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Alltagsdeutsch – Podcast

Rund um die Pflanze

Wurzeln schlagen, aber kein Bein auf die Erde kriegen. Als Sinnbild menschlichen Lebens ist der Frühling in die Sprache eingegangen. Die Natur verhilft uns bildhaft zum Ausdruck.

Sprecherin:

Im Frühling erwacht die Pflanzenwelt zu neuem Leben: An den Zweigen bildet sich das erste zarte Grün, Krokusse lugen aus dem Boden hervor, und die Rapsfelder färben sich im Mai zu knallgelben Teppichen.

Sprecher:

Als Sinnbild menschlichen Lebens ist der Frühling in die Sprache eingegangen. Er oder sie ist richtig aufgeblüht, sagt man beispielsweise von einem Menschen, der in einer neuen Lebenslage plötzlich ungeahnte Energien entfaltet. Das Gegenteil ist der Fall, wenn wir auf keinen grünen Zweig kommen.

Sprecherin:

Damit ist keineswegs eine misslungene Kletterpartie gemeint. Der Student, den ich nach dieser Redewendung fragte, hatte jedenfalls keine Bäume im Sinn.

O-Ton:

"Auf keinen grünen Zweig kommen ist zum Beispiel in meiner jetzigen Situation, wenn ich ’ne Hausarbeit schreiben soll oder so, und man sucht und sucht und findet einfach nichts, beziehungsweise man kann sich nicht motivieren, und man verplempert seine Zeit, ohne richtig irgendwas zu schaffen."

Sprecherin:

Für den Studenten bezieht sich die Redewendung darauf, dass er mit seiner Hausarbeit nicht weiter kommt. Er verplempert seine Zeit, wie er sagt.

Sprecher:

Verplempern heißt vergeuden. Ursprünglich ist damit gemeint, dass man eine Flüssigkeit verschüttet. Im heutigen Sprachgebrauch taucht der Ausdruck in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen auf: Wir verplempern unser Geld, wenn wir es für überflüssige Sachen ausgeben, oder wir verplempern unsere Zeit, indem wir sie sinnlos vertun.


Sprecherin:

In diesem Fall geht es darum, dass der Student ein selbst gestecktes Ziel nicht erreicht, nämlich die Hausarbeit zu schreiben. Hören wir noch einmal, wie andere Passanten die Redewendung auf keinen grünen Zweig kommen verstehen.

O-Töne:

"Man versucht einiges, damit es einem besser geht, aber es wird dann nichts, nicht, es ist immer - irgendwie ist der Wurm drin."

"Kein Bein auf die Erde kriegen. Es ist irgendwie nicht zu schaffen, irgendwie blockiert zu sein."

"Ja, es gibt einfach so Sachen, wo es nie klappt, wo irgendwas nie funktioniert. Und naja, dann würde ich es vielleicht anwenden, nicht, also wenn man irgendwo sich selbst pausenlos blockiert oder im Wege steht, nicht, es gibt so Sachen. Am besten, man lässt sie dann bleiben und macht was anderes."

"Keinen Erfolg haben, alles Mögliche in die Hand nehmen, aber zu keinem Erfolg kommen. Also grün bedeutet ja ausschlagen, frisch und dass das eben nichts wird. Sowohl im beruflichen als auch im finanziellen Bereich oder so ist das durchaus schon mal vorgekommen, dass man sich um etwas bemüht, aber irgendwo unten am Boden bleibt und nicht diesen grünen Zweig erreicht, den man gerne erreichen möchte."

Sprecherin:

Wir alle kennen wohl diese Situation: So sehr wir uns auch anstrengen, wir kommen nicht weiter mit einer Sache. Irgendwie ist dann der Wurm drin, wie einer der Befragten es ausdrückte.

Sprecher:

Wenn ein Wurm im Obst steckt, dann sieht man das nicht unbedingt gleich. Aber auch wenn die Oberfläche noch heil aussieht, ist das Innere der Frucht bereits faul. Die Frucht ist nicht in Ordnung, auch wenn sie in Ordnung zu sein scheint.

Sprecherin:

Es kann in allen möglichen Bereichen des Lebens der Wurm drin sein. Vielleicht stimmt bei der Arbeit das Klima unter den Kollegen nicht oder im Fall der Hausarbeit: Das Thema war nicht richtig gewählt. Wir bekommen dann kein Bein auf die Erde.

Sprecher:

Mit dem Bein haben wir Bodenkontakt und damit einen Halt. Wenn wir kein Bein auf die Erde kriegen oder bekommen, dann sind wir hilflos. Wir sind blockiert wie ein altes Fahrzeug, das nicht mehr fahrtüchtig ist.

Sprecherin:

Im Frühling wachsen die Pflanzen schnell. Wer einen Garten hat, kann von Woche zu Woche beobachten, wie sie buchstäblich aus der Erde schießen. Wo eben noch dürres Geäst war, wuchert plötzlich ein Busch, oder ein hellgrüner Baum streckt seine Zweige in den Himmel. Dass es Menschen gibt, die das Gras wachsen hören, sollte man allerdings trotzdem nicht zu wörtlich nehmen:

O-Ton:

"Der ein bisschen hysterisch ist. Also jemand, der die Mäuse husten hört. Also jemand, der ein Problem andenkt, bevor es sich überhaupt stellt oder so. Jemand, der etwas lieber nicht tut aus lauter Angst, es könnte sich dabei was auftun, woran er noch nicht gedacht hat oder so; also extrem ängstlich, vorsichtig, würde ich mal sagen."

Sprecher:

Tatsächlich dürfte es schwierig sein, das Gras wachsen zu hören. Auch Mäuse sind nicht dafür bekannt, ein lautstarkes Husten von sich zu geben. Ein Mensch, der so etwas hört, hat eine starke Einbildungskraft. Er sieht Gespenster, wie man auch sagen könnte und hat darum natürlich auch guten Grund, überängstlich zu sein.

Sprecherin:

Im Sommer leuchtet die Natur in satten Farben. Wiesen und Wälder sind in tiefes Grün getaucht, Mohnblumen bilden rote Farbtupfer auf den Felder.

Sprecherin:

Sommerzeit ist Blumenzeit. Überall in den Vorgärten kann man die bunte Pracht bewundern, und die Blumenläden locken mit üppigen Sträußen. Leider gibt es viele Blumenmuffel unter den Männern, die es albern oder altmodisch finden, ihrer Liebsten einen Strauss zu überreichen - was nicht ausschließt, dass sie ihr manchmal etwas durch die Blume sagen. Das fanden die Frauen, die ich danach fragte, allerdings nicht so romantisch.

O-Töne:

"Das tun wir im Grunde genommen alle, wenn wir von jemandem was wollen, dass man das etwas anders, verbrämt ausdrückt, nicht wahr, weil im Grunde genommen passiert das doch ununterbrochen – ob man die Werbung einschaltet oder sonst irgendwas, jeder sagt dann irgendwas durch die Blume, nicht. Ist eigentlich nichts Außergewöhnliches, würde ich sagen, ist ein Dauerzustand."

"Nicht offen mit der Sprache herauskommen, sondern das, was man sagen möchte, verpacken. Durch die Blume heißt ja eigentlich angenehm verpacken und vielleicht etwas beschönigt sagen, aber ich denke, es kann genauso gut unangenehm sein."


Sprecher:

Bei der Brautwerbung gab es früher den Brauch, dass das Mädchen dem Bewerber eine bestimmte Blume überreichte. So konnte sie ihm gegebenenfalls durch die Blume zu verstehen geben, dass sie ihn wollte, ohne sich direkt äußern zu müssen. Aber auch die so genannten "Redeblumen" könnten ein Vorbild für unsere Redewendung sein. Als "Redeblume" werden im Mittelhochdeutschen die Schnörkel in der Sprache bezeichnet.

Sprecherin:

Wer uns etwas durch die Blume sagt, der traut sich also nicht, es uns direkt zu sagen. Er verpackt seine Mitteilung wie einen hässlichen Gegenstand, der in schönes, buntes Papier eingewickelt ist. Er kommt nicht mit der Sprache heraus oder - wie man auch sagen könnte - er rückt nicht mit der Sprache heraus, sagt also nicht das, was er wirklich denkt. Eine meiner Gesprächspartnerinnen gebrauchte noch eine andere Wendung: sich verbrämt ausdrücken.

Sprecher:

Mit dem mittelhochdeutschen Wort Bräm ist ein schmückender Rand oder Saum gemeint. Ein verbrämter Gegenstand ist mit einem solchen Rand versehen, zum Beispiel ein Mantel mit einem Pelzsaum. Auch in anderen Bereichen können wir - bildlich gesehen - einen solchen schmückenden Rand einsetzen. Wenn wir beispielsweise einen schlechten Text mit abgehobenen Fachausdrücken spicken, dann erwecken wir den Anschein der Wissenschaftlichkeit. Der Text ist wissenschaftlich verbrämt. Wer etwas unverblümt zur Sprache bringt, der sagt es seinem Gegenüber dagegen ohne Umschweife ins Gesicht.

Sprecherin:

Sobald eine Pflanze in die Erde kommt, schlägt sie Wurzeln, mit denen sie die Nährstoffe aus dem Boden zieht. Menschen sind da ganz ähnlich veranlagt; auch sie neigen dazu, an einem Ort Wurzeln zu schlagen.

O-Töne:

"Irgendwo hängen bleiben, nicht, also irgendwo sich heimisch machen oder so."

"Als ich vor zehn Jahren über tausend Ecken in Deutschland nach Hamburg kam, bin ich durch ein Rapsfeld gefahren und hab‘ die Dritte Brahms gehört, und dann hab‘ ich beschlossen, in Hamburg Wurzeln zu schlagen. Das war für mich ein Zeitpunkt, dass man kapiert, hier bin ich Zuhause."

"Wurzeln schlagen. Na, ich zum Beispiel, ich stehe hier und schlag‘ Wurzeln."


Sprecher:

An einem neuen Ort müssen wir uns erst einmal eingewöhnen. Wir lernen die Nachbarn kennen, erkundigen uns, wo man in der Nähe gut einkaufen kann. Irgendwann fühlen wir uns dann zu Hause: Wir haben an dem neuen Ort Wurzeln geschlagen - wie eine Pflanze, die in den Erdboden hinein wächst. Wer lange an einem Ort lebt, der ist irgendwann verwurzelt an diesem Ort; er ist hängen geblieben, wie ein Stück Stoff an einem Zweig.

Sprecherin:

Der Student wollte allerdings nicht wirklich an Ort und Stelle hängen bleiben, als er sagte, dass er gerade Wurzeln schlägt.

Sprecher:

Wurzeln schlagen kann auch heißen, dass man irgendwo lange stehen bleibt - wie der Student, der meiner Kollegin bereitwillig viele Fragen beantwortet hat. Zum Schluss hatte er das Gefühl, an Ort und Stelle Wurzeln zu schlagen. Leider schlagen nicht nur Gras, Blumen und Bäume Wurzeln; jeder Gartenfreund nimmt im Sommer den Kampf gegen das Unkraut auf. Doch Unkraut ist zäh. Es vergeht nicht, sagen manche.

O-Ton:

"Also, wenn ich höre: Unkraut vergeht nicht, dann verbinde ich das meist mit etwas unangenehmen Menschen, von denen man sagt, dass sie eben sich immer durchsetzen, egal was kommt. Sie bleiben immer da, eben wie Unkraut auch. Also egal, wie schlecht die Situation aussehen mag, die setzen sich einfach immer durch."

Sprecher:

Der 21. Juni ist der längste Tag im Jahr. Danach werden die Tage immer kürzer. Ein erfahrener Landwirt muss nicht auf den Kalender sehen, um zu wissen, dass es soweit ist. Er sieht es daran, dass einige Laubbäume, darunter Linde, Ulme und die Weißpappel, nach der Sommersonnenwende ihre Blätter senken oder etwas auf die Seite legen. Wenn sich das Blatt gewendet hat, dann ist der Höhepunkt des Jahres überschritten.

Sprecherin:

Man muss wahrscheinlich auf dem Land aufgewachsen sein, um solche Naturphänomene zu bemerken. In der Großstadt Hamburg dachte bei dem Ausdruck Das Blatt hat sich gewendet niemand an die Sommersonnenwende.

O-Ton:

"Also wenn sich das Blatt gewendet hat, denke ich, ist es, dass ’ne Situation sich plötzlich als ganz anders entpuppt, als man es erwartet hat. Es kann natürlich im Guten sein wie auch im Schlechten, so wie ich es kenne. Also, man wundert sich dann sehr, und meistens ist genau das Gegenteil von dem eingetroffen, was man vorher erwartet hat."

Sprecher:

Insekten verpuppen sich im Lauf ihrer Entwicklung. Was für ein Insekt in der Puppe steckt, das weiß man erst, wenn es geschlüpft ist. Das kann ein wunderschöner Schmetterling, aber auch eine profane Stubenfliege sein. Mit Menschen ist es ähnlich; ein freundlicher Herr entpuppt sich mitunter als Betrüger. Und eine Angelegenheit, die erst viel versprechend aussah, entpuppt sich manches Mal als Reinfall.

Sprecherin

Unsere Sendung geht damit zu Ende. Wir hoffen sehr, dass sich diese Sendung für Sie nicht als Reinfall entpuppt hat. Sie können uns auch einen Leserbrief schreiben und uns Ihre Meinung sagen – und zwar nicht durch die Blume, sondern unverblümt.

Fragen zum Text

Wer uns etwas durch die Blume sagt

1. der traut sich nicht, es direkt zu sagen.

2. der sagt es direkt.

3. mag Blumen.

Wer ein bisschen hysterisch ist, der..

1. hat den Wurm drin.

2. kriegt die Beine nicht auf den Boden.

3. hört die Mäuse husten.

Was bedeutet die umgangssprachliche Redewendung: "Zeit verplempern"?

1. Zeit sinnlos vertun

2. Zeit gewinnen

3. Zeit schinden

Arbeitsauftrag

Entnehmen Sie dem Text vier Redewendungen und erklären Sie sie Ihrem Sitznachbarn.

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