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Musik

Roll over Beethoven!

Ohne Beethoven gäbe es keine Popmusik, heißt es. Er machte die "ernste" Musik seiner Zeit einem breiten Publikum zugänglich. Das Beethovenfest setzt daher nicht nur auf Klassik.

Beethoven?! Der ist doch schon seit fast 200 Jahren tot. Was soll seine Musik noch mit unserem modernen Sound zu tun haben? Vielleicht eine ganze Menge, denn zu seinen Lebzeiten galt Beethoven als Revolutionär und Grenzgänger. Über gängige Kompositionsmuster setzte er sich einfach hinweg. "Beethoven hat völlig gegen den Takt geschrieben", sagt Tilman Schlömp, künstlerischer Leiter des Bonner Beethovenfestes. "Er hat immer wieder Akzente gegen dieses normale, durchgezählte Dreier- oder Viererschema durchgesetzt und Off-Beats quasi erfunden." Die dadurch entstandene rhythmische Aufgeregtheit habe später Eingang in die Popmusik gefunden, so Schlömp.

Mehr als Techno

Drei, die sich bestens mit Beats und Rhythmus auskennen, sind Daniel Brandt, Jan Brauer und Paul Frick, Begründer des gleichnamigen Berliner Ensembles. Brandt Brauer Frick waren in diesem Jahr zu Gast beim Bonner Beethovenfest und setzten unter dem Motto "Clubmusik unplugged" elektronische Akzente im Programm. Ihre Musik wird gerne als "Techno mit richtigen Instrumenten" umschrieben. Aber das Trio wehrt sich gegen diese Kategorisierung: "Am Anfang haben wir versucht, akustische Klänge mit Techno und technoverwandten Rhythmen zu benutzen", sagt Paul Frick. "Mittlerweile schreiben wir aber richtige Songs. Das heißt, es geht um viel mehr als nur um Beats."

Ensemblemusiker von Brandt Brauer Frick

Nicht nur simpler Techno aus dem Computer, sondern "handgemachte" Musik: das Brandt Brauer Frick Ensemble

Ein ehrgeiziges Projekt

Im Gegensatz zu anderen Künstlern der elektronischen Musik beschränken sich die Berliner nicht auf künstliche Klänge aus dem Laptop, sondern treten mit einem zehnköpfigen Ensemble auf, mit Harfe, Cello, Kontrabass und Vibraphon. Statt auf die Vereinfachung durch digitale Technologien zu setzen, scheuen die drei keine Mühen, um ihre musikalische Vision umzusetzen: Dazu gehört auch das Schreiben von kilometerlangen Partituren, etwa für das zweite Album "Mr. Machine".

Diesen Part übernimmt Paul Frick, der acht Jahre lang klassische Komposition studiert hat. Für ihn ist klassische Musik nach wie vor eine Inspirationsquelle: "Alles, was man gehört hat, beeinflusst einen. Ich habe zum Beispiel jedes Jahr meine Gustav Mahler-Phase", sagt er. Bei Beethoven schätze er vor allem die späten Streichquartette und die Klaviersonaten. Seine beiden Bandkollegen sind weniger in der Klassik zu Hause, sehen aber auch eine Verbindung zur heutigen Musik. "Die komplette Popmusik basiert auf der Harmonielehre", bekräftigt Jan Brauer. "Die Klassik kann man überhaupt nicht wegdenken. Sie ist einfach überall."

Vom "musikalischen Unfall" zum fertigen Stück

Jan Brauer

Musiker Jan Brauer beim Beethovenfestv 2014

Beethoven schrieb oft ein Dutzend Themenentwürfe nieder, bevor er sich für einen entschied. Bei Brandt Brauer Frick entstehen die Kompositionen oft spontan beim gemeinsamen Jammen im Proberaum: "Da passieren so viele musikalische Unfälle, die man halt nur erkennen und verarbeiten muss", erklärt Paul Frick.

Für die Organisatoren des Beethovenfests war diese direkte Kompositionsweise einer der Gründe, das Trio für ein Konzert nach Bonn einzuladen. Darüber hinaus beteiligten sich die drei Musiker am Schülermanagerprojekt des Beethovenfests. Dort lernen Jugendliche, wie Musik entsteht, sie organisieren aber auch selbst Konzerte und betreuen die Künstler. "Man muss versuchen, die jungen Leute da abzuholen, wo sie sind", erklärt Tilman Schlömp. Es bringe nichts, sie in klassische Konzerte zu zwingen; stattdessen müsse man einfach ein Angebot schaffen, das sie interessiere.

Offenheit und Vielfältigkeit

Schon seit 1999 lädt das Festival junge Menschen ein, sich mit Klassik auseinanderzusetzen, etwa mit dem Orchestercampus. 2014 stand dementsprechend auch Popmusik auf dem Programm. Rajaton - das heißt "grenzenlos" auf Finnisch - nennt sich die Popgruppe aus dem hohen Norden, die beim Beethovenfest Werke von Björk und Abba, aber auch finnische Traditionals spielte. Diese musikalische Vielfältigkeit ist genau das, was man sich in Bonn wünscht: "Diese Grenzüberschreitungen liegen uns ganz besonders am Herzen", so der künstlerische Leiter Tilman Schlömp.

Und es gibt noch einen weiteren, sehr wichtigen Aspekt beim Beethovenfest. Als Künstler sei Beethoven ein Vorbild gewesen, so Schlömp. "Er war sehr kritisch gegenüber Autoritäten und hat sich sehr für Völkerverständigung, für Menschenrechte eingesetzt." Zwar sei er nicht auf die Straße demonstrieren gegangen, aber er habe sich in Gesprächen und vor allem in seiner Musik für mehr Menschlichkeit und gegenseitigen Respekt eingesetzt. Bestes Beispiel dafür sei seine 9. Sinfonie, deren Schlusschor seit 1985 die Europahymne ist. Dort heißt es nach Schillers Gedicht "Ode an die Freude": "Alle Menschen werden Brüder!"

Musik kennt keine Grenzen

Hugh Masekela beim Beethovenfest 2014.

"Musik ist überall" - Masekela beim Beethovenfest 2014

Der südafrikanischen Jazzer Hugh Masekela sollte beim Beethovenfest diesen völkerverbindenden Ansatz repräsentieren. Masekela setzte sich -genau wie seine verstorbene Frau, die Sängerin Mirima Makeba- während der Apartheid für die Rechte der Schwarzen ein. "Wir waren die unterdrückten jungen Leute, und wir wuchsen heran, um gegen das System anzukämpfen", erzählt der 75-jährige Trompeter im DW-Interview. Mit der Musik lasse sich allerdings keine Revolution gewinnen. Und wenn dem so wäre, dann wäre die Welt ein friedlicher Ort. Beethoven hätte das sicher gefallen.

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