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Spurensuche

Rosen fallen von Himmel

Im Mittelalter halfen viele Bräuche den Menschen dabei, den Glauben zu verstehen. Einer dieser Bräuche wird in Jüterbog neu belebt, wodurch Himmelfahrt ganz plastisch wird, wie Gunnar Lammert-Türk berichtet.

Hochzeit Blumen Blüten (Fotolia/Sandor Jackal)

Rosen fallen von Himmel

Im Mittelalter halfen viele Bräuche den Menschen dabei, den Glauben zu verstehen. Einer dieser  Bräuche wird in Jüterbog neu belebt, wodurch Himmelfahrt ganz plastisch wird, wie Gunnar Lammert-Türk berichtet.

Jesus wird schwebt tatsächlich

Für mich soll’s rote Rosen regnen, singt Hildegard Knef und weiter: Mir sollten sämtliche Wunder begegnen.

Das kann einem tatsächlich passieren. In der Nikolaikirche in Jüterbog wird es gezeigt. Pfarrer Bernhard Gutsche hat dort eine mittelalterliche Tradition wieder belebt. Vor ein paar Jahren wurde in der Kirche eine etwa 80 Zentimeter große hölzerne Jesusfigur gefunden. Recherchen ergaben, dass es sich um einen so genannten Himmelfahrts-Christus handelt, der im Mittelalter am Himmelfahrtstag an einem Seil zum Gewölbe hinaufgezogen wurde und in einer Öffnung verschwand, dem „Himmelfahrtsloch“.

Vorher wurde eine brennende Strohpuppe herab geworfen. Sie stellte den Teufel dar, den Christus besiegt hatte. Aus Freude darüber und auch, um es ihm nochmal zu zeigen, traten die Menschen in der Kirche auf den brennenden Bösewicht. Und dann folgten die himmlischen Wohltaten: Rosen und  Süßigkeiten fielen ins Kirchenschiff herunter. Als Zeichen dafür, wie schön es im Himmel ist und dafür, dass aus der himmlischen Schatzkammer dann und wann etwas zu den Menschen heruntergeschickt wird.

Der Sieg über die Angst

Gefragt, ob die Wiederaufnahme eines solchen Brauchs nicht der Reformation widerstreite, deren 500jähriges Jubiläum in diesem Jahr  gefeiert wird, auch in Jüterbog, wo der berühmt-berüchtigte Ablassprediger Tetzel einst besonders eifrig tätig war, antwortet Pfarrer Gutsche: „Luther hat die Mysterienspiele nicht verurteilt, er gestand ihnen einen religionspädagogischen Wert zu. Deshalb gab es wohl bis 1562 in St. Nikolai solche Aufführungen. Nun setzen wir diese Tradition nach 455 Jahren fort.“

Denn immer wieder hatten und haben Menschen Mühe, sich die Himmelfahrt vorzustellen. Davon zeugen auch rührend naive Darstellungen in Kirchen, die die Jünger mit erhobenem Blick zeigen und von Jesus nur noch die Füße, die alsbald auch in den dargestellten Wolken verschwinden werden.

Für Pfarrer Gutsche wird die Himmelfahrt  durch die verschwindende Figur veranschaulicht als „Triumphzug Christi in den Himmel.“ Und er fügt an: „Das kann ich so sicher sagen, weil ich ein klares Bild vor Augen habe. Weil wir es jetzt immer so feiern.“ Der Aufzug der Christusfigur und der Rosenregen sind also ein einprägsamer und sinnfälliger Ausdruck für die Himmelfahrt. Und sie zeigen auch ihren Sinn. In Pfarrer Gutsches Worten ist es „der endgültige Sieg Christi über alle Angst, Bedrängnis und was als Dunkles scheinbar so über uns schwebt.“

Bei Hildegard Knef  heißt es salopper: Die Welt sollte sich umgestalten und ihre Sorgen für sich behalten.

Der Aufzug der hölzernen Jesusfigur und ihr Verschwinden im Gewölbe können auch noch etwas anderes versinnbildlichen. Für Pfarrerin Birgit Dierks war der gepeinigte Jesus „auf der Erde ganz Mensch“. Nun, sagt sie, „hat er seinen Dienstsitz verlegt“ Die Wirkung der Himmelfahrt beschreibt Pfarrerin Dierks so: „Er ist nicht mehr gebunden an Raum und Zeit. Ich kann nun jederzeit mit ihm reden. So kann er einlösen, was er vorher gesagt hat: Ich bin alle Tage bei euch. Er hat nun eine ganz andere Macht. Er kann den Menschen ganz anders dienen.“

So betrachtet, wären die regnenden Rosenblätter nicht nur Zeichen der Überwindung des Bösen

und der himmlischen Wohltaten, die der Aufgefahrene herab sendet, sondern auch ein Hinweis auf seine Unterstützung der Gläubigen, seinen Beistand und seine Inspiration.

Wo kommen die Rosen her?

Die Wiederaufnahme der mittelalterlichen Tradition in Jüterbog kann etwas zum Verständnis und zum Nachvollzug der Himmelfahrt beitragen. Auf die brennende Teufelspuppe wird heute zwar verzichtet. Nicht verzichten sollten die Menschen darauf, den Sieg über das Böse zu feiern und es, symbolisch gesprochen, ab und an, so wie es die Menschen im Mittelalter mit der Teufelspuppe taten, mit Füßen zu treten.

Dann werden ihnen noch nicht, wie es Hildegard Knef gesungen hat, sämtliche Wunder begegnen.

Aber es könnte dazu verhelfen, sich der Freude darüber, dass Christus vom Himmel aus Freundlichkeiten sendet, zu öffnen. Schon das käme heute einem kleinen Wunder gleich.

Der Rosenregen in Jüterbog und der Aufzug der Jesusfigur sind keins, denn, wie Pfarrer Gutsche erklärt: „Auf dem Dachboden steht unser Küster und kurbelt, was das Zeug hält.“

 

Gunnar Lammert-Türk wurde in Leipzig geboren und studierte Germanistik und Evangelische Theologie in Berlin. Nach dem Studium organisierte er Projekte einer Arbeitsfördergesellschaft, die aussortierte Technik für Hilfsprojekte in Osteuropa und der Dritten Welt regenerierte.

Es folgte die Leitung einer Beratungsstelle für Russlanddeutsche. Darauf war er Autor und Redakteur in der Medienfirma Greenlight. Seit 2003 ist er als freier Journalist und Autor tätig.

Von 2004 bis 2007 führte er mit einem Musiker und einem Zauberer Musiktheatershows für Kinder auf. Er verfasst Rundfunkbeiträge, schreibt Texte für Audioführer und Kinderlieder. Veröffentlichungen im Boje Verlag, Schneider Verlag, Xenos Verlag und im Deutschen Theater Verlag.