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Sport

Rote Karte oder doch nur Denkzettel?

Der Weltverband IAAF gibt sich im Dopingskandal gegenüber Russland betont hart. Aber wie ernst meint er es wirklich? Das fragt sich auch Diskuswerfer Harting und fordert Aufklärung in anderen Nationen und Sportarten.

Im Land des riesigen Dopingskandals gibt man sich nach der

Urteilsverkündung

betont gelassen. "Die IAAF konnte doch gar keine andere Entscheidung treffen. Mit dem Damokles-Schwert über ihren Köpfen, mit dem Druck, der auf sie ausgeübt wurde", sagte Russlands umstrittener Sportminister Witali Mutko. Natürlich gehe er davon aus, dass seine Leichtathleten bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio starten können.

Raum dazu lässt das IAAF-Urteil zumindest, das am Freitagabend bei einer Telefonkonferenz des IAAF-Councils mit 22:1-Stimmen zustande kam. In Kürze gesagt, hat das Urteil ein komplettes Startverbot für russische Leichtathleten bei internationalen Wettbewerben bis zur Aufhebung des Bannes zur Folge. Dies beinhaltet sämtliche internationalen Meisterschaften, Meetings und (Marathon-)Läufe. Damit wären die Russen nach jetzigem Stand auch 2016 in Rio, aber auch von der Hallen-WM in Portland sowie und Diamond League ausgeschlossen.

Prokop hoff auf Warneffekt

"Das ist sportpolitisch eine einmalige Entscheidung und kann eine heilsame Wirkung haben", sagte DLV-Präsident Clemens Prokop gegenüber dem Sportinformationsdienst (sid): "Das ist ein wichtiger Schritt im Kampf um die Rückgewinnung der Glaubwürdigkeit im Sport. Damit kann auch ein Warneffekt an andere Länder ausgelöst werden, die vielleicht auch nicht den WADA-Standards entsprechen."

Um wieder zugelassen zu werden, müssen die Russen weitreichende Reformen durchsetzen und eine Liste von Kriterien erfüllen. Kontrolliert werden soll dies von einem Inspektions-Team unter dem Vorsitz des norwegischen Anti-Doping-Experten Rune Andersen. Es ist aber angesichts der Zustände in der Leichtathletik und im Anti-Doping-Kampf Russlands wenig realistisch, dass das Riesenland innerhalb weniger Monate sein Riesenproblem in den Griff bekommt.

Es geht nicht nur um Sport, sondern auch Politik

Russland Sportminister Witaly Mutko & Wladmir Putin

Verstehen sich: Mutko und Putin

Weit realistischer ist folgendes Szenario: Russland geht auf die IAAF zu, zeigt die von Mutko angekündigte Kooperations-Bereitschaft und erste Ansätze, und der Weltverband holt die Russen auf Bewährung zurück ins Geschäft. So könnten beide Seiten ihr Gesicht wahren. Russlands mächtiger Präsident Wladimir Putin, dem das Urteil nicht wirklich gefallen dürfte, wäre zudem versöhnt, und auch das IOC hätte eine Baustelle weniger. Denn Olympische Spiele ohne die Leichtathletik-Nation Russland wären wohl auch nicht nach dem Geschmack des deutschen IOC-Präsidenten Thomas Bach. Das IOC hatte schon durchblicken lassen, an Aufklärung interessiert zu sein, weniger aber an Boykott und Ausschluss. Am Kernproblem einer verdorbenen Sportart würde ein Kompromiss allerdings wenig ändern.

Überhaupt: Das Urteil vom Freitag umfasst nur die russischen Leichtathleten. Von russischen Schwimmern, Biathleten und Skilangläufern ist bisher keine Rede. Und was ist mit anderen Leichtathletik-Nationen? Die Korruptions-Enthüllungen um den früheren IAAF-Präsidenten Lamine Diack lassen zumindest befürchten, dass weitere Länder ebenfalls belastet sind.

Harting: "Mit Kenia und Jamaika weitermachen"

Robert Harting Leichtathletik EM 2014

Harting: Erfolgreicher deutscher Sportler

Das kritisiert auch der deutsche Diskus-Olympiasieger Robert Harting: "Wir haben das mit Russland geklärt, jetzt müssen wir nach Kenia und Jamaika rein und die gleiche Untersuchung anstellen", sagte der 31 Jahre alte Olympiasieger und mehrfacher Welt- und Europameister in einem Interview der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" (Samstagausgabe).

Athleten mit "Sport-Intelligenz" würden durchaus merken, "wenn jemand Leistungen bringt, die nicht sein können", sagte Harting, der nach knapp anderthalb Jahren Verletzungsspause im Februar sein Comeback geben will. "Nichts von dem, was jetzt rauskommt, überrascht mich".

Neuer Ansatz in der Doping-Bekämpfung?

Ebenso wie das IAAF-Council am Freitagabend hätte auch Harting für einen Ausschluss der Russen votiert. "Zum einen muss man Machtzentren zerschlagen; für Putin wäre das höchst peinlich. Zum anderen kann man von Athleten verlangen, dass sie sich für einen fairen Wettkampf einsetzen und nicht blind hinter einer Flagge herlaufen."

Angesichts der Tatsache, dass sich russische Athleten beim damaligen IAAF-Boss Lamine Diack von Doping-Sperren freikaufen konnten, schlug Harting vor: "Vielleicht sollte es ein neuer Ansatz der Doping-Bekämpfung werden, dass man proaktiv Sportler in solche Zirkel einschleust, um sie zu entlarven."

sw/sn (dpa, sid)

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