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Fokus Osteuropa

Rumänisch-Orthodoxe Kirche: Reform oder Kontinuität?

Das Oberhaupt der Rumänisch-Orthodoxen Kirche, Patriarch Teoctist, ist am Montag (30.7.) im Alter von 92 Jahren gestorben. Um die Nachfolge sind innere Kämpfe entbrannt. Es geht auch um Reformen innerhalb der Kirche.

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Patriarch Teoctist, im Januar 2005

Die Rumänisch-Orthodoxe Kirche steht vor einem Scheideweg: Soll der Nachfolger von Patriarch Teoctist dessen Kirchen-Politik fortsetzen oder braucht die Kirche eine Erneuerung von innen? Darüber entscheidet 41 Tage nach seinem Tod in geheimer Wahl ein Kollegium, dem die Mitglieder des Kirchen-Synods sowie geistliche und weltliche Vertreter aus den Kirchen-Bezirken des Landes angehören.

Staatstrauertag und Orden posthum

Teoctist war der fünfte Patriarch der Rumänisch-Orthodoxen Kirche, die seit 1885 "autokephal", das heißt national eigenständig ist. Mehr als 80 Prozent der rumänischen Bevölkerung gehören zur orthodoxen Kirche. Die Beisetzung des Patriarchen, der die Geschicke der Rumänisch-Orthodoxen Kirche seit 1986 geleitet hat, findet am Freitag (3.8.) in der Kathedrale der Patriarchie in Bukarest statt. Ministerpräsident Calin Popescu Tariceanu erklärte den Tag zum Staatstrauertag: "Wir werden das beispielhafte Leben des Patriarchen in gebührender Erinnerung behalten. Im Namen der rumänischen Regierung möchte ich unser tiefes Bedauern zum Ausdruck bringen über den immensen Verlust für die Rumänisch-Orthodoxe Kirche, für Millionen von christlich-orthodoxen Gläubigen. Am Tag der Beisetzung – ein Staatstrauertag – werden wir alle seiner in Ehren gedenken." Staatspräsident Traian Basescu verlieh dem verstorbenen Kirchen-Oberhaupt den höchsten Staatsorden post mortem: Den Stern Rumäniens am Bande.

Umstrittenes Kirchenoberhaupt

Dabei ist das Wirken des obersten orthodoxen Kirchenmannes in Rumänien nicht unumstritten: Als der kommunistische Diktator Nicolae Ceausescu wegen seiner wahnwitzigen Bauprojekte Dutzende Kirchen schleifen ließ, kam kein einziges Wort des Widerstands über die Lippen des Oberhirten. Im Dezember 1989, als die ersten Demonstrationen gegen Ceausescu stattfanden, schickte Teoctist noch ein Solidaritäts-Telegramm an den Diktator. Wegen seiner Einstellung zum kommunistischen Regime hatte der Heilige Synod den Patriarchen nach dem Sturz Ceausescus seines Amtes enthoben – drei Monate später jedoch wieder eingesetzt.

Vom Kommunismus-Sympathisanten zur Integrationsfigur

Nach seiner Rückkehr wuchs Teoctist schnell in die Rolle einer Integrationsfigur – intern wie extern. Er vermittelte zwischen den verschiedenen Strömungen in seiner Kirche und konnte dadurch nach 1989 eine Spaltung der rumänischen Orthodoxie (wie sie zum Beispiel in Bulgarien oder der Ukraine stattgefunden hatte) verhindern. Er widmete sich verstärkt dem Bau unzähliger Kirchen und hatte bis zu seinem Tode einen einzigen Wunsch, der ihm nicht erfüllt werden sollte: Den Bau einer großen orthodoxen "Kathedrale zur Erlösung des Volkes" in Bukarest: "Ich habe mein Leben lang keine Mühen gescheut, Gott zu dienen, mit den Gläubigen zu sprechen und mich um die Kirche zu sorgen. Darin erkannte ich die Erneuerung meiner Kraft. Mich hat die Hoffnung getragen, dass mein Traum – die "Kathedrale zur Erlösung des Volkes" – einmal Wirklichkeit wird. Das ist für mich das Ziel, dem mich der Verstand und all meine Taten näher bringen." Es wird die Aufgabe seines Nachfolgers sein, diesen Traum zu verwirklichen.

In der Ökumene hat Teoctist seine Kirche neu profiliert und geöffnet. Ein historisches Zeichen setzte er 1999 und hieß als erster orthodoxer Kirchenführer Papst Johannes Paul II. zu einem Besuch in Bukarest willkommen. 2002 erwiderte Teoctist im Vatikan den Papst-Besuch.

Der Tod des Patriarchen hat in Rumänien nicht nur Spekulationen um seine Nachfolge ausgelöst, sondern auch heftige Diskussionen um Reformen innerhalb der orthodoxen Kirche. Vor allem ihre immer währende Nähe zum Staat führt zu kontroversen Debatten. Auch der Umstand, dass die rumänische Geistlichkeit wenig zur Vergangenheits-Bewältigung beigetragen hat, lässt manchen Schatten auf sie fallen.

Chance auf Öffnung der Kirche?

Bisher hatte sich die orthodoxe Kirche unter Patriarch Teoctist erfolgreich den Enthüllungsplänen der Behörde zur Aufarbeitung der Securitate-Akten widersetzt. Das könnte sich bei der Wahl eines reformorientierten Patriarchen ändern. Viele orthodoxe Gläubige sehen jetzt die Chance gekommen für die weitere Öffnung ihrer Kirche, glaubt der Journalist Horatiu Pepine: "Innerhalb der orthodoxen Kirche gibt es eine Strömung, die eine größere Staatsferne der Kirche einfordert. Es ist durchaus möglich, dass neben einer offenen Haltung zur Ökumene auch diese Strömung entscheidend sein wird bei der Wahl des nächsten Oberhauptes der Rumänisch-Orthodoxen Kirche."

Anfang September soll der neue Patriarch gewählt werden – gerade rechtzeitig zur Dritten Europäischen Ökumenischen Versammlung, die im September 2007 in Rumänien, in Sibiu (Hermannstadt) stattfindet.

Robert Schwartz
DW-RADIO/Rumänisch, 1.8.2007, Fokus Ost-Südost

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