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Asien

"Rugby bedeutet Freiheit von Konventionen"

Trotz seines schlechten Rufs als harter Männersport lockt Rugby in Indien immer mehr junge Frauen an. Doch die Spielerinnen müssen gegen gesellschaftliche Vorurteile kämpfen.

Indische Rugby Spielerinnen beim Training (Foto: DW)

Voller Körpereinsatz: Frauen trainieren Rugby in Südindien

Es ist Hochsommer, schon über 40 Grad in der südindischen Millionenstadt Chennai. Doch die schwüle Hitze hält die jungen Mädchen des Chennai Rugby Clubs nicht vom Training ab. Um vier Uhr nachmittags spielen sie unter der glühenden Sonne ganz ernsthaft Rugby.

Die Mädchen rasen quer über das Feld, schreien, greifen sich gegenseitig an und werfen sich, ohne zu zögern, ins Gedränge um den ellipsen-förmigen Ball zu fangen.

"Rugby ist mehr als nur ein Sport"

Mehrere Spielerinnen heben eine Spielerin hoch (Foto: DW)

Teamarbeit ist notwendig um den Ball zu erobern

Bei vielen dieser jungen Frauen geht es in den wöchentlichen Trainingsstunden um mehr als nur Rugby. Die 20-jährige Rakhee ist eine der besten Spielerinnen des Teams, und hat schon an mehreren nationalen Turnieren teilgenommen. Sport ist ihre Leidenschaft: "Wenn wir Sport treiben, sind wir ein Team, wir werden motiviert, wir üben Führungsverhalten, wir lernen neue Freunde kennen, und unsere Konzentration verbessert sich." Vor allem ist der Rugby-Sport aber für Rakhee eine Zeit, in der sie ihrer üblichen Routine entfliehen kann: "Wenn ich spiele, kann ich alles andere vergessen. Es entsteht etwas Neues. Es gibt keine Sorgen. Das ist sehr erfrischend," sagt sie.

Gegensätzliche Welten

Wie bei vielen ihrer Kolleginnen des Rugby-Teams, sieht Rakhees Leben außerhalb des Rugbyplatzes ganz anders aus. Statt der sportlichen Kleidung – kurze Hosen und knallrotes T-Shirt – tragen sie meist das traditionelle indische Hosenkleid Salwar-Khameez. Statt Sport zu treiben sollte Rakhee lieber zu Hause lernen oder bei der Hausarbeit mithelfen, sagt ihre Familie.

Diese zwei gegensätzlichen Welten miteinander zu vereinbaren, ist eine Herausforderung. Noch schwieriger aber war, überhaupt das sogenannte "Männerspiel" Rugby spielen zu dürfen. Ihre Eltern waren dagegen, vor allem weil sie lange in der Sonne spielen musste und dunkelhäutig geworden war, erinnert sich Rakhee: "Meine Eltern fragten mich: Warum strengst du dich so an? In zwei Jahren musst du heiraten, wer wird dich so als Ehefrau annehmen? Wir müssen nun mehr Geld für dein Mitgift besorgen."

Harter Kampf gegen Vorurteile

Eine Frau trägt Krüge voll Wasser mit ihrem Kindern nach Hause

Rugby bedeutet für viele Spielerinnen Freiheit von der konventionellen Frauenrolle

Bisher konnte Rakhee ihre Eltern zwar überzeugen. Aber dieses Jahr hat sie ihr Bachelor-Studium abgeschlossen. Nun geht nur so lange weiter, bis für Rakhee ein tauglicher Bräutigam gefunden wird.

Die gleiche Geschichte erzählen viele junge Rugbyspielerinnen in Chennai. Die meisten Mädchen dürfen nur für drei Jahre während des Bachelor-Studiums spielen, maximal noch zwei weitere Jahre, während des Master-Studiums. Danach müssen sie entweder heiraten oder einen Job finden.

Während Chennai eine relativ konservative Stadt ist, sieht die Lage bei Frauen in anderen Metropolen wie Mumbai, Bangalore, Pune oder Kolkata etwas besser aus. Rugby ist in diesen Orten ins Bewusstsein der Gesellschaft gerückt, und genießt die Unterstützung vieler Eltern, Schulen und Universitäten. Mädchen trainieren auch nach dem Studium oder neben dem Beruf Rugby, viele reisen landesweit und sogar ins Ausland, um an Turnieren teilzunehmen.

Keine Jobchancen für Profis

Gruppenbild des Rugby Teams auf dem Spielfeld in Chennai (Foto: DW)

Rugby-Spielerinnen mit ihren Trainern auf dem Spielfeld in Chennai

Doch auch für sie ist eine Rugby-Karriere ausgeschlossen. Denn im ganzen Land haben alle Rugbyspieler ein gemeinsames Problem: es gibt keine Chancen auf eine Profi-Karriere, weil der Sport nicht offiziell anerkannt ist, sagt John Jain, Organisator für Frauen-Rugby in Chennai: "Die staatliche Bahn, die Armee, Polizei, die Zollbehörde usw. haben spezielle Quoten, nach denen sie Sportler einstellen. Dabei wählen sie aber nur noch Sportler der indischen Hauptsportarten aus – wie zum Beispiel Fußball, Volleyball, Basketball, Kricket, Schwimmen oder Leichtathletik."

Rugby wird zurzeit nicht offiziell als Sportart anerkannt. Die meisten großen Privatfirmen oder Regierungsbehörden haben daher kein Rugby-Team. Es wird noch lange dauern, bis in Indien Rugby, besonders für Frauen, völlig akzeptiert wird. Noch scheint diese Tatsache aber die wachsende Zahl der indischen Rugbyspielerinnen nicht abzuschrecken.

Autorin: Pia Chandavarkar
Redaktion: Ana Lehmann