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Europa

Rumäniens Spiel mit der Minderheit

Bukarest hat gefordert, dass Belgrad die Walachen als rumänische Minderheit anerkennt. Dass war die Vorbedingung der rumänischen Regierung für die Zustimmung zum Beitrittskandidatenstatus Serbiens beim EU-Gipfel.

Rumäniens Präsident Traian Basescu und Serbiens Präsident Boris Tadic

Die Blockadehaltung Rumäniens kam unerwartet. Noch im November letzten Jahres hatte der rumänische Staatspräsident Traian Basescu seinem serbischen Amtskollegen Boris Tadic bei einem Besuch in Belgrad versichert, dass Rumänien den EU-Beitritt Serbiens vorbehaltlos unterstütze. Rumänien hatte vorher mehrmals seine Unterstützung signalisiert, unabhängig von einem Fortschritt im Dialog zwischen Belgrad und Pristina. Mehr noch: Rumänien ist eines von fünf EU-Ländern (neben Spanien, der Slowakei, Griechenland und Zypern), die dem Kosovo die staatliche Anerkennung verweigern.

Die Frage der rumänischen Minderheit in Serbien steht allerdings schon seit längerer Zeit auf der Tagesordnung der bilateralen Gespräche. Dabei geht es nicht so sehr um die Rumänen in der nördlichen Provinz Vojvodina. Hier ist in den von ihnen bewohnten Ortschaften Rumänisch als Amtssprache anerkannt, die Muttersprache wird in Schulen, Kirchen und Medien gepflegt. Das Gleiche gilt auch für die in der Vojvodina lebenden Minderheiten der Ungarn, Kroaten, Slowaken und Russinen.

Walachen sind uneins

Es geht vielmehr um die Walachen im Timok-Tal im Osten Serbiens, die auch als Vlachen oder Aromunen bezeichnet werden. Ihre Sprache ist ein aus dem Alt-Rumänischen hervorgegangener Dialekt. Bukarest besteht darauf, dass die Walachen als rumänische Minderheit anerkannt werden. Serbien hingegen fordert, dass der Status dieser Minderheit regional geklärt wird, da Walachen nicht nur in Serbien, sondern auch in Griechenland, Albanien, Kroatien und Mazedonien leben.

Aromunischer Chor (Foto: Aromunische Kulturtage Bukarest)

Walachen, Vlachen, Aromunen - aus Bukarester Sicht handelt es sich allesamt um rumänische Minderheiten

Die rund 100.000 Walachen im Timok-Tal sind gespalten. Etwa 30.000 Angehörige dieser Minderheit fordern ihre Anerkennung als Rumänen in Serbien und somit auch die gleichen Rechte wie die rumänische Minderheit in der Vojvodina. Sie erwarten eine aktive Unterstützung von ihrem "Mutterland" Rumänien. Die Mehrzahl der Walchen aber sieht sich durchaus als eigenständige Minderheit und distanziert sich kategorisch von ihren pro-rumänisch eingestellten Landsleuten.

Warum ausgerechnet jetzt?

Doch warum bringt Bukarest die Walachen-Frage ausgerechnet jetzt in Brüssel auf die Tagesordnung? Beobachter in der rumänischen Hauptstadt vermuten mehrere Gründe.

Zum einen hatte Rumänien von Serbien offenbar mehr Handlungswillen in dieser Frage erwartet, nachdem Bukarest seinerseits Belgrad entgegenkommen war, indem es dem Kosovo die Anerkennung verweigerte. Nun soll Belgrad mit Hilfe der EU gezwungen werden, verbindliche Zugeständnisse in der Walachen-Frage zu machen.

Autoschlange vor dem Fährübergang über die Donau an der rumänisch-bulgarischen Grenze (Autor: DW)

Lange Schlangen an der Grenze: Rumänien und Bulgarien sind noch nicht im Schengen-Raum

Zum anderen könnte es einen Zusammenhang zwischen der jetzigen Haltung Rumäniens und dem verschobenen Beitritt des Landes zum grenzfreien europäischen Binnenraum, der Schengen-Zone, geben. Vor allem Deutschland und Frankreich hatten Rumäniens Vorhaben blockiert. Bukarest nahm diese Verzögerung zum Anlass, über eine Blockade des EU-Beitritts Kroatiens laut nachzudenken und gab erst auf Druck aus Brüssel nach. Seit sich Deutschland und Frankreich schließlich doch für den Schengen-Beitritt Rumäniens ausgesprochen haben, sind es nur noch die Niederlande, die Rumänien (und auch Bulgarien) die Aufnahme weiterhin verweigern. Bukarest könnte also eine Art Tauschgeschäft vorhaben: Wenn die Niederlande ihren Widerstand aufgeben, macht Rumänien den Weg frei für Serbien.

Viele Gerüchte, keine Gewissheit

Die überraschende Blockadehaltung Rumäniens könnte aber auch innenpolitische Gründe haben. Präsident Traian Basescu soll Gelegenheit bekommen, beim EU-Gipfel in Brüssel das Ende der Blockade-Haltung persönlich zu verkünden und sich somit als Anwalt aller Rumänen im In- und Ausland zu positionieren. Ende 2012 sind in Rumänien Parlamentswahlen und die Regierungspartei der Liberaldemokraten (PDL), deren stärkstes Zugpferd der Präsident ist, liegen in den Umfragen hinter der sozial-liberalen Opposition. Ein außenpolitischer Erfolg Basescus könnte die PDL stärken.

Doch auch folgendes Szenario ist in der Bukarester Gerüchteküche zu hören: Deutschland, das den EU-Kandidatenstatus Serbiens nach schwierigen Verhandlungen nun offiziell befürwortet, könnte über einen Dritten - in diesem Fall Rumänien - versuchen, eine endgültige Entscheidung hinauszuzögern.

Ganz gleich, welche der Hypothesen zutrifft: In Bukarest ist man davon überzeugt, dass Rumänien seine Position revidieren wird - und Serbien noch in dieser Woche den Kandidatenstatus bekommt.

Autor: Robert Schwartz
Redaktion: Zoran Arbutina

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