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Kultur

Rollenspiel: Post vom Mafiaboss

Suddenlife Gaming ist der neueste Trend in der Rollenspiel-Szene. Dabei handelt es sich um eine Art Schnitzeljagd, bei der die Mitspieler Rätsel lösen müssen. Bis die Mission geglückt ist, dauert es bis zu drei Wochen.

Postkarte und Schlüssel zum Suddenlife Spiel

"Suddenlife Gaming".

Ein mysteriöser Anruf auf dem Handy, Nummer unbekannt. Kurz rauscht es in der Leitung, dann wird wieder aufgelegt. Das Spiel hat begonnen, am Abend finde ich eine Postkarte in meinem Briefkasten. Das Motiv sind zwei tote Fische mit Glubschaugen, auf der Rückseite ein kurzer Text: "Nicolas meint, dass Du der Richtige für einen kleinen Job bist. Ruf bitte folgende Nummer an. Grüße, Morton Rima." Ich kenne keinen Morton Rima, wähle trotzdem die Nummer. Eine Frauenstimme meldet sich vom Band, erzählt mir, dass ich mit der "Carroll Foundation" verbunden bin. Meine Daten würden nun geprüft, man melde sich bei mir, sobald es losgeht. Und dann ist die Leitung plötzlich tot. Ich möchte jetzt wissen, wie es weitergeht.

Nicolas Wiethoff und Dennis Levin von Thadeus Roth

Spieleentwickler Nicolas Wiethoff und Dennis Levin

Was hier gerade passiert, nennen Nicolas Wiethoff und Dennis Levin Suddenlife Gaming. "Das ist etwas komplett Neues", schwärmen die beiden Erfinder von Thadeus Roth, einem kleinen Spiele-Startup, als ich sie in ihrem Büro im Leipziger Süden besuche. Hier entwickeln Dennis und Nicolas ihre Geschichten, betreuen die etwa 250 Spiele, die derzeit parallel laufen. "Das ist natürlich jede Menge Handarbeit", erklärt Nicolas, auf jede Mail werde individuell reagiert, dazu gibt es diverse Postadressen im In- und Ausland, die sie ebenfalls betreuen. Die beiden Spieleentwickler sind Anfang 30, beschreiben sich selbst als Entdecker.

Nicht ganz neu, aber spannend

"Eine reizvolle Idee" nennt Mathias Mertens das Konzept. Ganz neu sei es allerdings nicht, viele Brett- und Computerspiele funktionieren nach ähnlichem Muster. Mertens ist passionierter Spieler und Experte für Games aller Art, derzeit lehrt er Medienwissenschaft an den Universitäten Hannover und Hildesheim. "Das ist eine Art Schnitzeljagd, man bekommt ein Rätsel gestellt und muss es lösen. Nur das Ziel ist nicht ganz klar." Für den Spieler liege der Reiz im Kontrollverlust, da er nie genau wisse, was als nächstes passiert. "Da hat das Spiel eine neue Qualität, weil es eben auch in den Alltag eingreift", so der Experte.

Morton Rima gibt Anweisungen via Videobotschaft

Videobotschaft vom fiktiven Mafia-Boss Morton Rima

Aus sechs Bereichen kann der Spieler wählen, ich habe mich für Crime entschieden. Hier wird der Spieler in eine undurchsichtige Kriminalgeschichte hineingezogen. Zwielichtige Gestalten versuchen, mich mittels SMS, Mail, Telefon- und Videobotschaften zum Komplizen der Mafia zu machen. Mal muss ein Dossier entschlüsselt, dann ein Foto von einer bestimmten Leipziger Straßenecke verschickt werden. Ein Spiel dauert etwa drei Wochen. Bis zum Schluss wird nicht ganz klar, worauf es hinausläuft, aber es macht Spaß, auf Videos und Mails zu reagieren, so den Spielverlauf mitzubestimmen. Tatsächlich entscheide der Spieler selbst, so Nicolas, ob er passiv bleibt oder aktiv wird. Ihr Anspruch ist, dass die Story auch funktioniert, wenn jemand so gut wie gar nichts tut. "Dann bekommt er eine nette Geschichte erzählt und fertig. Wenn er aber aktiv wird, kann er immer Neues entdecken."

Fiktion trifft Realität

Spieler und Medienwissenschaftler Mathias Mertens

Medienwissenschaftler Matthias Mertens

Seit zweieinhalb Jahren feilen Nicolas und Dennis an ihrer Idee, online sind sie seit wenigen Wochen. 15 Leute gehören zu ihrem Team, darunter Mediengestalter, Fotografen, Videokünstler. "Der größte Aufwand liegt in der Vorbereitung der Spiele", erklärt Dennis, da alle eventuellen Abläufe mitgedacht werden müssen. Mathias Mertens reizt das Spiel nur bedingt, weil er die Grenzen zu wenig kenne. "Ich weiß nicht genau, welche Strategien ich entwickeln muss und welche Taktiken dafür erforderlich sind, um es tatsächlich zu meistern." Kein Problem, meinen Dennis und Nicolas. Sie versuchen, individuell auf jeden Spieler zu reagieren und ihm das Gefühl zu geben, dass er den Verlauf mitbestimmt. Nur so bekomme das Rollenspiel seinen Reiz. So sieht das auch Mathias Mertens. Denn nur wer im Spiel ist und Regeln folgen kann, spiele gern mit.

Der Wissenschaftler zieht Parallelen zu anderen, ähnlichen Ideen, Fiktion und Realität spielerisch zu verknüpfen. Etwa bei "machina eX", einer Art theatralem Computerspiel. Inszeniert wird dieses an einem Berliner Theater, der Besucher trifft auf eine interaktive Installation. Hier seien die Grenzen besser definiert als bei Thadeus Roth, das mache es dem Spieler einfacher. "Das ist ein Konzept, wo ich völlig eintauchen kann, wo Zeit und Ort festgelegt sind, wo ich mich besser auf Regeln einlassen kann", meint Mertens.

Trends auf dem Spielemarkt

Der Spielemarkt habe sich in den letzten Jahren kaum weiter entwickelt, so der Experte. "Kritiker meinen, er stagniert, wer positiv denkt sagt, er funktioniert." Viele spielen heute online, auch wenn darüber weniger berichtet werde. "Niemand spricht mehr über Second Life, obwohl es das immer noch gibt." Der Markt sei stabil, einen wachsenden Trend zu realen Spielen könne er nicht erkennen.

Nicolas und Dennis arbeiten derweil an der Zukunft ihres Suddenlife Gaming. Da sei noch einiges möglich, so die beiden Leipziger. "Wir haben schon Schauspieler an der Hand, mit denen wir das Spiel noch realer gestalten können", erklärt Nicolas. Mathias Mertens mahnt hier jedoch zur Vorsicht. Zu entscheiden, was real ist und was fiktiv, werde dann für den Mitspieler noch schwieriger, was in bestimmten Situationen problematisch werden kann: "Menschliche Beziehungen haben eine Eigendynamik, da müssen Schauspieler improvisieren, das ist schwer kontrollierbar." Er bezweifelt auch, dass sich viele Spieler finden, die mitmachen wollen. Dennis und Nicolas sehen das natürlich anders.

Und mein Spiel? Das ist mittlerweile vorbei, ich habe Morton Rima, meinen Mafiakomplizen, an die Polizei verraten. Ziemlich sauer hat er mir in einer letzten Videobotschaft zu verstehen gegeben, dass man sich im Leben immer zweimal trifft. Na dann, warten wir es mal ab.

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