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Wissen & Umwelt

Ruhe und Romantik adé! Die Bahn als Nachbar

Das Mittelrheintal zwischen Bonn und Bingen - ein idyllisches Fleckchen Erde. Wenn es nur nicht so laut wäre! Bis zu 600 Züge brettern jeden Tag durch das sonst so romantische Tal.

Teile der malerischen Rheinlandschaft mit Burgen und Schlössern sind sogar UNESCO-Welterbe: Das Obere Mittelrheintal ist "eine Kulturlandschaft von großer Vielfalt und Schönheit", sagt das Welterbekomitee. Touristen und Wanderer lieben das Tal gleichermaßen, die Bewohner sind stolz auf ihre hübsche Heimat. Einzig die Bahn stört die Idylle im Südwesten Deutschlands: Mehrere hundert Züge sind hier täglich unterwegs, Tendenz steigend.

Die Schienen stammen teilweise noch aus dem 19. Jahrhundert. Sie gehören zur Verkehrsachse Rotterdam - Genua; diese Strecke verbindet die wichtigsten Industriestandorte Europas miteinander und ist damit eine der Hauptschlagadern der Globalisierung. Unzählige Güter passieren tagtäglich das Rheintal, das einem Nadelöhr gleicht: Der Fluss schlängelt sich entlang gebirgiger Ufer, entlang des Siebengebirges oder durch das rheinische Schiefergebirge. Die steilen Hänge auf beiden Rheinseiten sorgen für einen starken Widerhall - und somit für noch mehr Lärm durch die Bahn.

Sankt Goar Mittelrheintal Loreleyfelsen Foto: picture-alliance/dpa/T. Frey

Das Mittelrheintal: landschaftlich reizvoll, aber laut

Die Anwohner leiden unter den Zügen, die Tag und Nacht durch das Rheintal rauschen. Viele klagen über Schlafstörungen und Herzprobleme - zum Beispiel Anna-Maria Buhr aus Bad Hönningen in der Nähe von Neuwied. Von ihrem Haus aus blickt sie auf den Rhein, von ihrem Garten aus auf Weinberge und das imposante Schloss Arenfels. Aber auch auf einen großen Leitungsmast in unmittelbarer Nähe: Direkt neben ihrem Grundstück verlaufen Eisenbahnschienen. Wenn sie an der Grenze ihres Gartens steht und den Arm ausstreckt, kann sie die Züge beinahe berühren.

Nachts wacht Anna-Maria Buhr mehrfach vom Lärm auf, auch am Tag kann sie sich kaum entspannen. "Früher hatte ich nie etwas am Herzen", erzählt sie, "aber jetzt habe ich häufig dumpfe Schmerzen und manchmal auch wirkliche Anfälle, bei denen das Herz vibriert." Zudem habe sie viele Haare verloren, seitdem sie so nah an der Bahn wohne.

Die Bundesstraße 42 in unmittelbarer Nähe ist nahezu nicht wahrnehmbar, wenn man im Garten von Anna-Maria Buhr steht, so laut sind die Züge beim Vorbeirauschen. Durch die Erschütterungen der Bahn sind außerdem Risse im Haus entstanden. Das Geschirr im Wohnzimmerschrank schiebt Anna-Maria Buhr jeden Morgen auseinander, damit es nicht kaputtgeht.

Garten von Anna-Maria Buhr Foto: DW/K. Redanz

Gleich neben Anna-Maria Buhrs Grundstück verläuft eine Bahnstrecke

Gesundheitliche Folgen

Schlafstörungen, Herzprobleme, Haarverlust - all das könne durchaus eine Folge der dauerhaften Lärmbelastung sein, sagt Eberhard Greiser, emeritierter Epidemiologe, der seit 2004 an den Auswirkungen von Lärm auf den Menschen forscht: "Lärm bewirkt, dass Stresshormone ausgeschüttet werden", so der Mediziner, und Stress könne dazu führen, dass Haare ausfallen.

Stresshormone lassen auch den Blutdruck nach oben schnellen, sagt Greiser, und "bei dauerhafter Lärmbelastung wird aus dem nur akut erhöhten Blutdruck ein dauerhafter Bluthochdruck." Der wiederum verursacht Herz-Kreislauf-Krankheiten wie Herzinfarkt, Herzschwäche und Schlaganfälle. "Auch erhöht Lärm das Risiko für Leukämien und bösartigen Lymphdrüsenkrebs. Wir wissen allerdings noch nicht genau, woher das kommt."

Auch wer wegen Lärm nachts nicht schlafen kann, wird krank, sagt der Arzt. Das Risiko für psychische Erkrankungen wie Depressionen, Psychosen und Schizophrenie steigt, ebenso für Diabetes: "Mehrere Studien zeigen, dass jemand, der nur kurz schläft oder dessen Schlaf unterbrochen wird, ein erhöhtes Risiko für Zuckerkrankheit vom Typ II hat." Diese Art von Diabetes tritt meist erst im Erwachsenenalter auf und folgt oft auf Übergewicht und Bewegungsmangel.

Herzschrittmacher wegen Zuglärm

Vor allem Güterzüge seien ein Problem, sagt Anwohnerin Anna-Maria Buhr. Wenn alte Waggons schwer beladen sind, sei der Lärm ohrenbetäubend. Teilweise seien die Züge mit bis zu 6000 Tonnen Ladung und mit Geschwindigkeiten von 120 Stundenkilometern unterwegs - "da versteht man sein eigenes Wort nicht", sagt Anna-Maria Buhr mit einem gequälten Lächeln.

Zuglärm sei tatsächlich besonders schädlich, bestätigt der Mediziner Greiser: "Schienenlärm und Fluglärm haben eine hohe Emergenz. Das heißt, aus einem relativ leisen Hintergrundniveau kommt plötzlich ein großer Lärmanstieg." Laut Greiser schockt diese plötzliche und starke Veränderung der Geräuschkulisse die Hirnanhangsdrüse. Sie liegt an der Unterseite des Gehirns und stellt Hormone her. Bei einem plötzlich ansteigenden Lärmpegel schütte sie viel mehr Stresshormone aus, als wenn der Krach immer gleich laut ist, erklärt Greiser.

Auch Heinz-Günter Heck aus Bad Hönningen hat mit Auswirkungen des Lärms auf seinen Körper zu kämpfen: Schon mehrere Male ist er tagsüber zusammengebrochen. Die Ärzte schoben dies zunächst auf das Rauchen und auf "die ein, zwei Flaschen Bier am Tag, die ich getrunken habe", erzählt der Rentner. Als seine Beschwerden allerdings auch nach Alkoholverzicht und Rauchstopp nicht aufhörten, stand für Heck fest: Ursache für seine ständige Schlappheit und seine beinahe regelmäßigen Zusammenbrüche ist der Bahnlärm, dem er seit den 70er Jahren tagtäglich ausgesetzt ist. Mittlerweile trägt Heck einen Herzschrittmacher. "Es kann aber nicht die Lösung sein, dass alle Bewohner des Rheintals bald mit so einem Gerät im Körper herumlaufen", sagt er.

Anwohner fordern Lösungen

Es müsse endlich eine Lösung gefunden werden, die weder der Wirtschaft noch den Menschen schade, fordern die Anwohner. Etwa Flüsterbremsen: neuartige Bremsen aus Kunststoffen. Die herkömmlichen, alten Bremsen sind aus Gusseisen und laut Deutscher Bahn die Hauptlärmquelle von Schienenfahrzeugen: "Bei jedem Bremsvorgang drücken die Bremsklötze auf die Laufflächen der Räder und verursachen dabei ein Aufrauen dieser Flächen. Dies führt zu lauten Rollgeräuschen während der Fahrt."

Nach Angaben des Konzerns werden seit 2001 nur noch Neuwagen mit der neuen Bremstechnologie gekauft; Ende 2015 waren bereits über 10.000 Wagen mit Flüsterbremsen im Einsatz.

"Die technischen Möglichkeiten gibt es. 10.000 Wagen sind auch schon gut, aber das reicht noch nicht", sagt Anwohner Heinz-Günter Heck und wird wütend. Hinzu komme, dass die Flüsterbremsen bisher nur in deutschen Wagen eingesetzt werden, auf der Strecke aber beispielsweise auch belgische und russische Züge unterwegs seien.

Wütend wird Heck auch, wenn er sich die aktuellen Entwicklungen in Bad Hönningen anschaut: "In unserer Pfarrkirche dürfen von abends 22 Uhr bis morgens um 6 Uhr die Glocken nicht mehr läuten - wegen Lärmbelästigung." Sein Nachbar habe eine Geldstrafe zahlen müssen, weil er in der Mittagszeit Rasen gemäht habe. "Das sind doch Kleinigkeiten", sagt Heck sichtlich verärgert, "aber die Bahn darf weiter fahren, Tag und Nacht, mit uralten Waggons. Und die Ärzte vor Ort geben nicht einmal zu, dass unsere Gesundheit unter diesem dauerhaften Lärm leidet."

Mediziner Eberhard Greiser hingegen weiß, wie sehr Lärm den Menschen krank machen kann. Er ist stets bemüht, seine Kollegen auf seine Studien aufmerksam zu machen. In die Politik aber seien die Studienergebnisse bisher noch nicht genug durchgedrungen.

Momentan hat Greiser daher nur einen Rat: "Die Betroffenen sollten versuchen, ihre Schlafzimmer möglichst schalldicht zu machen, und den Politikern auf den Geist gehen." Letzteres versuchen die Anwohner des Rheintals so gut wie eben möglich: mit regelmäßigen Demonstrationen, mit Mahnwachen und anderen Aktionen. Mittendrin ist Anna-Maria Buhr: Auch sie will sich bei all dem Lärm endlich Gehör verschaffen.

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