1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Romeo und Julia auf südafrikanisch

Im Film "Kanye Kanye" hassen sich nicht Schwarz und Weiß, sondern Grün und Rot. Gedreht hat ihn der deutsch-südafrikanische Filmstudent Miklas Manneke. Eine romantische Komödie - kombiniert mit einer Apartheids-Metapher.

Irgendwo in Südafrika. Ein fiktives Township. Blechhütten, flirrende Hitze, verlassene Straßen. So beginnt "Kanye Kanye" (deutsch: "Zusammen"). Aber warum sind die Straßen wie leer gefegt? Das ist das Besondere am Film des 23-jährigen Deutsch-Südafrikaners Miklas Manneke: Mitten durch das Dorf führt eine unübersehbare Grenze. Unweigerlich denkt man an die Berliner Mauer, vor allem aber an die ehemalige Trennung der südafrikanischen Bevölkerung während der Zeit der Apartheid. Bis 1994 wurden Schwarze von Weißen durch rassistische Gesetze strikt voneinander getrennt.

In seinem Film hat Manneke die Farben ausgetauscht: Auf der einen Seite leben die "Grünen", auf der anderen die "Roten". Die Häuser sind grün oder rot angestrichen, die Menschen tragen ausschließlich grüne oder rote Kleidung. Sogar die Bilder an der Wand, der Wein, die Nahrungsmittel sind in der entsprechenden Farbe gehalten. Die einen ernten grüne Äpfel - und halten sie für die einzig essbaren, die anderen erheben die roten Exemplare zum Maß aller Dinge. "Der Apfel steht dafür, dass all die großen Konflikte eigentlich von etwas Kleinem herrühren", erklärt Manneke.

Die Grenze im Township zwischen den Roten und Grünen (Foto: AFDA Film School South Africa/Miklas Manneke)

Auf der einen Seite die "Roten", auf der anderen die "Grünen"

Die Bewohner der einen Seiten wollen mit denen der anderen nichts zu tun haben - keine Kommunikation, kein Austausch. Nichts. Als sich Thomas, ein Junge aus dem grünen Lager, zu nah an die Grenzlinie heranwagt, giftet ihn seine Mutter an: "Es ist so. Es war immer so. Akzeptier das." Thomas, gespielt von Gundu Ramilifho, denkt aber gar nicht daran. Bei einem seiner Ausflüge hat er sich nämlich in Thandi (Bongeka Sishi) verguckt, ein "rotes" Mädchen.


Der Draht auf die andere Seite

Die romantische Komödie kombiniert die Apartheids-Metapher mit dem Romeo-und-Julia-Stoff: Zwei Verliebte, die sich eigentlich nicht lieben dürfen, sind gezwungen, ohne das Wissen der Eltern und der Gesellschaft zu kommunizieren. Thomas und Thandi gelingt das mithilfe einer "Telefon"-Konstruktion: Sie verbinden zwei alte Blechdosen mit zusammengeknoteten Nylon-Wäscheleinen. Nach anfänglicher Skepsis findet der "Draht nach drüben" großen Anklang. Er wird um immer mehr Leitungen erweitert und große Teile des Dorfes lernen sich plötzlich - heimlich - kennen. "Die eine Seite kann die andere nicht sehen", sagt Manneke. "Das zeigt: Wenn man die Oberflächlichkeiten wegnimmt, dann kann eigentlich jeder mit dem anderen umgehen."


"Schaut doch mal, was wir geschafft haben!"

Thandi (Bongeka Sishi) in der Welt der Roten - Szene aus dem Film Kanye, Kanye (Foto: AFDA Film School South Africa/Miklas Manneke)

Thandi in der roten Welt

Miklas Manneke studiert Regie und Drehbuch an der AFDA-Filmhochschule in Johannesburg. Sein Vater, der Pastor Wilfried Manneke, kam aus Unterlüß in der Lüneburger Heide nach Südafrika und arbeitete dort 13 Jahre lang für die Evangelische Kirche. Sein Sohn wurde dort geboren und blieb gleich da. Von der Apartheid selbst hat Miklas Manneke nicht viel mitbekommen. "Aber ich will mit dem Film zeigen: Schaut doch mal, was wir geschafft haben in Südafrika. Und da können wir weitermachen." "Kanye Kanye" ist englisch untertitelt. Gedreht wurde er in Zulu. "Ich wollte einen Film, der die Südafrikaner stolz macht", sagt Manneke. "Er ist für die Leute, die in den Townships wohnen." Deshalb spielen sie auch mit: Das Schauspiel-Ensemble besteht aus Laien, Studenten und ein paar Profis.

"Kanye Kanye" ist ein idealistischer, ein positiver Film: "Das ist beinahe eine Kindergeschichte", sagt der Regisseur. "Weil am Ende alle glücklich zusammenkommen." Und weil er als bildstarke Metapher für etwas Größeres funktioniert: für das mögliche Miteinander scheinbar auf ewig verfeindeter Parteien.

Szene aus dem Film (Foto: AFDA Film School South Africa/Miklas Manneke)

Thomas in der grünen Welt

Miklas Manneke ist bewusst, dass dieses Ziel noch lange nicht erreicht ist - weder in Südafrika noch in vielen anderen Teilen der Welt: "Mein Vater wohnt in Deutschland und protestiert dort gegen die Neonazis. Das hat auch einen Einfluss auf mich gehabt. Und auch der Nahostkonflikt, wo sich beide Seiten seit Ewigkeiten bekriegen." Die Situation in Südafrika sei heute viel besser, als sie mal war, meint Manneke. Die meisten Schwarzen und Weißen kämen gut miteinander klar. Trotzdem spürt er noch immer eine Trennung: "Komischerweise hat man in Südafrika manchmal das Gefühl, als hätte man das Ganze umgedreht: Es gibt zum Beispiel Forderungen, dass den Weißen ihre Farmen weggenommen werden sollten."


Ein europäischer Film aus Südafrika

Am Set: Gundu Ramilifho, Miklas Manneke, Bongeka Sishi (Foto: AFDA Film School South Africa/Miklas Manneke)

Setaufnahme: Miklas und die beiden Schauspieler

Sprache, Schauspieler, Setting, Thema - das alles ist südafrikanisch. Als "europäisch" bezeichnet Manneke aber die Art und Weise, wie er den Stoff verfilmt hat: "Von europäischen Filmen wie 'Amelie' habe ich mir dafür die Inspiration geholt. Ich wollte eine fröhliche Geschichte im Township erzählen." Er ergänzt: "Alle kennen Townships als etwas Schlechtes, als einen Ort mit einer hohen Kriminalitätsrate. Ich wollte zeigen, dass es da ganz normale Menschen gibt, die dort leben, lieben und sterben. Dass dort nicht immer alles nur schlecht ist." Sein Film wurde bereits im Johannesburger Township Soweto gezeigt. "Die Leute haben ihn geliebt. Da gibt es eine Szene, da singt der Hauptdarsteller ein berühmtes Lied. Und alle haben mitgesungen."


Nominiert für den Auslands-Studentenoscar

Im Mai 2013 wurde "Kanye Kanye" für den Student Academy Award nominiert. Wie bei den großen Oscars gibt es auch in der Filmstudenten-Ausgabe die Kategorie "Ausländischer Film". Dort schaffte es Mannekes Film unter die neun Finalisten - dann war allerdings Schluss. Die drei Gewinner-Filme stammen aus Großbritannien, Belgien und der Schweiz. Offiziell gekürt werden sie am 8. Juni in Los Angeles.

Die Redaktion empfiehlt