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Ostmitteleuropa

"Romano Medijako Centro"

- Pressezentrum als journalistisches Sprungbrett für ungarische Roma

Budapest, 4.7.2003, PESTER LLOYD, deutsch

Seit Mitte der 90er Jahre gibt es in Budapest ein Roma Pressezentrum, das "Romano Medijako Centro", in dem Angehörige der Minderheit als Journalisten ausgebildet werden. Viele der Absolventen arbeiten bei den großen Fernseh- und Rundfunkanstalten oder bei renommierten Zeitungen. Das Zentrum dient mit Berichten und Fotomaterial und immer häufiger erscheinen dort gefertigte Beiträge – von denen bereits mehrere mit Preisen ausgezeichnet wurden – in ungarischen Medien. Im Mittelpunkt der Arbeit steht daneben die Dokumentation rassistischer und fremdenfeindlicher Erscheinungen im Land. Finanziert wird das Zentrum zum Teil aus dem Staatsbudget, aber auch britische, niederländische und belgische Institutionen sowie die Soros-Stiftung unterstützen die dortige Arbeit.

Das "Medijako Centro" befindet sich in einem eher weniger eleganten Stadtviertel von Budapest, im VII. Bezirk, im Untergeschoss einer alten Mietskaserne. Die Tatkraft der überwiegend jungen Mitarbeiter wird von diesen spartanischen Bedingungen jedoch in keiner Weise eingeschränkt. Lobend wird anerkannt, dass die linksliberale Regierung Verständnis für die Belange der Roma aufbringt. Unkritisch ist man dennoch nicht. Erst kürzlich wurde eine Studie abgeschlossen, die die Effektivität der staatlichen Zuwendungen untersuchte.

"Sonderschulen" – Werkzeuge der sozialen Absonderung?

Aus der Studie geht hervor, dass für die "Sonderschulen" für – angeblich – behinderte Romakinder zweimal so viel Geld ausgegeben wird wie für "normale" Schulen, und dass dabei darüber hinaus vermutlich gar nicht der erhoffte Effekt erzielt wird. Bereits 22 Prozent der Romakinder besuchen diese Sonderschulen, die über eine schlechtere Ausstattung, weniger kompetente Lehrkörper und ein begrenztes Lehrangebot verfügen. Soziologischen Untersuchungen zufolge bedürfen in Ungarn, wie anderswo auch, aber nur zwei bis drei Prozent aller Kinder besonderer Hilfe in der Schule. Resultat davon ist, dass dadurch von Anfang an eine soziale Absonderung verankert und die gesellschaftliche Integration erschwert wird. Diese wird daneben auch von der Rechtslage gefördert, da es Eltern in Ungarn freisteht, ihre Kinder in eine Schule ihrer Wahl zu schicken und sie damit nicht daran gehindert werden können, dass solche gewählt werden, die nicht von Roma besucht werden. Unter der Orbán-Regierung (1998-2002) verzeichnete das BIP ein beachtenswertes Wachstum von 18 Prozent, das Sozialbudget dagegen nur einen Anstieg in Höhe von 7,1 Prozent. Während Maßnahmen der Sozial- und Familienhilfe kaum gefördert wurden oder gleich blieben, legte man den Schwerpunkt auf Entlastungen bei der Einkommenssteuer.

Dabei stellte sich allerdings das Problem, dass 35 Prozent der Haushalte – die ärmsten, unter denen sich auch ein Großteil der Roma befindet – mangels versteuerbaren Einkommens nicht von den Erleichterungen profitieren konnten. Die Studie erbrachte daneben, dass die Orbán-Regierung im Jahr 2000 rund 7,2 Mrd. Ft. (27,2 Millionen Euro – MD) für die Unterstützung der Roma ausgab – und damit das Doppelte von dem, was die frühere linksliberale Regierung unter Gyula Horn für eben diese Zwecke aufgebracht hatte. 2002 beliefen sich die Zahlungen auf knapp elf Milliarden Forint, eine Zahl, die nach Meinung der Forscher allerdings täuschen kann. Denn über ein Viertel dieser Summe wird für Unterrichtsprogramme verwandt und der Anteil, der den Roma wirklich zukommt, beruht größtenteils auf Schätzungen.

Fehlende Roma-Programme

Es ist nicht feststellbar, wie viel der Budgetgelder, die die Kommunen für den Schulunterricht erhalten, wirklich für die "Sonderschulen" ausgegeben bzw. wie viel für die "Normalschulen" davon abgezweigt wird. Nicht viel anders sieht es mit den Milliarden aus, die in Beschäftigungsprogramme investiert werden. Über 41 Prozent des Gesamtbudgets der Roma wird für diese Zwecke aufgewandt – wie viele Roma sich aber unter den Teilnehmern dieser Programme tatsächlich befinden, kann ebenfalls nur geschätzt werden und führt damit zu wenig verlässlichen Ergebnissen. Daneben bemängelt die Studie das Fehlen konkreter Roma-Programme im Budget der verschiedenen Ministerien für das Jahr 2003.

Wie viele Roma in Ungarn leben, ist umstritten. Ernö Kadét, Chefredakteur des Roma Pressezentrums, hat darüber seine eigene Meinung, nach der es einem jeden frei stehe, seine Identität zu deklarieren. Offiziellen Statistiken zufolge gaben rund 200.000 Menschen an, der Minderheit anzugehören – die wirkliche Zahl liegt jedoch mit Sicherheit höher und wird auf eine halbe Million geschätzt. Auch bei Mischehen warnt er vor einem vorschnellen Urteil, da diese Ehe in vielen Fällen den ersten Schritt in die gesellschaftliche Integration bedeutet: Kinder aus diesen Ehen fühlen sich teils als "Ungarn", teils als Roma. (fp)

  • Datum 04.07.2003
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