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Fokus Osteuropa

Roma in Europa: Integration als Herausforderung

Die Roma sind die größte europäische Minderheit mit schätzungsweise zehn bis zwölf Millionen Menschen. Wie sie besser integriert werden können, war Thema einer Konferenz in Berlin.

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Randgruppe Roma

„Übergroß ist die Traurigkeit eines Zigeuners. Niemand weiß, welches Schicksal dem Wandervolk blüht...“ – Wehmütig wurde dereinst auf dem westlichen Balkan die schwierige soziale Lage von Sinti und Roma besungen. Deren Lebensbedingungen und gesellschaftlicher Status, vor allem in den Ländern Südosteuropas, haben sich bis heute kaum verbessert.

Aufklärung statt Klischees

Immer noch werden Angehörige dieser ethnischen Gruppe wegen ihrer Herkunft öffentlich benachteiligt. Unter dem Titel "Roma - (Südost) Europas unbekannte Minderheit" hatten Deutsche Welle und Südosteuropa-Gesellschaft (SOG) zu einer internationalen Konferenz nach Berlin eingeladen. Das Ziel: jenseits von Klischees zur Aufklärung über diese numerisch größte ethnische Minderheit innerhalb Europas beizutragen.

„Meine Kinder und die Kinder anderer Roma schämen sich, zu sagen, dass sie Roma sind. Der Ausdruck ‚Zigeuner‘ ist zu einem Schimpfwort, zu einer Beleidigung geworden“, schilderte Slobodan Savic den Konferenzteilnehmern seinen Alltag. Der heute 55-jährige flüchtete in den 90er Jahren mit der Familie vor dem serbischen Nationalismus nach Deutschland. Allerdings blieben die alten Vorurteile auch in der neuen Heimat an ihm und seinem Volk haften: „Es gibt natürlich auch gebildete Roma, doch sie finden sich hier nur sehr schwer zurecht, weil sie immer ungleich behandelt werden – alles wegen dieser Voreingenommenheit.“

Vorurteile und Diskriminierung

Das verwundert nicht, gelangen doch die Roma vorwiegend durch Medienberichte über Verarmung, katastrophale Wohnverhältnisse und Kriminalität in die öffentliche Aufmerksamkeit. Oder werden als negative Beispiele in der Diskussion um Abschiebung und Bleiberecht in den EU-Ländern in den Fokus gerückt. Diskriminierung, Stigmatisierung und Isolation sind meist die Folgen. Im Umkehrschluss verbaut dies wiederum Bildungsmöglichkeiten und den Zugang zu Sozialsystemen, zum Beispiel zu einer Krankenversicherung. Auch die Suche nach Arbeit wird erschwert. Sich politisch zu engagieren, Einfluss auf das gesellschaftliche Leben zu nehmen – das liegt für die meisten Roma noch immer in weiter Ferne.

Christian Petry, Geschäftsführer der Freudenberg-Stiftung aus Weinheim an der Bergstraße, mahnt deshalb selbstkritisch an: „Wir können und sollten über Roma in Europa nicht sprechen, wir sollten nicht über ihre Integration diskutieren, wenn wir nicht bereit sind, über das Syndrom von Vorurteilen, Abwertung, Ausgrenzung und Feindseligkeit zu sprechen. Wir sollten über Kriminalität sprechen, aber wir sollten nicht in die Falle gehen, zu denken, Diskriminierung und Feindseligkeit seien deren Folgen.“

Theorie und Praxis

Gesprochen und gehandelt wird diesbezüglich in vielen Institutionen der EU. Zu Beginn des Jahres 2008 verständigte sich das Europäische Parlament auf eine gemeinsame Strategie, wie Roma ins politische und wirtschaftliche Leben integriert werden können. Im Frühjahr verurteilte die Europäische Kommission jegliche Diskriminierung und Stigmatisierung der Roma. Sie unterstrich die Bereitschaft der EU, sich für die Gleichberechtigung der größten europäischen Minderheit stark zu machen. Im Spätsommer 2008 fand in Brüssel der erste Roma-Gipfel der Europäischen Kommission statt. Mehr als 400 internationale Handlungsträger aus Politik und Gesellschaft versammelten sich zum Dialog. Herta Däubler-Gmelin, Vorsitzende des Ausschusses für Menschenrechte im Deutschen Bundestag und ehemalige Bundesjustizministerin, zieht dennoch eine ernüchternde Bilanz: „Und es ist in der Tat so, dass wir gerade in Bezug auf Minderheiten und deren Angehörige häufig genug feststellen müssen, dass auf dem Papier eine Menge von Prinzipien – übrigens durchaus mit Rechtsverbindlichkeit – stehen, dass aber die Wirklichkeit in weiten Bereichen noch anders aussieht.“

Bildung, Bildung, Bildung

Auch wenn zwischenzeitlich in einigen Ländern Europas „Zigeuner“ ausdrücklich als nationale Minderheit anerkannt werden, so hat bislang nur Spanien ein nachhaltiges Förderkonzept entwickelt und mit seiner Umsetzung begonnen. Unterdessen setzt sich jedoch auch unter den Roma die Erkenntnis durch, dass für die Veränderung des Status quo neben der internationalen Hilfe auch eine bessere Selbstorganisation nötig sei. Nedjo Osman, Redakteur der Deutschen Welle und Produzent der einzigen Sendung auf Romanes in Deutschland, merkt an: „Um unsere Lage zu verbessern, müssen wir auch selbst etwas tun. Wir müssen anfangen, unsere Denkweise zu ändern, die Dinge genau zu bewerten, die wahre Qualität zu erkennen. Und dafür brauchen wir an erster Stelle Bildung, an zweiter Stelle Bildung, und an dritter Stelle Bildung.“

Eigeninitiative entwickeln und dabei auf institutionelle Hilfen zurückgreifen, scheint für viele Konferenzteilnehmer ein guter Weg in eine bessere Zukunft der Roma zu sein.

Goran Goic

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