1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Roma überraschen mit Theaterstück

Ein innovatives Theaterprojekt erzählt die Geschichten von Roma, die aus Serbien über Ungarn nach Deutschland gekommen sind - auf der oft vergeblichen Suche nach einem sicheren und besseren Leben.

Theaterstück The Journey / Drom (Foto: N. Nino Pušija)

Mihaela Dragan und Branislav Mitrovic in "The Journey"

Klischees sind da, um sich ihrer zu bedienen und sie dann in sich zusammenfallen zu lassen. Das wäre, lapidar zusammengefasst, die eine wichtige Botschaft des Theaterprojekts  "The Journey/Drom", das in Berlin Premiere gefeiert hat. Doch das multikulturelle Ensemble aus Serbien, Kosovo, Ungarn, Rumänien und Deutschland hat mehr, viel mehr versucht, als nur die vorgefassten Meinungen zu zerpflücken. Vor allem wollten die Roma- und nicht-Roma-Schauspieler ein Bewusstsein schaffen für die sehr komplexe Flüchtlingsproblematik, mit der Westeuropa verstärkt konfrontiert wird. Essentielle Fragen wurden gestellt - und vielen Menschen im Saal wurde klar, dass die Antworten, wenn überhaupt vorhanden, unvollständig bleiben mussten.

Vor welchen Umständen sind Roma aus Serbien geflohen? Mit welchen Schwierigkeiten hatten sie auf ihrer Reise zu kämpfen? Was waren ihre Träume - und was ist daraus geworden? Gibt es gute und weniger gute Flüchtlinge? Was bedeutet "sichere Herkunftsländer"? Und für wen sind diese Länder sicher? Fragen über Fragen…

Theaterstück The Journey / Drom (Foto: N. Nino Pušija)

Szene mit Peter Zoltan Onodi (l.) und Hamze Bytyci

Die Vorbereitung

Für Roma aus dem Westbalkan ist die Strecke zwischen Novi Sad, Budapest und Berlin oft der einzige Weg, um nach Deutschland zu gelangen und Asyl zu beantragen. Viele Menschen nehmen die über 1000 km lange Strecke in überfüllten und unsicheren Fahrzeugen - oder sogar zu Fuß - auf sich, um einen Neuanfang im Unbekannten zu wagen, während sie ihre Heimat und familiären Wurzeln hinter sich lassen.

Während mehrerer Aufenthalte der Künstler in den drei genannten Städten wurden wahre Geschichten von Roma gesammelt, die diese Reise unternommen haben. Die sehr persönlichen Geschichten dienten als Grundlage für die Entwicklung einer Bühnenproduktion sowie der Publikation einer Fotonovelle. 

Video ansehen 01:28

Roma-Projekt "The Journey/Drom"

Das Team hat dabei festgehalten, was heute die Identität und Kultur der Roma ausmacht. Der andauernde Kampf dieser Minderheit um Anerkennung und die Auseinandersetzung mit Vorurteilen und Rassismus, denen Roma in fast jedem sozialen, politischen und wirtschaftlichen Kontext in ganz Europa ausgesetzt sind, standen bald im Mittelpunkt der Recherche. Brina Stinehelfer, eine der Initiatorinnen des Projekts, erläuterte im DW-Gespräch die aussichtslose Lage der Betroffenen: "Es sind unterschiedliche Schicksale aus unterschiedlichen Gegenden. Ihre Situation hat sich deutlich geändert, nachdem Deutschland 2014 die Länder des Westbalkan zu sicheren Herkunftsländern erklärt hat. Das hat ein Leben in Deutschland für viele Menschen unmöglich gemacht." Die Künstlerin erzählte über Roma, die in Deutschland geboren und nach einem 20-jährigen Aufenthalt zurück in eine "Heimat" geschickt wurden, die vielen von ihnen völlig unbekannt war.

Das Ergebnis

Mit dem Projekt will sich das Ensemble für eine bessere Repräsentation und Wahrnehmung der größten Minderheit Europas einsetzen. Durch einen interkulturellen Austausch und das Erzählen von Geschichten, die selten gehört werden, wollen die Künstler zu einem besseren gegenseitigen Verständnis, einer Verbesserung des Ansehens der Roma in Öffentlichkeit und Politik und einem friedlicheren Zusammenleben in multikulturellen Gemeinschaften beitragen, so die Botschaft der Künstler.

"Dass wir scheinbar immer unterwegs sind, ist nicht immer freiwillig. Heutzutage ist es definitiv sichtbar, dass wir dazu gezwungen werden", so Hamze Bytyci im DW-Gespräch. Die sogenannten "sicheren Herkunftsländer" seien sicher für die Mehrheitsgesellschaft und nicht für die Minderheit der Roma, so der Künstler, der aus dem Kosovo stammt und sich seit Jahren in Berlin für die Rechte seiner Minderheit einsetzt.

Künstlerisch umgesetzt wurden die Ergebnisse der aufwändigen Recherche in einem satirischen Spiel, in einer Persiflage im TV-Format des Nachstellung der konkreter Ereignisse. Ein Spiel im Spiel, in dem die Schauspieler Rollen einnehmen, um dem Publikum im Fernsehstudio - also den Zuschauern im Saal - eine Dokumentation vorzugaukeln. Eine Dokumentation, die ihnen, den Schauspielern, genauso zusetzt wie den Zuschauern.

Theaterstück The Journey / Drom (Foto: Nihad Nino Pušija )

Von links nach rechts: Mihaela Dragan, Hamze Bytyci, Peter Zoltan Onodi, Brina Stinehelfer, Branislav Mitrovic, Liou de Nisse und Kristof Horvath

Alle Erwartungen, wie eine Roma-Veranstaltung "auszusehen" hat, werden in diesem Stück Schritt für Schritt zerstört - mit schwarzem Humor, einem Hauch von Chaos und erdrückenden Momenten, die spüren lassen, was es heißt, heute Roma in Europa zu sein.

Eine erste Work-in-Progress Performance zum Internationalen Tag der Roma wurde am 8. April 2016 im Studio Я desGorki Theaters vorgestellt. Die gefeierte Premiere fand im ehemaligen Stummfilm-Kino Delphi in Berlin statt. Weitere Vorstellungen in Serbien, Ungarn und Rumänien sind geplant.

 

Das Projekt The Journey/Drom wurde von Per Aspera (Berlin) initiiert und in Zusammenarbeit mit RomaTrial (Berlin), Kulturanova (Novi Sad) und Pro Progressione (Budapest) entwickelt und durchgeführt.

 

Audio und Video zum Thema