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Kultur

Ruhrtriennale 2014: Kraftzentrale der Musik

Irritierender Auftakt für die Ruhrtriennale: Industriebauten werden zu szenischen 3D-Gemälden, Maschinen tanzen ein makabres Ballett. Sechs Wochen lang wird Theater, Musik und Kunst geboten.

Szenenbild mit Schafen aus der Eröffnungsinszenierung De Materie von Regisseur Heiner Goebbels (Foto: picture-alliance/dpa)

Szenenbild mit Schafen: Eröffnungsinszenierung "De Materie" von Regisseur Heiner Goebbels

Einst war das Ruhrgebiet die industrielle Lebensader Deutschland; Eisen- und Stahlhütten, Kohlebergbau und Zechen prägten das Bild. Doch Ende der 1960er Jahre zeichnete sich der wirtschaftliche Abschwung ab, heute sind fast alle Industriestätten stillgelegt.

Die Zeugen der einst blühenden Industriekultur wurden nicht abgerissen, stattdessen findet in den alten Maschinenhallen, Kokereien und Gaswerken Kunst statt. Eins der bekanntesten Festivals im Ruhrgebiet ist die 2002 gegründete Ruhrtriennale. Der belgische Gründungsintendant Gérard Mortier, der schon den Salzburger Festspielen ein moderneres Gesicht verpasste, erhob die ausgebrannten Stätten der Arbeiter zu echten Kulturorten und wirkte am postindustriellen Mythos vom Wandel einer Region mit. In mehreren Städten des Ruhrgebiets stehen seitdem einmal jährlich sechs Wochen lang Musik, Theater, Tanz und Performance auf dem Programm. Der innovative Ansatz, Kunst und Industriedenkmäler zu vereinen, hat der Ruhrtriennale deutschlandweit große Beachtung verschafft. Alle drei Jahre wechselt die Intendanz, 2014 steht sie zum letzten Mal im Zeichen des Visionärs Heiner Goebbels.

Mensch und Materie

Jahrhunderthalle Bochum

In der Jahrhunderthalle Bochum wird das Royal Concertgebouw Orchestra aus Amsterdam aufspielen

Die Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg-Nord ist gigantisch: eine Halle, 160 Meter lang aus Beton und Stahl, mit endlos hohen Decken, in der Zeit der Industrialisierung für alles andere als für die Kunst errichtet. Und doch: Intendant Heiner Goebbels inszeniert hier das Musiktheaterwerk "De Materie" des niederländischen Komponisten Louis Andriessen - ein philosophisches Werk über das Verhältnis zwischen dem Menschen und der ihn umgebenden Materie. Erzählt wird das an historischen Beispielen.

Die Premiere von "De Materie" war ein starker Auftakt der Ruhrtriennale 2014, dem internationalen Kunstfestival im westdeutschen Ruhrgebiet: Wie Hammerschläge spielt das "Ensemble Modern", das auf zeitgenössische Musik spezialisiert ist, immer wieder den gleichen Akkord - 144 Mal. Ein Chor aus acht Solisten steht auf einer Art Balustrade. Die Sänger verkünden die niederländische Unabhängigkeits-Erklärung von 1581 und geben eine Anleitung zum Schiffsbau. Gegenüber philosophiert ein Tenor über die unendliche Teilbarkeit des Ganzen. Weiße Zeppeline schweben ruhig über beleuchtete Zelte auf der Bühne. Sind es Kasernen? Lagerräume auf einem fremden Planeten? Das Publikum rätselt.

Szenenbilder wie gigantische 3D-Gemälde

Heiner Goebbels, Intendant der Ruhrtriennale 2014 (Foto: picture-alliance/dpa)

Zum dritten Mal Intendant: Komponist Heiner Goebbels

Heiner Goebbels Bühnenbilder wirken bei der unendlichen Tiefe der Bühne wie 3D-Gemälde. "Man hat in dieser Halle den Eindruck, dass der Mensch hier eigentlich nichts wert ist", sagte er im DW-Interview. Und so scheinen die Protagonisten auf der Bühne verzweifelt darum zu kämpfen, den riesigen Raum überhaupt füllen zu können.

Im ersten Akt verlassen Gestalten in grünen Raumfahrtanzügen abstrakte weiße Bauten - sie sehen aus wie Spielfiguren. Das nächste Bild hochromantisch: Ein tiefgelber Planet beleuchtet die nebelverhangene Bühne, auf der die Sängerin Evgeniya Sotnikova eine Nonne aus dem 13. Jahrhundert verkörpert und von Sex singt. Ganz vorn am Bühnenrand wird sie zum kleinen aber leuchtenden Mittelpunkt der Szenerie. Zu Boogie-Woogie-Rhythmen lässt Goebbels im dritten Akt zwei Tänzer am hintersten Ende der Bühne einen clownesken Tanz performen. Weit weg vom Zuschauer erscheinen sie wie Ameisen.

Überraschend der vierte Akt: Zu melancholischen Akkorden taucht eine Schafsherde auf - in schummrigem Licht und scheinbar unter Führung des allgegenwärtigen Zeppelins. In Mondlichtatmosphäre laufen die Tiere über die Bühne. Ihr Blöken ergänzt die Musik auf unberechenbare Weise: In diesem Moment ist die Inszenierung zutiefst lebendig. Denn mit ihrem geballten Auftreten und ihrer echten Natürlichkeit füllen die Vierbeiner den leeren Bühnenraum - und verbreiten strengen Schafsgeruch. Ein mutiger Regieeinfall.

Maschinen lassen Tiere regnen

Regisseur Romeo Castellucci (Foto: Stephan Glagla / Ruhrtriennale)

Skeptische Erwartung: Regisseur Romeo Castellucci wagt viel mit seiner Eröffnungsinszenierung

Auch der italienische Regisseur Romeo Castellucci, der bei der Ruhrtriennale 2014 eine der beiden Eröffnungsinszenierungen verantwortet, bringt Tiere auf die Bühne. Seine sind allerdings schon lange tot. Auch sonst gibt es nicht Lebendiges in seiner gewöhnungsbedürftigen Inszenierung von Strawinkys "Le Sacre du Printemps". Auch keine Tänzer, obwohl das Stück für Orchester und Ballett konzipiert ist. Am Samstag (16.08.2014) war offiziell Premiere - am Tag davor gab es bereits eine Voraufführung.

Bühne und Zuschauerraum sind mit einer durchsichtigen Kunststoffwand voneinander getrennt. Der Bühnenraum ist erleuchtet, der Boden karg und monoton grau. An einer Deckenkonstruktion hängen graue Behälter wie umgedrehte Milchkannen mit der Öffnung nach unten. Neben einigen sind elektronische Zähler angebracht, die Sekunden schreiten signalrot voran. Strawinskys Musik des "Le Sacre du Printemps" ertönt aus Lautsprechern.

Dann geht es los: Knochenstaub fällt rhythmisch aus den Behältern - Knochen von Tieren, wie der Regisseur beim Pressegespräch betont. Die Maschinen bewegen sich, fahren umher, schwanken nach links und rechts, drehen sich - es hat auch etwas Komisches. Was hier zu Strawinsky tanzt, sind die Maschinen, nicht wie sonst die Tänzer. Der Staub ist bloß eine Art Marionette des Regisseurs: mal fällt er in breiten Streifen, mal in feinen Strähnen und mal geschwungen zu Boden - immer den Maschinen ausgeliefert.

75 pulverisierte Rinderskelette

Die alte Gebläsehalle in Duisburg - Spielort der Ruhrtriennale (Foto: Matthias Baus)

Die alte Gebläsehalle in Duisburg ist eine kreative Herausforderung für Regisseure

Plötzlich Ruhe, Stillstand der Maschinen. Die milchige Luft wird klarer. Der Bühnenboden hat sich inzwischen in eine Dünenlandschaft aus Tierknochenstaub verwandelt. Während Strawinskys "Sacre" das Motiv des Menschenopfers im Frühling zugrunde liegt, sind in Castelluccis Version Tiere die Opfer. Dem Regisseur ging es bei seiner Inszenierung auch um aktuelle Bezüge: "Mit der Natur sind wir heute über die Industrie verbunden. Das Opfer ist etwas Industrielles geworden."

Der Vorhang schließt sich, die Musik spielt unbeirrt weiter. Bei den sechs Tonnen Staub der Aufführung handle es sich um 75 pulverisierte Rinderskelette, erfahren die Zuschauer im Nachhinein. Auch sie sind ausgeliefert: der Perversion dieser Inszenierung, im Alltag der Lebensmittelindustrie, die alles routiniert als Material für Düngemittel verwendet. Regisseur Romeo Castellucci betont, er wolle nicht moralisieren. Trotzdem wirkt die Inszenierung so.

Der Vorhang öffnet sich. Männer in Schutzanzügen und Atemschutzmasken schaufeln den Staub zurück in große Tonnen. Die Uraufführung von Strawinskys epochalem Meisterwerk 1913 war ein Eklat mit lautstarkem Protest. Den gab es zur Eröffnung der Ruhrtriennale hier nicht. Der Applaus war äußerst zurückhaltend. Castelluccis "Sacre" liegt schwer im Magen.

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