1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Deutschland

Ruhe und Kälte machen den Meister

Kienbaum ist kein Gewächs. Das weiß jeder Hochleistungssportler. In dem idyllisch gelegenen Sportzentrum östlich von Berlin probte früher die DDR-Elite und heute trainieren viele deutsche Olympiateilnehmer von morgen.

Skulpturen auf dem Gelände des Bundesleistungszentrums in Kienbaum. Copyright: Karin Jäger, 06.07.2012, Rechtefrei für DW.

Gelände des Bundesleistungszentrums Kienbaum Olympiavorbereitung

Die Kanuten sind die ersten Athleten am Morgen, die Schweiß vergießen. Wenn die Anderen zum Frühstück schleichen, haben Max Hoff, Katrin Wagner-Augustin und Canadier-Fahrer Sebastian Brendel schon ein paar Runden auf dem Liebenberger See gedreht, beobachtet von Trainern, Trainingswissenschaftlern mit Videokameras, Fröschen und Bachstelzen. "Von den Trainingsstätten, die ich kenne, ist Kienbaum einmalig. Die Ruhe, die Idylle - man kann auch mal die Seele  baumeln lassen. Und man kann sich hier voll aufs Training konzentrieren, weil man nicht abgelenkt wird von den restlichen Verführungen der Welt", schwärmt die viermalige Olympiasiegerin Katrin Wagner-Augustin.

Kanute Max Hoff beim Training auf dem Liebenberger See bei Kienbaum. Copyright: Karin Jäger, 06.07.2012, Rechtefrei für DW.

Ein See für Max Hoff

 "Im Gegensatz zu einer Regattastrecke kann man hier auch mal Kreise fahren, der See ist überhaupt nicht windanfällig, und Motorboote gibt es auch nicht", nennt Kanu-Chefbundestrainer Reiner Kießler die Vorzüge. Die schmalen Boote seiner Schützlinge sind ausgestattet mit Pulsuhren und GPS-Geräten. "So wissen sie immer, wie intensiv, wie schnell und wo genau sie unterwegs sind. Aber verfahren kann man sich hier in Kienbaum sowieso nicht", schmunzelt Kießler, der schon zu DDR-Zeiten Sportler zu Spitzenleistungen führte. 

Kanute Max Hoff, auf dem Weg vom Liebenberger See zum Bungalow im Leistungszentrum Kienbaum, wo die Kanumannschaft untergebracht ist. Copyright: Karin Jäger, 06.07.2012, Rechtefrei für DW.

Mit Rad kommt man in Kienbaum gut voran

Wie ein zweites Zuhause

Damals blieben die Mannschaften meist in Kienbaum, weil die Funktionäre die Athleten hier besser unter Kontrolle hatten, nichts die Vorbereitungen stören konnte und Auslandsreisen das DDR-Regime viel teurer gekommen wären als die Anfahrt zu dem Leistungszentrum mitten im Wald.

Die Judoka, die ebenfalls mehrere Wochen auf dem märkischen Sand verbringen, schlendern in blauen und weißen Anzügen grüppchenweise zu einer der riesigen Sporthallen.

Training der deutschen Judoka im Bundesleistungszentrum Kienbaum. Copyright: Karin Jäger, 06.07.2012, Rechtefrei für DW.

Judoka bei der Arbeit

"Das ist das Los unserer Sportart. Jeder Olympiateilnehmer braucht während der Vorbereitung vier Trainingspartner. Deshalb sind wir so viele", erklärt Damen-Bundestrainer Michael Bazynski. "Hier in Kienbaum zahlen wir 30 Euro pro Athlet pro Tag, das gibt es nirgendwo günstiger", sagt der Trainer, ehe er dann wieder Anweisungen auf der Matte gibt. Diskus-Weltmeister Robert Harting hat sich in die Wurfhalle zurückgezogen.

Welt- und Europameister im Diskuswerfen, Robert Harting, im Trainingslager in Kienbaum, Copyright: Karin Jäger, 06.07.2012, Rechtefrei für DW.

Soviel geht noch - Diskus-Champion Robert Harting

Aus dem Trockenen schleudert er die Scheibe durch das geöffnete Tor ins Freie. Trainer und Wissenschaftler kontrollieren die Wurftechnik, direkt neben dem Schwerathleten.

50 Kilometer sind es auf dem Radweg bis Berlin-Mitte, ein Katzensprung für Elite-Sportler. Vor 1990 rackerten sich die Kaderangehörigen für den Arbeiter- und Bauernstaat in der Halle ab - Radfahrer und Läufer, aber auch Schwerathleten und Kanuten.

Training unter (Unter-) Druck

Stillgelegte Höhentrainingskammer im ehemaligen DDR-Leistungszentrum Kienbaum. Copyright: Karin Jäger, 06.07.2012, Rechtefrei für DW.

Eberhard Gräbert: "Hier gings rein."

Strenger abgeschirmt als die Wochenendsiedlung der DDR-Polit-Brigade trainierten sie in dem fensterlosen Bunker, der heute von Staub und Unkraut umgeben auf seine weitere Bestimmung wartet. Wer hier rein delegiert wurde, wurde zur Verschwiegenheit verpflichtet und zum Medaillenkandidaten erklärt. Tagelang hielten sich die Auserwählten darin auf, um bei Unterdruck und ohne Tageslicht Training in bis zu 4000 Meter Höhe zu simulieren. Sie durften dabei Videos schauen oder Musik hören.

Stillgelegte Höhentrainingskammer im ehemaligen DDR-Leistungszentrum Kienbaum. Copyright: Karin Jäger, 06.07.2012, Rechtefrei für DW.

Relikt aus der DDR und streng geheim - Höhentrainingskammer

Nach dem Kollaps der DDR fehlte dann erst das Geld, und heute gibt es spezielle Kabinen und Zelte, in denen Sportler zu Hause mit Maske trainieren, die der Umgebungsluft Sauerstoff entzieht. Das fördert - ganz legal - die Produktion roter Blutkörperchen, mit denen Sauerstoff in die Muskeln transportiert wird. 

Wohin mit den Relikten aus dem vergangenen DDR-Staat?  

In den muffigen Hallen stehen seit 20 Jahen ungenutzt Rennräder, Laufbänder, Kanus. Griffbereit liegen antik anmutende Hanteln herum. Die gespenstische Atmosphäre vervollständigen die zahlreichen Kameras, die Bildschirme im Kontrollraum, Wimpel von DDR-Verbänden und -Vereinen, alte Zeitungen, Kaffeetassen und eine entleerte Handkasse. Nicht überliefert ist, ob daraus die Staatsamateure ihre Prämien erhalten haben, die offiziell nicht bezahlt werden durften.  

Ehemaliger Kontrollraum der Unterdruckkammer im früheren DDR-Leistungszentrum Kienbaum. Copyright: Karin Jäger, 06.07.2012, Rechtefrei für DW.

Da haftet noch DDR-Mief dran: Kontrollraum in Kienbaum

Vielleicht wird aus dem Bunker ein Museum, "der Publikumsbetrieb allerdings würde die Athleten in ihrer Ruhe und Abgeschiedenheit stören, wegen der sie Kienbaum schließlich so schätzen", hegt Erhard Gräbert Zweifel. Der technische Leiter des Bundesleistungszentrums gehört zu den knapp 40 Mitarbeitern, die hier arbeiten. Vor der politischen Wende waren 250 angestellt. Es gab auch einen Friseur und ein Kino auf dem Gelände, das der Dorfbevölkerung Kienbaums offen stand. Überhaupt hat die Anlage eine bewegte Vergangenheit hinter sich.

Kienbaum hat die DDR überlebt

Einst war es eine Sägemühle, während der beiden Weltkriege Munitionsfabrik, in denen Granaten hergestellt wurden, danach Erholungsheim für privilegierte Politfunktionäre, Künstler und Wissenschaftler. Seit 1952 besteht Kienbaum als Trainingsstätte. Zuerst durften sich dort auch Sportler aus den sozialistischen Bruderländern der DDR fit machen. Nach der Einrichtung der Höhenkammer wurden bis 1990 ausschließlich DDR-Spitzensportler zur Vorbereitung auf Olympische Spiele, Welt- und Europameisterschaften zugelassen. Die Einrichtung war sogar so begehrt, dass das Regime in Ostberlin den zweiten Komplex "Kienbaum II" bauen ließ, der sich knapp 1,5 Kilometer vom Eingang entfernt befindet und in dem überwiegend Nachwuchs-Athleten betreut wurden.

Nach dem Mauerfall begann das sieben Jahre währende Tauziehen um Erhalt und Trägerschaft des 60 Hektar großen Areals. Gut 20 Jahre nach dem Niedergang der DDR lebt Kienbaum.

Endloslange Trainingshalle der Leichtathleten im Bundesleistungszentrum Kienbaum. Copyright: Karin Jäger, 06.07.2012, Rechtefrei für DW.

Endlos lange Laufhalle

Vieles ist bis heute geblieben. Die Schwalben, die auf dem Grundstück  nisteten, erhielten allerdings neue Brutstätten. Das war eine Auflage des Umweltbundesamtes. Neue Hallen wurden gebaut.

Trainingshalle der Turner in Kienbaum, Copyright: Karin Jäger, 06.07.2012, Rechtefrei für DW.

Turnerparadies

Nur die Außenmauer des Unterdruckbunkers erinnert im Einheitsbeige an die Tristesse der DDR, wo Härte gefordert wurde und kein Spaß erlaubt war. Heute steht das Wohlbefinden der Sportler im Vordergrund. Die Anmeldung gleicht einer Hotellobby, die Sportler sind in Mehrbettenhäusern, Pavillons genannt, untergebracht, mit einem Draht fürs Internet. Auf den Wäschespinnen vor den Häusern hängen Trikots und Sporthosen. Davor parken die Limousinen der Elitesportler. Nach dem Training bietet die finnische Saunaanlage Platz für zwei Fußballteams inklusive Ersatzleuten. Viele Athleten besuchen das medizinische Zentrum, wo Physiotherapeuten Hand an Muskeln anlegen.

Die aus der Kälte kommen

Jan May, Trainer der deutschen Hürdensprinter, überwacht zwei Athleten per Monitor, die sich zur Regeneration in der Kältekammer von Kienbaum aufhalten. Copyright: Karin Jäger, 06.07.2012, Rechtefrei für DW.

Trainer Jan May hat die gekühlten Athleten im Blick

Der Hit in der Ranglsite der Sportler scheint aber die Kältekammer zu sein, auch  kältester Ort Deutschlands genannt, den gerade die Hürdensprinter nutzen. Nur in Badekleidung, mit Mundschutz, Stirnband und Handschuhen ausgestattet, betreten sie kurz die erste Kammer. Nach einer kurzen Akklimatisation bei schlappen minus zehn Grad geht es in die nächste Kabine, in der minus 60 Grad herrschen, und schließlich in das 110 Grad kühle Kabuff. Von außen schaut Trainer Jan May auf die Monitore, die das Innere zeigen, fragt nach, ob alle sich wohlfühlen und zählt die Zeit herunter. Spätestens nach zweieinhalb Minuten treten die Athleten den Rückweg an. "Die Schockgefrierung regt den Blutfluss zu den Muskeln an", erklärt der Trainer, "die Beweglichkeit der Gelenke wird erhöht, die Muskulatur wird gelockert."

Philipp Boy, Kunstturner, Vizeweltmeister 2011, beim Training an den Ringen im Bundesleistungszentrum Kienbaum. Copyright: Karin Jäger, 06.07.2012, Rechtefrei für DW.

Topfit: Philipp Boy

Und wenn sich am Abend die Meisten bei Videos oder beim Internet-Surfen entspannen, reiben sich die Turner in "ihrer" Halle die Hände mit Magnesium ein, um Schwünge und Drehungen an den Geräten zu optimieren.

Ex-Turn-Weltmeister Fabian Hambüchen an das Reck, unter Beobachtung seines Vaters (im roten Trikot) und Fernsehkameras in Kienbaum. Copyright: Karin Jäger, 06.07.2012, Rechtefrei für DW.

In Schwung: Fabian Hambüchen

Wenn die Turnerriege, angeführt von Fabian Hambüchen und Philpp Boy, vor Mitternacht dann ihr Abendessen einnimmt, weil ihr Wettkampf ebenfalls am späten Abend stattfindet, geben die Mitarbeiter selbstverständlich die Mahlzeiten aus. Die Menüs werden von Ernährungswissenschaftlern für das jeweilige Anforderungsprofil der Sportler zusammengestellt.

Übersicht über Sportanlagen im Bundesleistungszentrum Kienbaum. Copyright: Karin Jäger, 06.07.2012, Rechtefrei für DW.

Modisch zur Kantine und nach London

Doch nicht nur zur Leistungsoptimierung werden die sportlichen Gäste in Kienbaum animiert: "Wir halten sie an, mit gepflegter Kleidung zum Essen zu gehen und sparsam mit Energie umzugehen", sagt Geschäftsführer Klaus-Peter Nowack. Deutsche Sportler sollen Vorbild sein, nicht nur im Wettkampf.