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Asien

"Rote Sonntage" in Bangkok

Gegen das Vergessen und gegen den Ausnahmezustand: In Bangkok erinnern Teilnehmer der Kampagne "Roter Sonntag" an die Opfer der Gewalt vom Frühjahr. Und sie kämpfen für demokratische Rechte.

Jubelnde Anhängerin der Rothemden (Foto: Holger Grafen)

Anhängerin der Rothemden beim "Roten Sonntag" in Bangkok

Es ist ein Politdrama auf der Straße. Eine Gruppe von Rothemden und Aktivisten malt sich die Gesichter weiß, Hände und Unterarme werden in rote Farbe getunkt. Dann lassen sich alle zu Boden gleiten, während die Umstehenden skandieren: "Hier sind Menschen gestorben!" Es ist ein heißer Sonntagnachmittag in Bangkok, an der Kreuzung "Ratchaprasong". Der Ort hat Symbolcharakter: Diese Kreuzung mit den umliegenden Luxushotels und Einkaufsmeilen hatten die oppositionellen Rothemden im Frühjahr besetzt gehalten, bis das Militär die Proteste am 19. Mai niederschlug.

Gegen das Vergessen

Doch die rote Bewegung und ihre Sympathisanten sind nicht am Ende, auch wenn Massendemonstrationen vorerst undenkbar scheinen. Schließlich herrscht in der Hauptstadt und einigen anderen Provinzen immer noch offiziell der Ausnahmezustand. Dieser verbietet politische Versammlungen von mehr als fünf Menschen. An jenem Nachmittag im Juli sind deswegen auch nur ein paar Dutzend rote Unterstützer erschienenen. Aber sie wollen nun an jedem Sonntag zusammen kommen, um der Toten und Verletzten vom April und Mai zu gedenken. Damals starben 90 Menschen, fast 2000 wurden verletzt.

Aktivist Sombat an der Kreuzung Ratchaprasong (Foto: Holger Grafen)

Aktivist Sombat an der Kreuzung Ratchaprasong

Die kleine Gruppe wartet auf einen ganz bestimmten Mann: Sombat Boonngamanong. Der Aktivist, der Ende Juni festgenommen worden war, wurde erst kürzlich wieder freigelassen. Sein 'Vergehen' bestand unter anderem darin, dass er rote Bänder an das "Ratchaprasong"- Verkehrsschild geknüpft hatte – im Gedenken an die Toten vom Frühjahr. Kaum in Freiheit, lässt er es sich nicht nehmen, diese Aktion zu wiederholen. "Ich will daran erinnern, was hier passiert ist. Denn bisher ist die Wahrheit nicht ans Licht gekommen, und wir wollen, dass die Regierung Verantwortung zeigt", sagt Sombat, dem die Umstehenden zujubeln. "Viele Menschen sind hier gestorben. Wir haben keine Waffen, wir drücken uns nur in Worten aus."

Diktatur statt Demokratie?

Dabei muss Sombat damit rechnen, jederzeit erneut verhaftet zu werden. Er trägt das mit Galgenhumor: Seine Zahnbürste habe er neuerdings immer dabei, sagt der 42-jährige Menschenrechtler, der als ausgewiesener Kritiker des Putsches vom September 2006 gilt. Aber dieses Mal gibt es keine Zwischenfälle. Und auch die Polizei greift nicht ein – trotz des Ausnahmezustands.

Teilnehmer des 'Roten Sonntags' am Denkmal für Demokratie (Foto: Holger Grafen)

Teilnehmer des "Roten Sonntags" am Denkmal für Demokratie

Ein Mann, der an jenem Nachmittag ebenfalls zur "Ratchaprasong" gekommen ist, findet es gut, dass die Menschen erneut ihre Stimmen erheben. "Mir scheint, dass viele bereits vergessen haben, dass es immerhin 90 Tote gegeben hat." Der junge Thai hat in Deutschland gelebt und ist mit dem, was sich gerade in seiner Heimat tut, überhaupt nicht einverstanden. "Ich habe nichts gegen die Regierung, aber es ist einfach falsch, was sie hier macht", sagt er. "Für mich ist das Diktatur und keine Demokratie mehr." Wann es Neuwahlen gebe, stehe auch noch nicht fest.

Wenig Hoffnung auf Aufklärung

Indes betont Premier Abhisit Vejjajiva, er wolle an seinem Plan zur nationalen Versöhnung festhalten. Dafür hat er fünf Komitees ins Leben gerufen. Eines davon soll die Gewalt vom Frühjahr untersuchen. Nützen werde das nichts, ist der Menschenrechtsaktivist Danthong Breen von der "Union for Civil Rights" überzeugt. Und das nicht nur, weil der Ausnahmezustand den Autoritäten Immunität garantiert. "Es gibt keine richtige Zielsetzung" kritisiert Breen. Auch habe das Komitee keine Vollmacht, Personen verbindlich einzubestellen oder unter Eid aussagen zu lassen.

Und noch etwas gibt der Menschenrechtler zu bedenken: "Die niedriger gestellten Militärs und Staatsbeamten werden sicherlich Antworten geben, aber die höher gestellten werden sich wie immer weigern." Im Klartext: Die für die Gewalt im April und Mai mutmaßlich Verantwortlichen werden wohl nie benannt werden. Gleichzeitig werden unter dem Ausnahmezustand Rothemden und mutmaßliche Sympathisanten verhaftet oder verhört. Einheimische Medien werden massenhaft blockiert, vor allem die der roten Opposition. Aber auch unabhängige Internetseiten und Onlineportale fallen der Zensur zum Opfer.

Angespannte Ruhe

Die Polizei versucht vergebens, einen Satiriker festzunehmen (Foto: Holger Grafen)

Die Polizei versucht vergebens, einen Satiriker festzunehmen

Sonntag, der 1. August: Am Denkmal der Demokratie haben sich Rothemden, Aktivisten und Künstler eingefunden, um aufzurütteln und erneut die Erinnerung an die Gewalt wach zu halten. Wenige hundert Meter vom Denkmal entfernt droht sich ein Eklat anzubahnen: Ein Mann in schwarzer Kleidung, ein Satiriker, kritisiert Premier Abhisit. Polizisten wollen den Aktivisten festnehmen, einige der Zuschauer reagieren wütend. Dann aber verhandeln beide Seiten, und die Sicherheitskräfte lassen den Mann schließlich in Ruhe. Am Denkmal der Demokratie marschiert ebenfalls Polizei auf, aber die Lage bleibt friedlich. Übrigens gibt es in den Reihen der Polizei – wie im Militär auch – etliche, die mit den Rothemden sympathisieren. Die Demonstranten stellen Szenen nach, in denen Menschen gefesselt oder durch Schüsse tödlich getroffen worden waren.

Aber auch die Rothemden wurden in den vergangenen Wochen harsch kritisiert – dafür, dass Militante in ihren Reihen waren, die Gewalt ausübten. Und dafür, dass einige der roten Anführer keinen Kompromiss mit der Regierung eingehen konnten oder wollten. "Die Situation an der Ratchaprasong während der Demonstrationen war schlimm, es gab dort viele Konflikte", sagt die Thailänderin Pavida. Zu dem, was sich in der Vergangenheit ereignet habe, müsse man stehen. Umso wichtiger ist es daher für sie, sich beim "Roten Sonntag" friedlich für Demokratie einzusetzen. Auch Sombat Boonngamanong kommt an diesem Nachmittag zum Denkmal der Demokratie. Der bescheidene Aktivist wird wie ein Held begrüßt. Er weiß, dass er unter Beobachtung steht und räumt ein, ein bisschen Angst zu haben. Trotzdem betont er: "Ich muss mehr tun, als nur Angst zu haben."

Autorin: Nicola Glass
Redaktion: Esther Broders