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Alltagsdeutsch – Podcast

Rund um den Maibaum

Maibäume an Laternenpfähle vor Häusern gebunden oder vor dem Garagentor aufgebaut. Es gibt viele Arten, der Angebeteten als Liebesbeweis am 1. Mai einen Maibaum zu setzen. Der Brauch hat die Jahrhunderte überdauert.

Alois Döring:

"Der Maibaum-Brauch gehört in das weite Feld der Alltagskultur. Im Gegensatz zu der hohen Kultur wie Kunst, Musik, Theater gibt es das weite Feld der gelebten Alltagskultur – gerne auch bezeichnet die Kultur des kleinen Mannes. Bräuche gehen nicht unter."

Sprecherin:

Dr. Alois Döring ist Volkskundler und beschäftigt sich mit alten Brauchtümern, ihrer Herkunftsgeschichte und Entwicklung. Er sagt, der Maibaum-Brauch gehöre zur Kultur des kleinen Mannes und meint damit natürlich nicht wirklich einen kleinen Mann, sondern im übertragenen Sinne das einfache Volk, die Arbeiter – im Gegensatz zu Intellektuellen oder Menschen aus sozial höheren Schichten. Bräuche gehen nicht unter bedeutet, dass wir nicht wie ein Schiff beispielsweise versinken und somit verschwinden, sondern an der Oberfläche bleiben, also weiterhin bestehen, auch wenn sie sich im Laufe der Zeit anders entwickeln. Eine mit am weitesten verbreitete Variante des Maibaum-Brauchs geht in das 14. Jahrhundert zurück und ist bis heute gerade bei den jungen Mädchen sehr beliebt.

Musik:

"Zum Tanze da geht ein Mädel mit güldenem Band,

zum Tanze da geht ein Mädel mit güldenem Band,

das schlingt sie dem Liebsten ganz fest um die Hand,

er folgt ihr verschämt und vom Liebreiz gebannt … ."

Alois Döring:

Und dies betrifft besonders eine andere Form des Maibaums, nämlich jene Maienstecken, welche die jungen Burschen, die Junggesellen, ihrer Liebsten vor das Haus setzen."

Sprecher:

Maienstecken bedeutet, dass ein Junggeselle seiner Liebsten ein kleines Laubbäumchen – meistens eine Birke oder Fichte – als Liebesbeweis an ihrer Haus oder Fenster steckt. Aber leider werden die Birkenbäumchen selten offiziell gekauft, weiß Dr. Döring.


Alois Döring:

"Die Junggesellen schlagen natürlich ihre Maibäumchen viel lieber im Wald, als dass sie bei den Forstbehörden einen Baum kaufen. Das ist natürlich viel interessanter, viel aufregender, viel spannender, sich ja nicht erwischen zu lassen im Wald, wenn man wild dann sein Bäumchen schlägt und dann mit Karacho mit dem Auto durch den Wald fährt und dann den wild geschlagenen Maibaum nach Hause bringt."

Sprecherin:

Ein Bäumchen wild schlagen heißt einen jungen Baum fällen, ohne vorher die notwendige und offizielle Erlaubnis eines Forstamtes einzuholen. Die Junggesellen aber, die unerlaubt einen Baum fällen, fahren oft mit dem Auto in den Wald hinein und dann mit dem Bäumchen auf dem Dach mit Karacho, also mit erhöhter Fahrgeschwindigkeit und so schnell wie möglich wieder weg, um ja nicht vom Forstbeamten oder einem Polizisten erwischt zu werden. Der Förster Jörg Fillmann versucht jedes Jahr, mit Werbung und Sonderaktionen die Junggesellen und Jugendlichen davon zu überzeugen, sich den Baum legal zu kaufen. Aber es gibt immer noch genug, die ohne Erlaubnis erwischt werden und dann die Konsequenzen tragen müssen.

Jörg Fillmann:

"Bei uns Förstern schlagen dann in dieser Nacht zwei Seelen in der Brust: wir Förster unterstützen natürlich den Brauch und müssen aber auch darauf hinweisen, dass es verboten ist, die Maibäume einfach so aus dem Wald zu entnehmen. Jeden, den wir in der Walpurgisnacht eben erwischen, der muss diesen Maibaum teuer bezahlen. Denn auch wenn es ein Kavaliersdelikt für viele ist – es handelt sich da ganz klar um einen Diebstahl. Es gibt teilweise unglaubliche Transporte, wo also horrend große Maibäume mit 'nem VW-Käfer durch halb Bergisch Gladbach gezogen werden und da passt die Polizei schon auf, dass da nichts passiert."

Sprecher:

Wenn Förster Fillmann sagt, es schlagen zwei Seelen in seiner Brust, dann meint er damit, dass er zwei Gefühle gleichzeitig hat, die sich widersprechen. Er mag zwar den Brauch der Walpurgisnacht, aber nicht, dass die Bäume einfach gestohlen werden. Die Walpurgisnacht ist die Nacht vor dem 1. Mai. Sie ist benannt nach der heiligen Äbtissin Walpurga, die im 8. Jahrhundert lebte und dem Volksglauben nach die damaligen Menschen, deren Vieh und Äcker vor den Hexen schützen sollte. Die Hexen sollen in dieser Nacht zu ihren Tanzplätzen geflogen sein und viel Unheil angerichtet haben. Die Herkunft der Bräuche dieser Nacht ist aber nicht – wie viele annehmen – im Hexenglauben zu suchen, sondern im Heerwesen. Denn seit dem 8. Jahrhundert war der 1. Mai der Tag der Waffenschau der Wehrfähigen. Diese jungen Männer hatten nämlich in der Nacht vor Dienstantritt noch einmal das Freirecht, ausgiebig ausgelassene Streiche zu treiben.

Sprecherin:

Den Diebstahl eines Maibaumes bezeichnet Fillmann als Kavaliersdelikt. Dies bedeutet, es handelt sich zwar um eine strafbare Handlung, ähnlich wie Steuerbetrug oder Trunkenheit am Steuer. Aber von der Allgemeinheit, also der sozialen Umwelt, wird sie nicht als ehrenrührig angesehen. Falls horrend große, also übermäßig große, Maibäume auf den Dächern von verhältnismäßig kleinen Autos transportiert werden, ist dies ein Verkehrsrisiko. Denn die Bäume können herunterfallen und Unfälle verursachen; somit entsteht ein Verkehrschaos, also ein Durcheinander. Gerd Wilfgen ist einer von vielen Polizisten, die in dieser Nacht verstärkt im Einsatz sind.

Gerd Wilfgen:

"Mir persönlich ist es mal passiert, dass zwei Ausgeflippte tatsächlich durch die Kölner Innenstadt gefahren sind mit so 'nem alten Trecker und hab'n dann, ich glaube, acht oder neun Maibäume war'ns quer durch die City gekarrt und da gab's dann natürlich 'nen entsprechendes Verkehrschaos, na ja, und die Nacht ist härter als die andern. Da ist im Grunde immer die Hölle los. Die jungen Burschen versuchen natürlich bei den Frauen Eindruck zu schinden und der Förster, also seine liebe Mühe damit hat, die Burschen, die ja dann außer Rand und Band sind, im Zaum zu halten. Der Förster, der bittet dann uns manchmal um Unterstützung, aber das Problem ist ja, dass die Leute das eigentlich offiziell kaufen können, die Bäume, aber da hat natürlich keiner Bock drauf. Die Kohle stimmt meistens bei den jungen Burschis auch nicht."

Sprecher:

Gerd Wilfgen spricht von einem Trecker. Das Verb trecken bedeutet von einer Gegend in eine andere ziehen. Im 17. Jahrhundert bedeutete Trecker Schiffszieher. Heutzutage – also seit der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – ist damit Zugmaschine, Schlepper gemeint. Trecker ist gleichbedeutend mit dem Wort Traktor. Mit diesem Trecker also fahren zwei Ausgeflippte Maibäume durch die Stadt. Hier meint Wilfgen zwei junge Männer, die er für unzurechenbar und verantwortungslos hält. Der Polizeibeamte sagt weiterhin, in der Maibaumnacht sei die Hölle los. Damit ist gemeint, dass sehr viele Menschen unterwegs sind. Es herrscht Aufruhr und die Polizisten haben viel zu tun.

Sprecherin:

Wenn die jungen Männer dann im Wald einen Baum fällen wollen, sind sie außer Rand und Band. Das heißt, sie sind übermütig, ausgelassen und der Förster kann sie kaum im Zaum halten. Mit Zaum ist das Kopflederzeug für Zug- und Reittiere gemeint, womit diese Tiere gezügelt, also gebremst und geführt werden. Das Wort Zaum ist ein altgermanisches Substantiv und bedeutet im Althochdeutschen Seil oder Riemen. Keinen Bock auf etwas haben kommt aus der Jugendsprache. Sie bedient sich des Bocks als Metapher, um keine Lust zu haben in bildhaft-ironisierender Weise zum Ausdruck zu bringen. In der Umgangssprache ist Kohle ein anderes Wort für Geld. Und eine ebenfalls sehr beliebte Art Geld zu sparen, die zudem noch als sehr mutig und bewundernswert angesehen wird, ist, ein fertig geschmücktes und bereits aufgestelltes Bäumchen zu klauen. Hendrik und Karsten haben es schon versucht.

O-Töne:

"Manchmal gibt's schon Ärger. Ich hab's mit Sicherheit schon erlebt, dass wir, als wir 'nen Baum geklaut haben, dass uns da jemand verfolgt hat, also, dass wir uns wirklich da aus dem Staub gemacht haben und die Jungs uns gefolgt sind. Muss man schon ganz schön rennen, also mit dem Baum in der Hand und hinter dir zwei, drei Leute, die dir wirklich an den Kragen wollen. Muss de zusehen, dass de wegkommst. (Musikeinspielung) / In dem Augenblick, wie ich mir diesen Maibaum gerade schnappen will, da kommt doch tatsächlich so einer auf mich zugelaufen, na ja, hab' aber dann den noch schnell ins Auto geworfen und dann in so 'ner 007-Aktion hab' ich noch schnell im dritten Gang sozusagen, hab' ich mich dann noch vom Feuer gemacht. Aber es hat sich gelohnt. Ich hab' den dann auch die ganze Nacht bewacht, den Maibaum, und dann gab's Frühstück und dann hat's auch so richtig geschnackelt."

Musik:

"Der Mai ist gekommen,

Die Bäume schlagen aus,

Da bleibe, wer Lust hat,

Mit Sorgen zu Haus!

Wie die Wolken wandern,

Am himmlischen Zelt.

So steht auch mir der Sinn,

In die weite, weite Welt. …"

Sprecher:

Die meisten Maibäume werden natürlich, nachdem sie aufgestellt sind, die ganze Nacht über bewacht. Als Hendrik einen Baum klaut und von den Eigentümern verfolgt wird, muss er sich aus dem Staub machen. Die ursprüngliche Bedeutung bezog sich wohl auf den Staub, der in einer Schlacht aufgewirbelt wurde und in dessen Schutz eine unauffällige Flucht möglich war. Hendrik ist also so schnell wie möglich weggerannt. Die Verfolger wollten ihm an den Kragen. Jemanden am Kragen packen heißt ihn handgreiflich zurechtweisen. Jemandem an den Kragen gehen bedeutet so viel wie ihm nach dem Leben trachten. Eine 007-Aktion soll heißen, es war wie in einer gefährlichen Filmszene, die der Geheimagent James Bond mit dem Decknamen "007" im Film immer erlebt.

Sprecherin:

Wenn Karsten meint, er habe sich im dritten Gang vom Feuer gemacht, will er damit sagen, er sei mit der Geschwindigkeit angefahren, die man normalerweise nur im dritten Gang erreichen kann. Dies ist übertrieben, soll aber heißen, dass er sehr schnell gefahren ist und sich vom Feuer gemacht hat, also schnell dieser brenzligen Situation entkommen wollte. Denn er wollte seiner Liebsten ja dieses Bäumchen setzen, wobei es bei den beiden ja dann auch geschnackelt hat. Die beiden haben sich also ineinander verliebt. Hendrik hat dann aber noch eine ganz besonders ausgefallene Idee für den Baumschmuck.

Hendrik:

"Ja ich hat so 'ne richtig lange Matte. Als der große Liebesbeweis, schneidst de dir jetzt den Zopf ab. Na ja, jedenfalls hab'n wir dann den Zopf in der Hand gehalten und hab'n den dann festgebunden am Baum und das ganz Witzige ist, Aachen ist ja an der Grenze von Holland und da ist dieser Brauch wohl völlig unbekannt, und da fragte 'ne holländische Nachbarin meine Freundin, ob das denn hier in Deutschland üblich wäre, dass man denn Haare an 'nen Maibaum dranmacht."

Sprecher:

Mit der langen Matte meint Hendrik seine Haare, die so lang und dicht waren wie eine Matte – bis er sie abgeschnitten hat, als Liebesbeweis für seine Freundin, die sich tierisch darüber gefreut hat. In der Jugendsprache bedeutet das, sie hat sich besonders gefreut. Die holländische Nachbarin kennt den Maibaum-Brauch nicht und vermutet, dass es üblich ist, den aufgestellten Baum mit Haaren zu schmücken. Das solche Bräuche bei Menschen aus anderen Ländern sicher verwirrend sein können, oder auch schon mal falsch aufgefasst werden, ist leicht verständlich, denn Stadtbewohner kennen sich mit den Bräuchen auf dem Land nicht immer aus, obwohl sie gerade einmal dreißig Kilometer entfernt wohnen. Davon erzählt eine Dorfbewohnerin.

Heidi Lex:

"Ja, da war ein Freund meiner Tochter, der aus der Stadt kam und wollte ihr einen Maibaum setzen. Und er – als alter Fuchs – dachte 'Kein Problem. Im Dunkeln, mit dem Maibaum auf dem Parkplatz im Dorf parken, und dann klappt das', hatte aber nicht damit gerechnet, dass auf der anderen Seite die jungen Burschen des Dorfes den Maibaum bewachten und die Antenne ausgefahren hatten, wenn denn einer käme. Sie hörten ihn und standen in den Startlöchern. Und wie er nun merkte, er wurde beobachtet oder verfolgt, fing er an zu rennen und die jungen Männer mit der Kreissäge beziehungsweise mit der Kettensäge hinter ihm her. Sie kamen ihm immer näher und waren ihm so auf den Fersen, dass er Panik bekam, stehen blieb und die ganze Sache erklärte. Wenn man als Stadtmensch aufs Land kommt und sich mit den Bräuchen nicht auskennt, kann das ganz böse ins Auge gehen."

Sprecherin:

Heidi Lex wohnt in einem kleinen Dorf im Bergischen Land. Dort wird jedes Jahr von der Dorfgemeinschaft ein so genannter Dorf-Maibaum aufgestellt, der in der Maibaumnacht von den jungen Männern des Dorfes bewacht wird. Sie sagt, der junge Mann aus der Stadt wollte besonders schlau sein, so wie ein erfahrener schlauer Fuchs, weil er auf dem dunklen Dorfparkplatz ungesehen parken wollte. Die Dorfjugend aber hatte die Antennen ausgefahren. Dies bedeutet, sie waren sensibel wie Radarantennen und konnten jede Bewegung erkennen. Die Männer waren bereit, direkt zu starten, standen also wie Sprinter schon in den Startlöchern. Denn sie dachten, jemand wolle ihren Dorf-Maibaum klauen. Sie wussten ja nicht, dass dieser Jugendliche schon ein Bäumchen in seinem Auto hatte, sich aber erst einmal ungesehen an das Haus der Freundin begeben wollte, um zu sehen, wo er das Bäumchen befestigen kann. Sie waren dem jungen Mann auf den Fersen, heißt sie hatten ihn fast erreicht.

Sprecher:

Es hätte auch böse ins Auge gehen können sagt Heidi Lex. Sie meint damit, es hätte auch eine schlimme Wendung nehmen können. Diese Redensart ist im 19. Jahrhundert aufgekommen. Sie kennt die hochgradige Empfindlichkeit des Auges und empfindet alles, was nicht das Auge verletzt, als weniger schlimm. Glücklicherweise konnte der junge Mann aus der Stadt die Situation aufklären und es ist freundschaftlich ausgegangen. Mit einem Kasten Bier.

Fragen zum Text

Maibäume werden traditionell gefällt von …

1. Holzfällern.

2. unverheirateten Männern.

3. heiratswilligen Frauen.

Als besondere Mutprobe gilt, einen Maibaum …

1. auf der Zugspitze zu pflanzen.

2. jemand anderem zu stehlen.

3. auf dem Autodach zu transportieren.

Wenn jemand außer Rand und Band ist, dann …

1. verhält sich jemand sehr wild..

2. ist jemand sehr beherrscht.

3. flüchtet jemand vor der Polizei.

Arbeitsauftrag

Verfassen Sie einen kurzen Text, in dem Sie beschreiben, wie ein Mann in Ihrem Heimatland um eine Frau wirbt. Schicken Sie diesen Text an bildung@dw-world.de. Die drei schönsten Geschichten werden an diese Alltagsdeutsch-Folge als PDF-Dokument angehangen.

Autorin: Heike Köppen

Redaktion: Beatrice Warken

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