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re:publica

#rp17 - Das Leben ist ein non-linearer Fluss

Im Internet gibt es alle Informationen gleichzeitig, nur einen Mausklick entfernt. Das Netz ist also non-linear. Und die re:publica in Berlin funktioniert genauso. Konstantin Klein berichtet aus Berlin.

Die Welt ist zu kompliziert, um sie in drei Fernseh-Minuten oder fünf Textabsätzen ausführlich zu erklären. Journalisten müssen deshalb Dinge oft vereinfachen. Daher wurde die jährlich stattfindende re:publica in der Vergangenheit gerne und falsch zur "Internet-Konferenz" erklärt.

Auch wenn das Netz hier in so ziemlich jedem zweiten Satz zumindest erwähnt wird, ist die re:publica längst über das Netz hinausgewachsen und beschäftigt sich mit Themen wie Liebe und Hass, Demokratie und Diktatur, Meinungsfreiheit und Datenschutz, Recht und Unrecht. In einer Hinsicht stimmt der Vergleich aber: Die re:publica ist - wie das Netz - non-linear. Das Wort "non-linear" sollten wir uns merken.


Vannevar Bush hat eine Idee

Vannevar Bush US-amerikanischer Ingenieur (picture-alliance/AP Photo)

Vannevar Bush – Vordenker des Internet

Vor 72 Jahren veröffentlichte der US-amerikanische Ingenieur Vannevar Bush seinen Aufsatz "As we may think". Darin beschrieb er - kurz nach dem 2. Weltkrieg! - das Konzept einer Maschine, die Informationen speichert und miteinander verknüpft, unabhängig davon, wann und wo sie erfasst wurde. Bushs Aufsatz gilt heute als eine der theoretischen Grundlagen des Internet. Während die Information in einem Buch linear angeordnet ist, von der ersten bis zur letzten Seite, ist die Anordnung im Netz non-linear: Jede Information ist (theoretisch) gleich weit vom Informationssuchenden entfernt und (theoretisch) nur einen Mausklick entfernt. Über den Einfluss von Suchmaschinen und Suchmaschinen-Flüsterern wusste Bush 1945 natürlich noch nichts.

Der Nutzer als Flipperkugel

Im Netz bewegt sich der Nutzer wie eine Flipperkugel: Er klickt auf einen Link und wird quer durchs Netz zu einem anderen Server geschleudert - und dazwischen möglicherweise über einen, zwei, viele Server umgeleitet (unter Hinterlassung seiner Spuren), ohne dass er es merkt. Ähnlich funktioniert die re:publica.

Der erfahrene re:publicaner erscheint morgens eine halbe Stunde vor Beginn, um noch einen Sitzplatz in der gewünschten Veranstaltung zu ergattern. In der Jackentasche steckt das Tagesprogramm, auf dem er oder sie die weiteren Veranstaltungen markiert hat - je nach persönlichem Interesse oder beruflichen Auftrag. 

Wo ist Dobrindt?

Und dann schlägt die Non-Linearität zu. Gunter Dueck, Ex-Manager bei IBM, heute Autor und "Omnisoph", referiert über sein Buch "Flachsinn", assoziiert sich von Renaissance-Theatern über Gefängnisse aus dem frühen 20. Jahrhundert bis zu den Werbe-Algorithmen im Netz. Zwischendurch fragt er unvermittelt "Wo ist Dobrindt?"

"Die Vernünftigen verlassen unterdessen den Raum" - also nicht wirklich. Das sagt Dueck nur so. Wer einen Sitzplatz bei Dueck hat, behält ihn auch bis zum Schluss.

re:publica 2017 (DW/K. Klein)

Der "Affenfelsen" der re:publica - dort, wo die Steckdosen sind

Danach aber wird es schwierig. Die nächste Veranstaltung ist schon voll, nur noch auf dem harten Betonboden sind Sitzplätze frei. Das ist eine Altersfrage, weshalb ich eben nicht erfahre, wie die ARD-Kollegen mit "Fake News" umgehen, sondern draußen die fünf Minuten Sonne genieße, die das Berliner Wetter an diesem Vormittag bietet.

Bevor ich es zur nächsten vorgemerkten Veranstaltung schaffe, sehe ich einen Tweet eines alten Freundes, der zu seinem Podiumsgespräch zum Thema "Mobility der Zukunft" einlädt - unter Beteiligung eines großen deutschen Automobilherstellers. Der Vortrag über "Radikalisierung im Netz" ist sowieso abgesagt, also warum nicht?

Der re:publicaner als Flipperkugel: Vortrag A ist abgesagt, also Diskussion B. Die Schlange am Currywurststand ist zu lange, also Riesenbrezel zu Mittag - ohne Wartezeit. Das WLAN setzt mal wieder aus - also geht es über das Smartphone mit dem Notebook ins Netz.

Zu viel Informationen

Information overload: Erst läuft einem die Maus aus der "Sendung aus der Maus" über den Weg, dann einer, der sich täuschend echt als "Netzaktivist Sascha Lobo" verkleidet hat (oder ist er es am Ende selbst?). Hier fuchtelt eine mit einem Laserschwert, dort drängeln sich Menschen mit leeren Handy-Akkus auf dem sog. Affenfelsen - das ist da, wo die Steckdosen sind.

re:publica 2017 Sascha Lobo (DW/K. Klein)

Netzaktivist Sascha Lobo: Ist er es etwa wirklich?

Was sich für den einen anstrengend liest, ist für den anderen längst Alltag. Das Leben mag noch linear sein, von der Geburtsurkunde bis zum Totenschein; alles dazwischen ist es nicht.

Immer weniger Deutsche gucken sich die Tagesschau wirklich noch um 20 Uhr an; der Festplattenrekorder in der Kabelbox oder die Mediathek bieten sie jederzeit an, wenn sie besser ins Nutzerleben passen. Die Alten haben noch mit den Finger auf der Aufnahmetaste darauf gewartet, dass der Lieblingssender das Lieblingslied spielt. Die Kinder der Alten hören ihre Musik, wann es ihnen passt, im Netz, ebenso wie sie ihre Serien im Netz gucken, nicht etwa um 20:15 nach der Tagesschau. (Es sind übrigens auch ganz andere Serien!)

So gesehen - und nicht nur so - ist die re:publica ein Abbild der realen Welt. Linear, wenn auch voller Umwege, ist nur der Fußweg von Thema zu Thema: Laut Smartphone habe ich am ersten Tag der re:publica fast sieben Kilometer zurückgelegt.

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