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Fokus Osteuropa

Rumänische Haushalte in der Schuldenfalle

Die Finanzkrise hat das Ausmaß der Überschuldung der Rumänen zum Vorschein gebracht. Vor der Krise zeigten sich die Banken spendabel. Nun müssen die Konsumenten die Kredite zurückzahlen – fragt sich nur wie?

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Gähnende Leere in rumänischen Geldbörsen

Eine Kleinstadt irgendwo in Rumänien, 40.000 Einwohner, soziale Kontraste: Auf der Hauptstraße fahren Pferdewagen und teure Limousinen. Typisch auch: Auf einer Länge von weniger als einem Kilometer haben sechs Banken ihre Filialen mit bunter Reklame. Bis vor kurzem hatten die meisten Rumänen keine Ahnung von Konten und Kreditkarten, von Dispositions- und Hypothekenkrediten. Doch seit dem Jahr 2000 ist das anders. Damals wurde der Bankensektor liberalisiert und privatisiert.

Privatleute extrem verschuldet

Westliche Geschäftsbanken drängten auf den rumänischen Markt, den größten Südosteuropas, und kämpfen seither um Marktanteile. Um sich diese zu sichern, warfen sie den Privatkunden Kredite regelrecht hinterher. Auch hier in der Kleinstadt. Ein junger Mann um die 30 ist Filialleiter bei einer der Banken. Er will seinen Namen nicht nennen, aber er spricht offen: „2006 war ein sehr gutes Jahr. Ich war damals noch Privatkundenberater und vergab täglich zehn, zwanzig Kredite. Täglich! Inzwischen vergibt eine ganze Filiale mit zwei, drei Prokuristen nur noch zwanzig Kredite im Monat. Das Kreditgeschäft ist sehr stark zurückgegangen.“ Doch nicht das allein sei besorgniserregend, sagt der Filialleiter. Viele Kunden hätten bei mehreren Banken gleichzeitig Kredite aufgenommen. Es gebe Kunden, die so verschuldet seien, dass sie kaum noch Geld für ihre täglichen Einkäufe hätten. „Das Ausmaß ist so groß, dass es sich im alltäglichen Wirtschaftskreislauf der Stadt bemerkbar macht. Die Leute versuchen, nichts mehr auszugeben“, so der Filialleiter.

Notbremse für Kreditvergabe

Was der Filialleiter aktuell beobachtet, davor warnen viele namhafte rumänische Ökonomen bereits seit Jahren: In Rumänien sind viele Privathaushalte völlig überschuldet. Als nach der Wende plötzlich alle denkbaren Konsumgüter in den Auslagen der Geschäfte auftauchten, griffen die Rumänen zu. Das Geld besorgten sie sich bei der Bank. Inmitten der globalen Finanzkrise sieht sich das Land nun mit einer hausgemachten Schuldenkrise im Privatsektor konfrontiert. Dabei galt Rumänien bis vor kurzem als Wirtschaftswunderland Südosteuropas, als „Tiger des Balkans". Doch das sei eine Illusion gewesen, sagt der Ökonom und ehemalige Reformminister Ilie Serbanescu: „Es ist uns nicht gelungen, aus eigener Kraft Wachstum zu erzielen.“ Das Wachstum in Rumänien beruhe auf dem Konsum von Importwaren und auf dem Geld ausländischer Investoren. „Wir prahlen mit unseren Wirtschaftszahlen, aber uns fehlt eine eigene ökonomische Basis“, meint Serbanescu.

Zu lange auf Pump gelebt

Überall im Land wird nun die Notbremse gezogen: Bereits Mitte September hat die Nationalbank die Richtlinien für die Kreditvergabe verschärft. Die Zahl der Menschen, die ihre Kredite nicht bedienen können, steigt indessen weiter. Die neue Koalitionsregierung aus Liberalen und Wendekommunisten geht nach Meinung vieler Ökonomen bislang ausgesprochen sorglos mit der Krise um. Sie verspricht in ihrem Regierungsprogramm weit reichende Leistungen für sozial Schwache, Lohnerhöhungen im öffentlichen Dienst und Steuersenkungen. Es werde wahllos Geld verteilt, so die Kritik. Ein Ausweg aus der Überschuldung ist das laut Ökonom Serbanescu aber nicht. Der Lebensstandard, der bisher stetig gestiegen sei, werde unvermeidlich wieder sinken. In Rumänien habe man in den vergangenen Jahren immer besser gelebt, allerdings von geborgtem Geld. „Das Land hat viel gekauft, aber irgendwann muss man eben bezahlen. Durch die internationale Finanzkrise rückt der Augenblick des Bezahlens jetzt heran“, resümmiert Serbanescu.

Keno Verseck







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