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Fokus Osteuropa

Roma in Bulgarien: Sozialmaßnahmen laufen ins Leere

Die Lebensumstände der Roma in Bulgarien haben sich nicht verbessert. Sozialprogramme wecken den Neid der Bevölkerung. Eine Studie stellt fest: Die meisten Maßnahmen bringen zudem keine Verbesserung.

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Viele Roma leben im sozialen Abseits

Die Roma sind in Rumänien einer der Hauptgründe für die Aufnahme der so genannten Schutzklausel in den EU-Beitrittsvertrag. Für die Aufnahme Bulgariens ist die Integration der Roma-Minderheit keine Bedingung. Aber wie steht es um die Lebensverhältnisse der Roma in Bulgarien? Haben sie sich den letzten zehn Jahren verbessert? Die Untersuchung der Open Society Foundation "Die Maßnahmen Bulgariens im Bereich der Minderheiten und der sozial schwachen Bevölkerungsgruppen im Kontext des EU-Beitritts" bietet Antworten auf diese Fragen.

Flucht vor Armut

Nach Angaben der Volkszählung von 2001 leben in Bulgarien 370 908 Roma. Die Hälfte von ihnen lebt in Dörfern, wo sie keine Arbeit und auch kein Äcker haben. Die andere Hälfte lebt isoliert in abgeschiedenen Großstadtvierteln. Im Zeitraum zwischen 1991 und 2004 wird eine deutliche Umverteilung der Roma-Minderheit in den Gemeinden festgestellt. Erst zeichnete sich ein Trend in Richtung Großstadt ab. Der Grund dafür war das Bestreben, die Folgen der Restitution des Ackerlandes zu überwinden. Später kehrten aber viele Roma in Dörfer und kleinere Städte zurück. Der Grund war der gleiche: die Flucht vor Armut, nur war es diesmal die Armut der Großstadt und nicht die des Dorfes. Vor allem im Südwesten Bulgariens, wo sich auch die Hauptstadt Sofia befindet, sowie in der Thrakiaebene im Süden des Landes lassen sich die Roma konzentriert nieder.

Im sozialen Abseits

In den letzten 15 Jahren des Übergangs zur Demokratie und Marktwirtschaft gerieten die Roma in Bulgarien immer mehr ins soziale Abseits. Ein Großteil der Kinder, die in bulgarischen Waisenheimen untergebracht sind, sind Roma. Diese Kinder und Jugendlichen stellen die sozial schwächste Gruppe dar, die besondere Pflege erfordert, ohne aber den Kindern die Möglichkeit zur selbständigen Entwicklung zu nehmen. Ferner zeigen die Untersuchungsergebnisse der Open Society Foundation, dass es sinnlos ist, Wohnungen in Roma-Vierteln zu bauen, um sie zu vermieten oder zu verkaufen, solange die Arbeitslosigkeit nicht gelöst ist. Die Missachtung von Hygienevorschriften und die schlechten Wohnverhältnisse sind der Hauptgrund für die Verbreitung von Krankheiten.

Diskussion über Intoleranz

Nach der offiziellen Statistik der Open Society Foundation ist in den letzten zehn Jahren die Roma-Bevölkerung um 11,5 Prozent gewachsen. In Bulgarien wird über das negative Verhalten gegenüber den Roma, über die Intoleranz und die Roma-Integration diskutiert. Erstmals seit Jahrzehnten akzeptiert die bulgarische Gesellschaft, die anderen Minderheiten einbegriffen, die Roma als Teil der Nation. 2001 kam erstmals die Aufhebung der ethnischen Teilung in bulgarischen Schulen auf die Tagesordnung.

Kein Verständnis für Roma-Programme

Am 1. Januar 2004 wurde in Bulgarien eines der am besten ausgearbeiteten Gesetze zum Schutz vor Diskriminierung verabschiedet. Trotzdem, so der Bericht der Open Society Foundation, habe der überwiegende Teil der Bevölkerung kein Verständnis dafür, dass der Westen der Armut der Roma und nicht der Misere der bulgarischen Mehrheit oder der türkischen Minderheit größere Aufmerksamkeit widmet. Die Bulgaren hätten kein Verständnis dafür, dass ein Großteil der ausländischen Stipendien für Roma-Kinder bestimmt ist und nicht für sozial schwache bulgarische Jugendliche. Sie zeigten auch kein Verständnis dafür, dass für Roma billige oder gar kostenlose Wohnungen und Einfamilienhäuser gebaut werden, während die Bulgaren zu viert oder zu fünft unter erbärmlichen Umständen in kleinen Wohnungen in Plattenbauten leben müssen.

Probleme bleiben ungelöst

Die Autoren des Berichts stellen letztendlich fest, dass sich die Lebensverhältnisse der Roma nicht verändern, da die Angebote und zahlreichen Initiativen zeitlich begrenzt sind. Die bulgarischen Maßnahmen haben bisher die spezifischen Probleme der Roma nicht gelöst. Sie bieten höchstens eine begrenzte Linderung, die aber gleichzeitig ein zweischneidiges Messer ist, da sie eine negative Stimmung unter der bulgarischen Mehrheit entstehen lässt. Letztendlich bleiben die Roma so arm und chancenlos wie sie auch ohne die Maßnahmen der Sozialpolitik wären.

Antoineta Nenkova
DW-RADIO/Bulgarisch, 5.5.2005, Fokus Ost-Südost