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Afrika

Ruanda gedenkt seiner Genozidopfer

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon bedauerte bei der Gedenkzeremonie, dass die Vereinten Nationen den Völkermord von 1994 nicht gestoppt haben. Französische Offizielle wurden von den Gedenkfeiern ausgeschlossen.

Never Again - Niemals wieder, lautet der eindringliche Appell, der über die Lautsprecher des Nationalstadions in Kigali zu den tausenden Teilnehmern der Gedenkzeremonie übertragen wird und über die Fernsehgeräte und Radios in jeden Winkel von Ruanda dringt. Ruandische Politiker und internationale Gäste sind im Nationalstadion in Ruandas Hauptstadt Kigali zusammengekommen, um den Opfern des Völkermordes von 1994 zu gedenken. Dasselbe Stadion, in das sich damals tausende Tutsi geflüchtet hatten, um den mordenden Hutu-Milizen zu entkommen. "Wir haben Gerechtigkeit und Versöhnung so gut wir konnten vorangetrieben. Aber das kann nicht wiederherstellen, was wir verloren haben", sagte Ruandas Präsident

Paul Kagame

während der Zeremonie.

Ruandas Präsident Paul Kagame während der Gedenkfeier Foto: REUTERS/Noor Khamis

Ruandas Präsident Paul Kagame während der Gedenkfeier

Vor 20 Jahren nahm in Ruanda eines der schlimmsten Verbrechen auf dem afrikanischen Kontinent seinen Anfang: Am 6. April 1994 schossen Unbekannte das Flugzeug von Präsident Juvénal Habyarimana ab. Der Präsident und alle anderen Passagiere kamen ums Leben. Militante Hutu machten die Tutsi-Minderheit für den Angriff verantwortlich. Daraufhin metzelten in nur 100 Tagen Hutu-Milizen mehr als 800.000 Tutsi und moderate Hutu nieder. Mitte Juli 1994 gelang es der Tutsi-Rebellenarmee "Ruandische Patriotische Front" (RPF) unter Führung des heutigen Präsidenten Ruandas, Paul Kagame, das Land unter ihre Kontrolle zu bringen.

"Wir hätten mehr tun müssen"

"Ich möchte den Ruandern und der RPF dazu gratulieren, dass sie diese Landesverräter besiegt haben", sagte Ugandas Präsident Yoweri Museveni während der Gedenkfeier. Ban Ki Moon, der Generalsekretär der Vereinten Nationen, brachte in dem Nationalstadion seine Solidarität mit dem ruandischen Volk zum Ausdruck. Er bedauerte, dass die internationale Gemeinschaft 1994 nicht eingegriffen hatte, um das Morden zu stoppen: "Wir hätten mehr tun können und wir hätten mehr tun müssen", sagte er. In den Monaten des Völkermordes wurden rund 2500 UN-Blauhelmsoldaten

aus dem Land abgezogen

. "Die Truppen haben Ruanda verlassen, als sie am meisten gebraucht wurden", so Ban. Im aktuellen Konflikt im Südsudan hätten die Vereinten Nationen die Lektion, die Ruanda sie gelehrt habe, umgesetzt und die Tore ihrer Anlagen für tausende Schutz suchende Bürgerkriegsflüchtlinge geöffnet.

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon Foto: SIMON MAINA/AFP/Getty Images

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon

Es ist nicht nur die unterlassene Hilfeleistung, die die Beziehungen zwischen

Ruanda

und dem Westen seit 20 Jahren belastet. Ruandas Präsident Kagame hob während der Gedenkfeier noch einmal hervor, dass die im Kolonialismus eingeführte Rassentrennung von Hutu und Tutsi den Völkermord überhaupt erst möglich gemacht habe. Eine Theaterperformance von hunderten Sängern und Schauspielern in der Mitte des Stadions veranschaulichte dies eindrucksvoll.

Zerwürfnisse mit Frankreich

Unter den Zuschauern war kein offizieller Vertreter aus Frankreich: Die französische Justizministerin Christiane Taubira hatte ihre Reise abgesagt, nachdem Kagame in einem am Samstag (05.04.2014) veröffentlichten Interview mit der Zeitschrift "Jeune Afrique" gesagt hatte, Frankreich und Belgien hätten bei der "politischen Vorbereitung" der Massenmorde 1994 eine "direkte Rolle" gespielt. Französische Soldaten, die für einen humanitären Militäreinsatz in der früheren belgischen Kolonie stationiert waren, seien "Akteure und Komplizen" bei den Massakern gewesen.

Anstelle von Taubira sollte der französische Botschafter Michel Flesch an der Zeremonie teilnehmen. Er wurde jedoch einen Tag zuvor von ruandischer Seite zur Persona non grata erklärt. "Gestern Nacht hat mich der ruandische Außenminister angerufen und mich darüber informiert, dass ich für die Zeremonien nicht mehr akkreditiert bin", erklärte Flesch der französischen Nachrichtenagentur AFP. Auf die Frage, ob er denn wenigstens am Nachmittag am Völkermord-Mahnmal von Gisozi einen Kranz niederlegen dürfe, habe der Minister mit "Nein" geantwortet.

Frankreich als Waffenlieferant

Eine Theatergruppe spielt die Geschichte Ruandas nach Foto: Chip Somodevilla/Getty Images

Eine Theatergruppe spielt die Geschichte Ruandas

Tatsächlich hatte Frankreich in den Jahren vor dem Völkermord die Hutu-Regierung von Staatschef Juvenal Habyarimana im Kampf gegen die von Kagame angeführte Tutsi-Rebellengruppe RPF unterstützt. Die französische Armee bildete ruandische Soldaten aus und lieferte Waffen. Die französische Regierung weist die Vorwürfe der Komplizenschaft seit jeher zurück. Paul Kagame sagte während der Gedenkzeremonie: "Niemand ist so mächtig, auch wenn er meint, es zu sein, die historischen Fakten ändern zu können." Und um zu verdeutlichen, auf wen er damit anspielte, wechselte Kagame für einen einzigen Satz vom Englischen ins Französische: "Die Fakten sind stur."

Abseits von aktuellen politischen Verwerfungen mahnte die Generalsekretärin der Afrikanischen Union, Nkosazana Dlamini-Zuma, zu Einigkeit: "In unserer vielfältigen Welt dürfen wir nie wieder zulassen, dass eine Gruppe aufgrund von ethnischer Zugehörigkeit, Religion, Geschlecht oder anderen Eigenschaften anders behandelt wird und dadurch Diskriminierung, Hassreden, Gräueltaten und Völkermord gerechtfertigt werden", so Dlamini-Zuma. "Unsere Vielfalt ist unsere Stärke."

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