:

Ein Mann kann sich jedoch noch nicht so ganz mit seiner Rolle als Abgeschlepptem abfinden.

O-Töne:

"Dat ist alles so locker geworden auf dieser Erde. Man geht heute da in so Diskotheken rein, und dat Wort abschleppen, zu meiner Zeit, da wurde die Frau oder das Mädchen noch gewürdigt, und heute schleppen die ab, wie die dat wollen. Die kommen ja, die wollen ja sowieso alles übernehmen, wir werden die zweite Rolle spielen als Männer demnächst, die schleppen ja sowieso schon ab."

Sprecherin:

Der Herr, der mit einem Abschleppseil am Auto sicher perfekt umzugehen weiß, findet sich bei dem Gesellschaftsspiel Abschleppen aufs Abstellgleis geschleppt. Beim Abschleppen eines Autos weiß man, was vorher kommt, nämlich eine Panne. Und vor dem Abschleppen in einer Disko? Da ist das Anbaggern wahrscheinlich die häufigste Methode, wobei ich Sie sicher nicht mehr darauf hinweisen muss, dass man dazu keineswegs einen Bagger, also weiteres technisches Gerät, braucht.

Sprecher:

Die sprachliche Entwicklung bringt natürlich auch die Liebessymbolik ins Wanken. Schenkt man demnächst statt roter Rosen der oder dem Liebsten ein goldenes Abschleppseil als Erinnerung an eine erfolgreiche Eroberung? Doch bleiben wir beim Einfluss des Autos auf unsere Sprache. Jeder Autofahrer hat sich in seinem Leben schon mal verkuppelt, das heißt, er hat den falschen Gang eingelegt, und es kracht, für alle anderen Verkehrsteilnehmer deutlich hörbar, ganz fürchterlich. Aber auch das Verkuppeln hat eine zweite Bedeutung. Früher verkuppelten die Wohlbetuchten ihre Kinder mit den Kindern Gleichrangiger. Bereits im zarten Kindesalter wurde gemauschelt und gemanagt, damit das Familiensilber auch ja in guten Händen blieb. Heute geht es weniger um die Sicherstellung von materiellen Werten. Viele Menschen leben heute alleine, und Statistiken besagen, dass, hat man die 30 erst einmal überschritten, die Aussichten auf einen Partner fürs Leben drastisch sinken. Kuppler im besten Sinne haben daher Konjunktur, Reiseveranstalter für Singles, Tanzcafes für ältere Singles, "Lonely-Hearts-Partys", also die moderne Variante des "Balls der einsamen Herzen" für die Jüngeren, entbinden den oder den Suchenden zwar nicht von Eigeninitiative, doch schaffen sie ein Forum, auf dem sich Interessierte treffen können. Und nichts anderes ist die Einladung zum Abendessen bei guten Freunden, bei dem dann, natürlich ganz zwanglos, der neue Nachbar der Freundin vorgestellt wird.

Sprecherin:

Eines ist jedoch klar, der Ausgang eines von der besten Freundin arrangierten Abendessens mit kupplerischen Absichten ist absolut unbestimmt. Die Teilnehmer bestimmen selbst, ob sie alleine oder zu zweit nach Hause gehen. Sie tragen auch alle möglichen Folgen und haften für ihr Engagement. Denn nach dem euphorischen Moment des Verkuppeltseins oder des Abgeschlepptseins kommt die schwierigere Phase des In-Gang-Haltens.

O-Töne:

"'Ne Sache in Gang halten, das heißt also, sich immer wieder auf den neuesten Stand bringen und die Sache schon weit im Voraus sehen, was auf einen zukommt, und dann alles so richtig immer in Gang halten, das heißt, man darf nicht einschlafen, wenn man einmal verpennt hat, dann ist der Stillstand da." / "Was in Angriff nehmen. Wenn ich … angenommen, ich habe vor, ein Auto zu kaufen oder sonst was, dann muss ich das in Angriff nehmen, das, wie sagt man, ja, vorbereiten und sagen, so, das muss ich … das und das muss ich machen." / "In Gang halten heißt für mich in Ordnung bringen, in Schuss bringen, dass alles funktioniert."

Sprecherin:

So wie man auch das Auto ab und zu mit Öl versorgen muss, so will auch eine Beziehung gepflegt werden, damit sie in Gang bleibt. Damit sie weiterhin möglichst ohne große Störungen funktioniert. Es gibt noch mehr Begriffe, die eine ganz klare Bedeutung haben, wenn man sie im Zusammenhang mit dem Auto verwendet. Im zwischenmenschlichen Bereich versteht man darunter etwas ganz anderes. Zwei Bereiche also, die vordergründig keine Berührungspunkte haben. Warum also übernimmt man Ausdrücke aus einem technischen Gebiet, um Situationen des Lebens zu beschreiben?

Sprecher:

Seit 100 Jahren hat das Auto einen immer breiteren Raum in unserem Leben eingenommen. Heute geht nichts mehr ohne, und in sogenannten "Drive-In-Restaurants" braucht man nicht mal mehr zum Essen aus dem geliebten fahrbaren Untersatz auszusteigen. Wann genau die heimliche Unterwanderung unserer Sprache mit dem Kraftfahrzeugvokabular begonnen hat, bleibt Spekulation. Doch seit das Auto zum Symbol von Freiheit und Unabhängigkeit geworden ist, seitdem Rückenlehnen zu abenteuerfreundlichen Liegen umklappbar sind, seit dieser Zeit stahl sich das Auto in unser Unterbewusstsein und unser Liedgut.

Musik: Markus, Ich will Spaß

"Mein Maserati fährt zweihundertzehn

Schwupp, die Polizei hat's nicht geseh'n

Das macht Spaß

Ich geb' Gas, ich geb' Gas"

Sprecherin:

Das Auto ist des Deutschen liebstes Kind geworden. Kein Wunder, dass Begriffe aus dem automobilen Bereich in die Alltagssprache eingeflochten werden. Es fängt schon in frühester Jugend an, mit einem Spätzünder.

O-Töne:

"Das kann jemand sein, der halt ein bissel schwerfällig im Denken ist." / "Der alles ziemlich spät versteht, was man einem sagt." / "Einer, der langsam reagiert." / "Es gibt also Kinder, die sehr schnell etwas begreifen, und andere, bei denen dauert es halt etwas länger." / "Ein Spätzünder ist jemand, der lacht, wenn alle anderen schon lange wieder Bier trinken." / "Der für alles ein bisschen länger braucht."

Sprecherin:

Wenn der Funke nicht sofort überspringt, wenn der Groschen nicht fällt, wenn die Leitung zu lang ist, dann wird man von der Umgebung schnell zum Spätzünder abgestempelt. Abgeleitet wurde der Begriff wieder einmal von einer etwas peinlichen Situation im Straßenverkehr. Man steht vor einer grünen Ampel, das Auto gibt partout keinen Muckser von sich und macht erst Anstalten, doch noch loszufahren, wenn die Ampel schon wieder auf Rot schaltet.

Sprecher:

Und neben denjenigen, die sich beim Autofahren und auch sonst nicht aus der Ruhe bringen lassen, gibt es auch noch solche, die ständig auf die Tube drücken, die immer Gummi geben und alle Kurven kratzen, die an jeder Ampel, an jeder Kreuzung erst einmal einen Kavalierstart hinlegen. Klären wir erst einmal den Zusammenhang, denn echte Kavaliere zählen selten zu dieser Gruppe von Autofahrern.

O-Töne:

"Dann, wenn man zu schnell anfährt und irgendwie Raserei, zu schnelles Anfahren, dat wär' so wat wie ein Kavalierstart. Auf jeden Fall will sich immer damit einer zeigen, welchen Wagen er hat, wie gut er Auto fahren kann. Sind junge Leute meistens." / "Dat ist, wenn ich im dritten Gang anfahre." / "Wenn ein Mann also ganz forsch auf a Frau zugeht und sie, wie sagt man, anmacht. Das kann man scho einen Kavalierstart nenne. Und das andere ist, wenn man an der Ampel steht und a bisserl mit dem Gas spielt, den Nebenmann a bisserl ärgert und dann halt so mit quietschenden Reifen und mit Vollgas bei Grün losfährt." / "Ja, ich versteh' darunter, dass einer sehr schnell anfährt, mit quietschenden Reifen und so." / "Wenn ich also an der Ampel stehe und gebe also direkt Gas und die Räder drehen durch und quietschen." / "Kavalierstart ist, wenn jemand startet und reichlich Gummi auf der Straße lässt."

Sprecherin:

Und wer sind eigentlich diese unheimlichen Bleifuß-Kavaliere, deren rechter Fuß wie ein Bleiklumpen das Gaspedal nach unten drückt?

O-Töne:

"Leute, die billige Autos haben, die unheimlich aufmachen und damit beeindrucken wollen und ansonsten nichts in der Birne haben." / "Welche, die auf sich aufmerksam machen wollen, oder Jugendliche, die gerade ein Auto haben, die mal was gucken, was das Auto bringt und so, damit die Leute da auch was zu sehen haben – um eigentlich Aufmerksamkeit zu erregen." / "Auf jeden Fall will sich immer damit einer zeigen, welchen Wagen er hat, wie gut er Auto fahren kann. Sind junge Leute meistens, und das ist so ein Hervortun auf 'ne ganz billige Art."

Sprecher:

Ein Kavalierstart beschreibt aber nicht nur einen Fahr-, sondern auch einen Lebensstil. Dynamisch, sportlich, mit wehenden Haaren im Cabrio. Als älterer Mensch gibt man sich allerdings mit derartigem Benehmen eher dem Unverständnis, wenn nicht sogar dem Spott der Mitmenschen preis. "Jedem das, was er verdient" – dieser dumme Spruch gilt natürlich auch für die Sprache. Während den jungen Leuten der Kavaliersstart vorbehalten bleibt, müssen sich die Alten sagen lassen, dass bei ihnen der Lack ab ist.

O-Töne:

"Wenn die Falten kommen, und der Po ist nicht mehr knackig oder was weiß ich alles." / "Wenn der Lack ab ist, ja, wenn man nicht mehr in ist, dann ist der Lack ab." / "Ein alter Mensch oder ein älter werdender Mensch." / "Das kann also sein, dass es also in der Ehebeziehung nicht mehr harmoniert, dass man also sagt, der Lack ist ab. Da gibt es also vielerlei Sachen, wo man sagt, der Lack ist ab, oder vom Äußerlichen beim Menschen, wenn man älter wird." / "Und dass er nicht ganz auf der Höhe ist oder dass dasjenige nicht mehr ganz in Ordnung ist, zu alt, dass er nicht mehr ganz der Frische ist."

Sprecherin:

Doch die Phase, in der der Lack abbröckelt, ist nur der Beginn, danach geht's erst so richtig los, denn jetzt kann der Rost ansetzen.

O-Töne:

"Es gibt da überhaupt keine Altersgrenze, ich persönlich bin, werd' 56, ich meine immer noch, ich wär' 30, und Rost ansetzen ist, wer sich einfach sagt, es hat keinen Zweck mehr, ich schaff' es nicht mehr und aufgibt, der wird dann danach Rost ansetzen." / "Das ist das mit dem Rheuma, Ischias etc., alles Mögliche. Dann kann der sich nicht mehr richtig bewegen." / "Es gibt heute 20-jährige Menschen, die haben schon im Kopf viel Rost angesetzt. Aber normalerweise würd' man immer sagen, ja Rost ansetzen, das san halt Leut', die halt im Kopf nicht mehr so viel machen wollen, die san halt ein bisserl träger geworden oder sonst irgendwas."

Sprecher:

Nach diesem belehrenden Stückchen über die unheimlichen Tücken der Sprache ist Ihr Wagen wahrscheinlich auch wiederhergestellt. Sie brauchen sich nicht mehr abschleppen zu lassen, dürfen sich wieder verkuppeln und auch mal einen Kavalierstart üben. Kurzum, Sie dürfen sich wieder an Ihrem tollen Fahrgestell erfreuen.

Sprecherin:

Apropos tolles Fahrgestell, wir machen hier zwar keine Werbung, aber seien Sie versichert, Fahrgestell ist nicht gleich Fahrgestell.

O-Töne:

"Das sind lange Beine." / "So nennt man also die Figur bei einer Frau. Das nennt man also Fahrgestell, tolles Fahrgestell." / "Also, ein tolles Fahrgestell, ja, also schauen's, das ist ein bayrisches Auto, das seh'n wir schon sofort, des Auto hat ein tolles Fahrgestell. Weiter ist er halt ein bisschen tiefer gelegt und so. Na ja, Sie fragen mich als Mann, dann kann ich halt nur sagen, tolles Fahrgestell ist des, wenn i eine Frau sehe, wo halt das alles stimmt."

Sprecher:

Lassen Sie sich nicht verwirren und fragen Sie im Zweifelsfall nach, ob jemand Sie oder Ihr Auto meint.



Fragen zum Text

Das erste Ansprechen eines möglichen Partners nennt man umgangssprachlich ...

1. abschleppen.
2. anbaggern.
3. verkuppeln.

Was bedeutet der Ausdruck etwas in Gang halten?
1. etwas beschleunigen
2. dafür sorgen, dass etwas störungsfrei funktioniert
3. etwas in der Schwebe lassen

Welcher umgangssprachliche Ausdruck beschreibt einen Spätzünder?
1. eine lange Leitung haben
2. auf die Tube drücken
3. die Kurve kratzen


Arbeitsauftrag:
Fertigen Sie eine Skizze von einem Auto an und benennen Sie die einzelnen Teile. Berücksichtigen Sie dabei auch die Begriffe, die im Text genannt werden, wie "Fahrgestell", "Lack" oder "Gang".

Autorin: Gabriele Klasen
Redaktion: Ingo Pickel

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