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Europa

Romanes, die unbekannte Sprache

Rund zwölf Millionen Roma leben in Europa, davon etwa 200.000 in Deutschland. Und dennoch weiß man kaum etwas über sie - am wenigsten über ihre Sprache.

Gruppe von Sinti und Roma, Foto: dpa

Lustiges Zigeunerleben - eines von vielen Vorurteilen

Es gibt wenige Völker, denen man in der westlichen Welt mit so vielen Vorurteilen und Klischees begegnet wie den Zigeunern: Die Diskrepanz zwischen dem vermeintlichen und dem tatsächlichen Wissen ist groß, wenn es um das Volk der Roma geht. Allein schon der Name: Sind sie nun Roma, oder doch Zigeuner, und welche Rolle spielen darüber hinaus die Sinti? Oder die Sprache: Romani heißt sie, in Deutschland Romanes genannt. Trotz des verwandt klingenden Namens gehört sie nicht zu den romanischen Sprachen wie Französisch, Italienisch oder Rumänisch.

Roma in einer Pferdekutsche in Belgrad, Foto: AP

Wanderungen und Vertreibungen brachten die Roma bis Europa

Es handele sich vielmehr um eine sehr alte Sprache aus der indogermanischen Sprachgruppe, erklärt Kurt Holl von dem Kölner Verein "Rom e.V". Der Verein unterstützt Roma-Flüchtlinge bei der Suche nach einer Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis und ist gleichzeitig ein Roma-Dokumentations- und Kulturzentrum: "Romanes stammt eigentlich aus dem Sanskrit", so Holl. "Nur über diese Sprache kam man überhaupt auf die Idee, die inzwischen auch wissenschaftlich untermauert ist, dass die Roma keine europäische Minderheit sind, sondern dass sie aus Indien kommen, und im Laufe langer Wanderungen und Vertreibungen bis nach Europa gelangten."

Worte wie Weizenkörner

Unterwegs sein, von Land zu Land ziehen, nirgendwo willkommen sein und überall als Außenseiter angesehen zu werden - Jahrhunderte lang war das das Schicksal der Roma. Wo sie hinkamen, passten sie sich an, auch ihre Sprache blieb dabei nicht unverändert, sagt Jovan Nikolic, Roma-Schriftsteller aus Serbien, der in der Zeit des Kosovo-Krieges seinen Wohnort von Belgrad nach Köln verlegt hat. "Bei der großen Flucht der Roma-Stämme aus Indien, auf dem Weg von Land zu Land, fielen die Worte ihrer Sprache aus den Wagen wie die Weizenkörner aus dem löchrigen Sack. Und es gab niemanden, der sie aufsammeln konnte."

Roma in Albanien, Foto: AP

Vorurteile über Roma und Zigeuner gibt es viele

In jedem neuen Gastland übernahmen die Roma etwas von der dort vorherrschenden Sprache, es entstanden zahlreiche Dialekte, auf über hundert wird heute ihre Zahl geschätzt. Das Volk ohne Land und ohne Staat, das überall als Gast auf Zeit gesehen wurde, entwickelte nie eine standardisierte Version der gemeinsamen Sprache, und hatte auch nie eine Institution, die eine allgemeingültige Grammatik erstellen konnte.

Verständigung trotz Vielfalt

Da einige Grundzüge des Romanes aber trotz Diaspora und trotz aller Anpassungen unverändert blieben, gelinge die Verständigung auch unter sehr entfernten Dialekten, sagt der Roma-Schauspieler, Dichter und Journalist aus Mazedonien, Nedjo Osman: "Ich hatte die Möglichkeit, als Schauspieler viel herumzukommen, ich war überall in Europa, in Amerika und Mexiko, und überall habe ich auch Roma getroffen. Ich habe Romanes gesprochen, und konnte mich verständigen. Es gibt viele Dialekte, aber prinzipiell kann man sich ohne größere Probleme verständigen."

Roma-Frauen und Kinder tanzen bei einem Fest zum St. Georgstag im Kosovo, Foto: AP

Roma: Das Selbstbewusstsein wächst

Inzwischen sind die Roma aber kein Volk mehr, das immer nur unterwegs oder auf der Flucht wäre. Viele sind schon längst sesshaft geworden, die Zahl derer, die gute Schulabschlüsse haben, wächst von Tag zu Tag. Obwohl die geschichtlich bedingte Scheu noch da ist und manche sich immer noch lieber als Griechen, Spanier oder Serben ausgeben, denn als Roma, wächst im modernen Europa das Selbstbewusstsein dieser Nation. In Paris und in Bukarest gibt es an den Universitäten schon Lehrstühle für Romanes, ein internationales Linguistenteam schreibt eine gemeinsame Grammatik und ein großes Wörterbuch.

Die Sprache der Roma ist im Wandel begriffen, vieles, was einst da war, muss heute neu entdeckt werden. Eine spannende Zeit auch für die Schriftsteller - jedes Wort, das man gefunden hat, jeder Satz, den man auf Romanes formuliert hat, stellt einen Beitrag zur Ausformung der Standardsprache dar. Wer heute, wie etwa Nedjo Osman, Literatur in Romanes schreibt, formt die Welt der Roma neu: "Seit 20 Jahren schreibe ich Gedichte in Romanes, und versuche immer neue Worte zu finden. Das ist mir sehr wichtig. Wenn ich ein Wort in einem Dialekt nicht finde, suche ich in einem anderen. Hauptsächlich sind die Worte aus der Sprache der Roma. Das ist jetzt am wichtigsten, bis wir standardisierte Grammatik und Wörterbuch bekommen."

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