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Kultur

Rollende Bücher

'Yollarda' - 'Unterwegs' heißt ein Literaturprojekt der EU und des Goethe-Instituts, das Europa und die Türkei verbindet. Zur Zeit touren ein Bücherbus und prominente Autoren durch Anatolien.

Ein Bus steht auf einem Schulhof, Schüler drängen sich an der Tür und wollen einsteigen (Copyright: Lars Kreyssig für Goethe-Institut Istanbul)

Literatur unterwegs: Bücherbus in der türkischen Stadt Urfa

Aufgeregtes Gedrängel am Platz vor dem Rathaus von Urfa: EU-Botschafter Marc Pierini hat sich angesagt, der Bücherbus des Goethe-Instituts ist endlich im Schatten geparkt. Jetzt können die Gäste kommen. Ganze Schulklassen stehen in Uniform zur Begrüßung parat: grauer Faltenrock, graue Hosen, weißes Hemd. Andere tragen Shirts der frisch gekürten Goethe-Partnerschule. Claudia Hahn-Raabe, Leiterin des Goethe-Instituts Istanbul, macht die Honneurs, stellt die Autoren Hans-Ulrich Treichel und Renate Welsh EU-Gesandten und lokalen Politikern vor. In der ersten Reihe der Neugierigen steht eine fast zahnlose Greisin mit Henna-Bemalungen im verwitterten Gesicht und an den Händen. Verzückt wirft sie Kusshändchen in die Runde. Ob sie wohl weiß, wer hierher gekommen ist?

Die Wiener Autorin Renate Welsh (l.) und die Leiterin des Goethe-Instituts Istanbul, Claudia Hahn-Raabe (r.), auf dem Basar von Urfa (Foto: Aya Bach / DW)

Renate Welsh (l.) und Claudia Hahn-Raabe (r.), auf dem Basar von Urfa

Der mit Abstand Bekannteste in der Runde ist Mehmet Ali Alabora, Schauspieler aus Istanbul und Star einer türkischen Fernsehserie, dem die Mädchen zu Füßen liegen. Er moderiert die Veranstaltung eloquent auf Türkisch und Englisch, lässt Mädchen und Jungen zu Wort kommen, die neugierig sind auf die Literaten aus Europa und die prominenten Autoren gleich in Verlegenheit bringen: "Warum sind die russischen und französischen Autoren bekannter als die deutschen?" will ein Schüler wissen. Renate Welsh, die besonders mit ihren Kinder- und Jugendbüchern höchst erfolgreich ist, entgegnet schlagfertig: "Ich wünschte, ich wüsste das. Dann würde ich Bücher schreiben, die sich besser verkaufen."

Neugier und Frust

Hans-Ulrich Treichel und Renate Welsh sind seit zweieinhalb Tagen in Urfa, einer Stadt mit fast einer halben Million Einwohnern. Seitdem absolvieren sie einen wahren Lese-Marathon. Im Lokalfernsehen mussten sie auftreten, die Zeitungen haben berichtet, manche auf der Titelseite, teilweise sogar ganzseitig. In Urfa hat man sehr selten die Chance, mit Schriftstellern persönlich ins Gespräch zu kommen.

Vier Frauen auf einer Parkbank: Links eine junge, dunkelhaarige mit Hosen, kurzärmeligem T-Shirt, Sonnenbrille und Handy, daneben eine ältere mit Kopftuch und Handy, rechts daneben zwei ältere Frauen in traditioneller Verhüllung, eine von ihnen mit einem spitzenbesetzen Kopftuch (Foto: Aya Bach / DW)

Freiheit nur bis 20 Uhr: Frauen in Urfa

Auch das restliche Kultur- und Unterhaltungsangebot ist mager: Kino und Bowling, das ist alles. "Für Jugendliche gibt es hier fast gar nichts", moniert ein junger Mann, der einige Jahre in Deutschland gelebt hat. Dabei sind die Männer noch gut dran. Die Mädchen dürfen abends sowieso nicht ausgehen, spätestens um acht Uhr ist Schluss. Ob es ein Trost ist, dass sie wenig verpassen? "Ausgehen und tanzen wäre toll", sagen sie unisono. Aber dann haben sie doch Angst, das könnte als Kritik verstanden werden: "Wir beklagen uns nicht, wir sind es ja gewohnt."

Löwenjagd und heilige Fische

Ein Bassin mit Karpfen, im Hintergrund eine Moschee, rechts Pilgerinnen, die die heiligen Stätten besuchen (Foro: Aya Bach / DW)

Attraktion für Pilger: Das Bassin mit heiligen Karpfen

Dabei hat Urfa Zeiten vitaler Kultur erlebt. Im Museum steht eine der ältesten Menschendarstellungen der Welt, über elftausend Jahre alt: die lebensgroße Statue eines Mannes, der aus edelsteinbesetzen Augenhöhlen den Betrachter von heute anblickt. Ein paar Schritte weiter restaurieren Archäologen der Uni Ankara Mosaiken aus der Römerzeit: Amazonen auf der Löwenjagd, das Blut spritzt mächtig. Hier stand einmal ein Prachtbau, in dem luxuriöses Leben stattfand. Wo immer man heute in Urfa ein paar Schaufeln Erde aushebt, finden sich Relikte der letzten paar Jahrtausende: Geschichte im Sand.

Ein Junge balanciert ein riesiges Tablett mit Sesamkringeln auf dem Kopf (Foro: Aya Bach / DW)

Genauso schnell stößt man hier auf Geschichten und Legenden. Abraham, der bei Muslimen Ibrahim heißt, soll in Urfa vor dem Feuertod gerettet worden sein. Das Feuer verwandelte sich in Wasser, das brennende Holz in Fische. Darum schwimmen hier heute noch heilige Karpfen in einem Bassin nahe der großen Moschee. Urfa ist eine Pilgerstadt, zählt zu den heiligsten Orten des Islam, in den Restaurants gibt es keinen Alkohol, dafür kann man rund um den Karpfenteich Fischfutter und Kitsch kaufen. Kinder balancieren riesige Tabletts mit Sesamkringeln auf dem Kopf und hoffen auf hungrige Pilger.

Doch die Heiligkeit garantiert noch kein pulsierendes Kulturleben. Wer als Fremder in Urfa Bücher kaufen will, sucht lange nach einer Buchhandlung. Dafür stehen Geldautomaten auf Schritt und Tritt griffbereit. Wer könnte das von deutschen Provinzstädten schon sagen? Modern ist Urfa gewiss, auch wenn auf dem Basar noch traditionelles Handwerk gepflegt wird. Zugleich dürfte auf schätzungsweise jeden zehnten Einwohner ein Handy-Laden kommen.

Campus in der Wüste

Der Schriftsteller Hans-Ulrich Treichel bei einer Lesung, im Vordergrund Mikrofon und zwei Wasserflaschen (©kreyssig für goethe-institut istanbul)

Hans-Ulrich Treichel bei einer Lesung in Urfa

Seit 1992 gibt es sogar eine Universität. Der gigantische Campus wurde 25 Kilometer vor der Stadt mitten in die Wüste gebaut. Der Bücherbus fährt ein, durch ein imposantes Tor hindurch, vorbei an weit verstreuten Gebäudekomplexen und künstlichen Seen. Plötzlich schießen Fontänen in die Höhe. Ob die Springbrunnen extra für den Besuch der Autoren eingeschaltet wurden? Drei Schwäne sind unterwegs, sonst ist der Campus leergefegt. Die Studenten sind zu Hause und pauken für die Semesterabschluss-Prüfungen. Kein gutes Omen für die Autorenlesung: Wie soll sich da jemand für deutschsprachige Literatur interessieren?

Punkt 15 Uhr ist der Saal rappelvoll, über 300 Studenten sind gekommen, etliche müssen stehen. Sie hören aufmerksam zu, wie Renate Welsh aus ihrem Jugendroman "Drachenflügel" liest, die Geschichte eines Mädchens mit einem behinderten Bruder, das ausgegrenzt wird, aber schließlich doch eine Freundin findet. Und sie verfolgen konzentriert einen Ausschnitt aus Hans-Ulrich Treichels Roman "Der Verlorene", einer Geschichte aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, die von Vertreibung handelt und von der jahrzehntelangen Suche nach dem vermissten Bruder. Nach zweieinhalb Stunden bei brütender Hitze sitzen die meisten Studenten noch immer im Saal. "Diese Geschichten haben auch mit uns zu tun", sagt einer von ihnen, "ich kann vor allem gut nachfühlen, was es bedeutet, den eigenen Bruder zu suchen".

Goethe: "Very successful!"

Begeisterte Schüler im Bücherbus; in den Händen haben sie Info-Material über das Yollarda-Projekt (©kreyssig für goethe-institut istanbul)

Begeisterung im Bücherbus: Schüler mit Literatur und Informationen über Europa

Echte Autoren live zu erleben, ist nicht nur auf dem Rathausplatz eine seltene Gelegenheit: Es ist das erste Mal, dass deutschsprachige Schriftsteller an der Uni zu Gast sind, sagt Philosophieprofessorin und Vize-Rektorin Zuhal Karahan Kara. "Wir werden hier regelrecht vergessen. Ich war oft in Europa und habe festgestellt, dass niemand etwas über uns weiß. Viele kennen den Westen der Türkei, aber das ist eine ganz andere Kultur. Wir fühlen uns hier abgehängt."

Derweil sind die Schüler in Urfa auf dem besten Weg, den Anschluss an den Westen selbst zu finden. Sobald der Bücherbus auftaucht, ist er belagert. In der Goethe-Partnerschule kommt das Team des Goethe-Instituts kaum mehr vom Hof. Und die Jugendlichen erzählen stolz, was sie alles gelesen haben: Goethes "Werther" zum Beispiel oder den "Faust". "Der hat was mit Gott und dem Teufel zu tun", sagt ein Junge, das hat mir gut gefallen!". Und man staunt, welche europäischen Namen sie parat haben: Shakespeare, Dostojewski und Gogol, Balzac und Montaigne, Kant und Nietzsche. Ist Urfa doch eine verkappte Hochburg der Literatur und Philosophie? Nun ja, alles gelesen haben sie dann doch nicht, aber eins steht fest: "Goethe? He is very successful!".

Anatolischer Heiratsantrag

Schülerinnen des Anadolu Lisesi bei der Lesung von Renate Welsh (Copyright: Lars Kreyssig für Goethe-Institut Istanbul)

Schülerinnen bei der Lesung von Renate Welsh

Very successful, sehr erfolgreich ist auch das Leseprogramm, das Urfa fünf Tage lang in Bewegung hält. Die 71jährige Renate Welsh kann sogar mit einer echten Liebeserklärung im Gepäck zurückfahren. Ein Mädchen aus Urfa ist so begeistert von ihr, dass es wissen möchte, ob sie verheiratet ist. "Ja", sagt sie, "mit dem nettesten Mann von ganz Europa und Asien." "Schade", findet das Mädchen, "ich wollte Sie fragen, ob Sie nicht meinen Großvater heiraten können."

Und als Hans-Ulrich Treichel im Kulturzentrum liest, ist der Saal nicht einfach nur voll. Sondern voller Menschen, die selbst schreiben. Rund ein Drittel zeigt auf, als Treichel danach fragt. "Das habe ich noch nirgends erlebt", sagt er. "Ich war berührt von dem Mut der ganz jungen Mädchen, die selbstbewusst aufstehen und sprechen. Die brauchen uns auch nicht als Modernisierungs-Glückbringer, um ihr Kopftuch abzulegen oder so was. Die regeln das schon selbst. Natürlich ist es gut, dass wir miteinander reden. Aber vielleicht habe ich am Ende mehr davon als sie selbst."

Autorin: Aya Bach
Redaktion: Petra Lambeck

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