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Fokus Osteuropa

"Rospil musste in Russland ein Erfolg werden"

Pawel Senko hat eine Anti-Korruptions-Webpage mit entwickelt, die zu den diesjährigen Gewinnern des Deutsche Welle Blog-Awards The BOBs zählt. Ihm zufolge ist die Seite bei den Usern beliebt, bei den Behörden aber nicht.

Pawel Senko beim Deutsche Welle Global Media Forum 2011 (Foto: DW)

Pawel Senko beim Deutsche Welle Global Media Forum 2011

DW-WORLD.DE: Herr Senko, am 20. Juni haben Sie im Rahmen des Deutsche Welle Global Media Forums in Bonn einen Preis für die russische Webpage Rospil entgegen genommen. Das Anti-Korruptions-Projekt gewann in der Kategorie "Best Use of Technology for Social Good". Wie ist rospil.info entstanden?

Screenshot der Webpage Rospil (Foto: rospil.info)

Rospil will Korruption in Russland aufdecken

Pawel Senko: Im Sommer 2010 hat Aleksej Nawalnyj die IT-Community aufgerufen, ihm bei der Entwicklung einer Anti-Korruptions-Webpage zu helfen. Sehr viele Menschen haben sich daraufhin gemeldet. Schließlich fand sich eine Arbeitsgruppe aus einem Dutzend Programmierer zusammen. Einer von ihnen kam auf mich zu und bat um Unterstützung. Mitte November präsentierte ich eine Testseite und schon eine Woche später konnte Rospil an den Start gehen.

Woher haben Sie die Ideen für die Internetseite bekommen?

Inspiriert hat mich vieles. 2010 war ein sehr interessantes Jahr. Es entstanden viele russische Internet-Communitys, die sich zum Ziel gesetzt hatten, ein konkretes Problem zu lösen. Diese Idee bildete die Grundlage für unser Projekt. Zusammen mit Nawalnyj wollten wir eine Community schaffen, die sich der Korruption im öffentlichen Beschaffungswesen annimmt.


Seit vielen Jahren leben Sie im Ausland. Derzeit arbeiten Sie für ein amerikanisches IT-Unternehmen im Silicon Valley. Unter der Korruption in Russland leiden Sie nicht. Warum haben Sie sich an dem Rospil-Projekt beteiligt?

Erstens bin ich an den Ereignissen in Russland interessiert, regelmäßig verfolge ich die Medien und Blogs. In Russland leben meine Freunde und Verwandten, mit denen ich ständig in Kontakt stehe. Zweitens fahre ich jedes Jahr dorthin zu Besuch und sehe die Veränderungen im Land. Mir fallen sie viel stärker auf als denjenigen, die dort ständig leben. Außerdem verfolge ich schon lange Nawalnyjs Aktivitäten und all derer, die sich für die Zivilgesellschaft einsetzen. Außerdem wurde ich selbst in den 90er Jahren mit Korruption in Russland konfrontiert.

Was ist das Erfolgsgeheimnis von Rospil? Warum ist es gerade diesem Projekt gelungen, so viele User zu mobilisieren?

Der Moskauer Blogger Aleksej Nawalnyj (Foto: dpa)

Die Idee für Rospil ging vom Blogger Aleksej Nawalnyj aus

Hinter dem Erfolg von Rospil steht vor allem Nawalnyjs jahrelange Arbeit. Er hat viele Mitstreiter um sich versammelt, die mit ihm auf gleicher Wellenlänge liegen. Nawalnyj findet ein konkretes Problem und bietet eine konkrete Lösung an. Hinzu kommt die allgemeine Unzufriedenheit mit der Situation in Russland. Wenn die Temperatur 100 Grad erreicht, dann beginnt das Wasser zu sieden, nötig dazu ist nur noch ein ganz kleiner Impuls. Das Ausmaß der Unzufriedenheit in der russischen Gesellschaft ist inzwischen so groß, dass Rospil einfach ein Erfolg werden musste.

Wird Rospil im Kampf gegen die Korruption etwas erreichen? Oder wird das Katz-und-Maus-Spiel zwischen Steuerzahlern und korrupten Beamten unverändert weitergehen?

Rospil ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber es ist eben nur ein Schritt. Um die Korruption auszumerzen, reicht dies natürlich nicht. Der Kern des Problems liegt viel tiefer, einschließlich der Mentalität. Das Problem ist ja nicht nur, dass Schmiergelder verlangt werden, sondern auch, dass die Menschen bereit sind, sie zu zahlen. Vielleicht liegt es auch an unserer Geschichte. Mit anderen Worten: die Gründe sind komplex, deswegen gibt es auch keine einfache Lösung.

Die russische Staatsmacht erklärt, die Korruption bekämpfen zu wollen. Warum arbeitet sie dann nicht mit Rospil zusammen?


Wenn Sie "Staatsmacht" als eine Gemeinschaft von Menschen verstehen, die von Menschen beauftragt wurde, Macht auszuüben, dann könnte man mit ihr zusammenarbeiten. Aber viele Menschen, die in Russland Macht haben, haben keine entsprechende Legitimation, weil sie nicht durch freie und faire Wahlen an die Macht gekommen sind. Sie sind an der Macht, nicht weil sie den Menschen dienen wollen, nicht weil sie das Leben in Russland verbessern wollen. In der Regel sind sie daran interessiert, sich persönlich zu bereichern. Genau dagegen kämpft Rospil. Wenn die Situation umgekehrt wäre, dann würden die Politiker selbst bereitwillig mit Rospil zusammenarbeiten.

Rospil bedeutet auf Deutsch etwa: "das Zersägen der russischen Steuergelder". Ziel der Online-Community ist es, Behörden und Beamte aufzuspüren, die die Vergabe staatlicher Aufträge für persönliche Bereicherung missbrauchen. Internet-Nutzer können dazu auffällig teure oder auffällig kurzfristige öffentliche Ausschreibungen melden. Diese werden dann von Experten aus der Community geprüft.


Das Interview führte Tatiana Petrenko / Markian Ostaptschuk
Redaktion: Bernd Johann



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