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Gedenken an Flug MH17

Ronald A. Westerhuis: "Der Trauer einen Ausdruck geben"

Am 17. Juli 2014 wurde über der Ukraine eine Boeing mit 298 Personen an Bord abgeschossen. Die meisten Opfer waren Niederländer. Der Künstler Ronald A. Westerhuis hat für Opfer und Angehörige ein Monument erschaffen.

Niederlande Denkmal für die Opfer des Fluges MH17 (Getty Images/AFP/K. van Weel)

So wird der Ort der Sammlung aussehen: eine Miniatur des Monuments

DW: Herr Westerhuis, an diesem Montag wird die von Ihnen gestaltete Gedenkstelle für die Opfer des Fluges MH17 eingeweiht. Was hat Sie persönlich zur Schaffung dieses Mahnmals bewogen?

Ronald A. Westerhuis: An dem Tag des Angriffs hielt ich mich selbst in Schanghai auf, wo ich ein Studio habe. Die Nachricht von diesem furchtbaren terroristischen Angriff hat mich so getroffen, dass ich zwei Tage später beschloss, ihn künstlerisch aufzugreifen. Das unmittelbar persönliche Motiv liegt in dem Umstand, dass ich selbst einige Male im Monat mit dem Flugzeug unterwegs bin. Ich verbringe viel Zeit in Flugzeugen. Und so war mir unmittelbar klar, dass das jedem einzelnen Menschen passieren könnte. Darum spürte ich den Drang, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Wie haben Sie sich dem Thema genähert? Welchen Überlegungen sind Sie gefolgt?

Ich wollte einen Ort schaffen, an dem Menschen sich ihren Sorgen aussetzen können, an dem sie zugleich aber auch Hoffnung finden. Bei der Umsetzung hatte ich drei unterschiedliche Vorbilder vor Augen. Das erste ist das Denkmal auf dem Amsterdamer Dam Platz. Es steht in meinen Augen für nationale Einheit. Es feiert diese Einheit, und das ist ein sehr wichtiger Zug. Das zweite Vorbild war das Holocaust-Mahnmal in Berlin. Es handelt sich um eine abstrakte Skulptur, und gerade darum kann man die innere Spannung spüren - sogar dann, wenn man nichts über den Holocaust weiß. Das dritte Vorbild war das Vietnam-Monument in Washington D.C. Die Namenslisten sind sehr eindringlich.

Diese drei Elemente wollte ich in meine Skulptur fließen lassen. So entwarf ich eine gewölbte Stahlwand von 16 Metern Länge und vier Metern Höhe. Aus meiner Sicht steht sie für den Verlust und den dadurch ausgelösten Schmerz. Vor dieser Wand befindet sich eine weitere Skulptur, die ebenfalls die ausgelöschten Leben symbolisiert. In ihr sind die Namen sämtlicher Opfer eingraviert. Wenn man diese Skulptur betrachtet, wirkt sie wie ein auf den Himmel gerichtetes Auge. So wollte ich eine Verbindung zwischen den Überlebenden und den Toten im Himmel darstellen.

Die Opfer stammten überwiegend aus den Niederlanden, aber auch aus anderen Ländern. Soll das Mahnmal einen humanen, die Grenzen übersteigenden Schmerz ausdrücken?

Ja. Es handelt sich um ein internationales Monument. Ich habe es in erster Linie für die Angehörigen der Opfer geschaffen. Wenn sich aber in meinetwegen 50 oder 100 Jahren jemand an diesen Ort begibt, sollte es immer noch diesen furchtbaren Akt erfahrbar machen.

Für das Monument haben Sie einen besondere Art von Stahl benutzt. Warum?

Wenn es regnet, wechselt dieser Stahl seine Farben. So wollte ich auch der Trauer auf verschiedene Weise, in verschiedenen Schattierungen Ausdruck geben. Außerdem löst sich Stahl im Laufe der Zeit auf, er verschwindet. Auch auf diese Weise wollte ich den Schmerz des Verschwindens ausdrücken. Das ist natürlich vor allem eine metaphorische Ausdrucksweise. Denn tatsächlich ist der Stahl so dick, dass er auch in 500 Jahren noch stehen wird.

Was, meinen Sie, könnten die Angehörigen an der Gedenkstätte empfinden? Könnte sie ihnen helfen, den Schmerz zu überwinden?

Ich habe mit vielen Angehörigen der Opfer gesprochen. Ich wage aber kaum den Anspruch zu erheben, das Monument könnte ihnen irgendwie helfen. Ich glaube, es geht um zweierlei: Erstens hoffe ich, dass die Angehörigen irgendwann einmal erfahren, was wirklich passiert ist, wer die Rakete abgefeuert hat. Zweitens finden sie an diesem Monument vielleicht etwas Ruhe und können sich mit ihrer Trauer auseinandersetzen. Vielleicht finden sie an diesem Ort einen gewissen Trost. Der König weiht das Monument am Montag ein, exakt drei Jahre nach dem Angriff. Vielleicht gibt es den Angehörigen einen Platz, an den sie gehen können.

Wie stellt sich der 17. Juli 2014 heute im kollektiven Bewusstsein der Niederländer dar? Hat er Spuren hinterlassen?

Ja, das hat er. Es gab 200 niederländische Opfer. Damit betrifft das Attentat 60 Prozent der gesamten niederländischen Bevölkerung. 60 Prozent der Niederländer kennen direkt oder indirekt jemanden, der in diesem Flugzeug saß. Als die Leichen zurückgeführt wurden und die Niederländer all die Leichenwagen sahen, versammelten sich sehr viele Menschen am Straßenrand. Für uns Niederländer ist es ein Datum wie der 11. September 2001. Wenn man mit Menschen über den 11. September spricht, kann sich jeder daran erinnern, wo er war, was er gegessen hat, wo sie die Nachricht zum ersten Mal hörten. Für die Niederländer verhält es sich mit MH17 genau so. Jeder Niederländer erinnert sich an diesen Tag. Er ist tief in unserem Bewusstsein verankert.

Ronald A. Westerhuis ist ein niederländischer Künstler. Er schafft vor allem Stahlskulpturen im Öffentlichen Raum.

Das Interview führte Kersten Knipp.

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