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Europa

"Romantischer Unsinn"

John Monks wurde im Mai 2003 zum Vorsitzenden des Europäischen Gewerkschaftsbundes ETUC gewählt. Im Interview mit DW-WORLD spricht er über seine Ziele, das Streikdesaster der IG Metall und warum er Mindestlöhne ablehnt.

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Auf dem Gewerkschaftskongress in Prag: John Monks

DW-WORLD: Was sind Ihre Ziele für die ersten vier Jahre als Vorsitzender des Europäischen Gewerkschaftsbundes?

John Monks: Ich hoffe, wir können neuen Glauben daran wecken, dass der europäische Weg der richtige ist, um Jobs und soziale Gerechtigkeit zu schaffen. In den vergangenen Jahren waren amerikanische ökonomische Ideen extrem beliebt. Nicht nur bei Konservativen, sondern auch in der politischen Mitte. Die britische Regierung von Tony Blair meint ebenfalls, dass Märkte dereguliert werden müssen und Gewerkschaften nicht zu stark sein dürfen. Der Anteilseigner steht hierbei im Mittelpunkt aller wirtschaftlichen Aktivitäten und der Shareholder-Value ist das Hauptziel der Unternehmen. Auch um den Preis, dass Arbeitnehmer verwundbar werden. Das ist nicht der Weg, auf dem die Länder der Europäische Union (EU) ihren Wohlstand geschaffen haben. Und ich glaube nicht, dass das der Weg ist, auf dem sie ihren Wohlstand in Zukunft schaffen sollten. Ohne Zweifel sind in Europa viele von den amerikanischen Ideen der 1990er-Jahre angetan. Wir müssen nun zeigen, dass der europäische Weg in der Ökonomie der bessere ist. Der amerikanische Weg lässt nicht viel Raum für soziale Partnerschaft.

Wie sieht der europäische Weg aus?

Im Zentrum stehen der Wohlfahrtsstaat, öffentliche Dienstleistungen und einflussreiche Gewerkschaften. Die amerikanischen Konservativen sind jedoch davon überzeugt, dass der Wohlfahrtsstaat auf ein minimales Level gesenkt werden muss. Dass öffentliche Dienstleistungen so weit wie möglich durch Privatisierung profitabel gemacht werden müssen. Und dass Gewerkschaften geschwächt werden müssen. In der US-Regierung gibt es viele Mitglieder, die Gewerkschaften wirklich hassen und den Einfluss amerikanischer Gewerkschaften und der Gewerkschaften weltweit reduziert sehen wollen. Das sind jedoch nicht die europäischen Charakteristiken und wir müssen dafür sorgen, dass diese funktionieren.

Der Ex-Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), Hans-Olaf Henkel, hat gesagt: "Die Menschen wollen keine kollektive Vertretung mehr. Sie können sich selbst vertreten." Was antworten Sie ihm?

Ich denke, er hat völlig unrecht. Wenn man ein besonders ausgebildeter Arbeitnehmer ist oder in einer schnell wachsenden Branche arbeitet, trifft das womöglich zu. Auch Menschen mit besonderen Qualifikationen können sich oft selbst vertreten. Aber für normale Arbeitnehmer in einem normalen Job sieht das anders aus. Es ist romantischer Unsinn zu glauben, dass man als Einzelner in einem Unternehmen von der Größenordnung wie Volkswagen oder Unilever alleine seine Interessen durchsetzen kann. Die Gehalts- und Arbeitsbedingungen, die kollektiv für alle durch Gewerkschaften mit dem Unternehmen ausgehandelt werden, sind viel besser, als wenn man es als alleine versuchen würde.

Sie haben kürzlich geschrieben, dass die europäischen Gewerkschaften kooperativer sein müssen und nicht nur Blockierer. Wie können sich nationale Einzelgewerkschaften kooperativer verhalten?

Wir haben ein paar erfolgreiche Beispiele dafür, dass einige Länder ihre Renten- und Überalterungsprobleme auf diese Weise mit den Gewerkschaften gelöst haben. Die Niederlande, Dänemark sowie die nordischen Länder allgemein. Auch Belgien macht sich nicht schlecht. Ich finde, es ist wichtig, dass Gewerkschaften nicht nur Nein sagen. Sie müssen auch erkennen, dass manche Dinge sich ändern müssen und dafür eigene Wege finden. Gewerkschaften sollten solche Veränderungen anführen und sich nicht damit begnügen, dass es ihnen nicht gelungen ist, bestimmte Veränderungen zu stoppen.

Ist Streik noch ein angemessenes Mittel für Gewerkschaften?

Ich würde nicht sagen, dass Streiks überhaupt nicht mehr genutzt werden sollen. Aber ich versuche sie zu vermeiden. Ich bin keiner von den Gewerkschaftern, die jeden Streik feiern. Streiks sind sehr teuer - für den Einzelnen, für die Gewerkschaft, den Unternehmer und wahrscheinlich auch für das jeweilige Land. Aber in Demokratien wird es von Zeit zu Zeit immer wieder Arbeitskämpfe geben, wenn die Frustration unter den Arbeitnehmern sehr hoch ist.

Sie sind ein Unterstützer der EU. Machen Sie sich keine Sorgen, dass erreichte Gewerkschaftsziele in Europa auf das niedrigste EU-Niveau absinken?

Ich kenne die Sorgen, die oft von den Ländern mit den besten Standards zum Ausdruck gebracht werden. Aber ich denke, das ist die falsche Analyse. Die richtige lautet: Es gibt einen Markt in der EU und wir brauchen einige Minimumstandards für ganz Europa. Man kann aber nicht einfach die deutschen Löhne nehmen, und sie in Portugal einführen. Damit würde man die portugiesische Industrie kaputt machen. Es sollte für bestimmte Prozesse und Abläufe wie das Recht auf Information einen Minimumstandard geben. Aber nicht für etwas so substanzielles wie den Lohn. Ich bin gegen einen Mindestlohn in Europa. Nur weil einige europäische Gewerkschaften in fortschrittlichen Ländern besonders gute Verträge ausgehandelt haben – was ich sehr begrüße – kann man nicht erwarten, dass Gewerkschaften anderer Länder dieses Niveau übernehmen.

Was kann der ETUC tun, um zu verhindern, dass das Lohnniveau in Europa generell absinkt?

Wir führen nicht die Lohn- und Gehaltsverhandlungen. Aber wir setzen uns auf europäischer Ebene für Mitbestimmungsrechte ein, wir stärken Betriebsräte, verbessern die Situation für Teilzeitarbeitnehmer und befristet Beschäftigte.

Was bedeutet das Streikdesaster der IG Metall in Ostdeutschland für die europäische Gewerkschaftsbewegung?

Jeder hat es in Europa mit großer Sorge gesehen, dass eine so große Gewerkschaft derart gespalten sein kann. Ich hoffe, die IG Metall kann sich nun wieder zusammenfinden.

Hat der Streik, in dem westdeutsche Gewerkschaftsmitglieder die ostdeutschen nicht unterstützt haben, nicht auch gezeigt, dass ein solcher Arbeitskampf zukünftig wirkungslos bleiben wird?

Das hat man bereits nach dem verloren IG-Metall-Streik von 1954 gesagt und es ist nicht eingetreten. Ich würde niemals Streiks unterschätzen. Nur weil man einen verloren hat, bedeutet das nicht, dass man auch den nächsten verliert. Ein Arbeitgeber wäre dumm, wenn er die Macht der IG Metall und der anderen deutschen Gewerkschaften unterschätzen würde.

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