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Kultur

Rohstoffboom bedroht prähistorische Kunstwerke

Würden die Briten Stonehenge abtragen, um ein Gaswerk zu bauen? Wohl kaum. In Westaustralien hingegen bedroht der Rohstoffboom Kunstwerke von unschätzbarem Wert: uralte Felszeichnungen der Aborigines.

Aborigine vor einem Schlangenbild in einer Höhle

Höhlen- und Felsenmalereien sind den australischen Ureinwohnern heilig

Sonnenaufgang über der Burrup-Halbinsel vor der Küste Westaustraliens. Im fahlen Tageslicht scheint die zerklüftete, felsige Steppe langsam zum Leben zu erwachen. Auf rötlichen Sandstein-Brocken und an den Wänden von Höhlen, die der Regen über Jahrtausende hinweg in das raue Gestein gegraben hat, werden Abbildungen sichtbar: Tiere, Menschen und Symbole. Sie erzählen die Geschichte der Wongoottoo, des Aborigine-Volkes, das diesen Landstrich seit mehr als 30.000 Jahren bewohnt. Ein prähistorisches Bilderbuch aus Stein.

"Die Weißen gehen in die Kirche, unsere Religion ist die Natur", sagt Myriam Hicks, eine der Stammesältesten. "Wir lesen dieses Land wie die Bibel. Es erzählt uns, woher wir kommen und wohin wir gehen." Es sind hunderttausende Kunstwerke, verteilt über die ganze Halbinsel, die weltgrößte Ansammlung von Fels-Zeichnungen. Doch das Fortbestehen dieser uralten, steinernen Freiluft-Galerie ist in Gefahr. Denn es gibt andere Reichtümer in diesem kargen, menschenleeren Landstrich an Australiens Westküste. Und die bedrohen die Kulturstätten der Ureinwohner.

Maschinenraum des Rohstoff-Booms

Felsenmalerei der Aborigines

Felsenmalereien der Aborigines im Australischen Museum Sidney

Am Pier der Barrup-Halbinsel ist rund um die Uhr Hochbetrieb. Unablässig bringen Lastwagen Eisenerz, Kohle und andere Bodenschätze aus dem Landesinneren zum Verlade-Hafen. Millionen Tonnen werden von dort jährlich in die ganze Welt exportiert. Neben der Anlegestelle dampfen die Schlote einer riesigen Düngemittel-Fabrik, eines Salz-Werkes und der größten Flüssiggas-Anlage der südlichen Erdhalbkugel.

Obwohl nur 27 Quadratkilometer klein, ist die Burrup-Halbinsel der Maschinenraum des australischen Rohstoff-Booms. Und als der gewaltige Industrie-Komplex, Straßen und eine Eisenbahnverbindung gebaut wurden, war die Felsen-Kunst der Aborigines dem Fortschritt im Weg.

Ureinwohner protestieren erfolglos

Umweltschützer und Ureinwohnergruppen sind wütend. "Wir trauern Tag und Nacht um das, was wir bereits verloren haben", sagt William Hicks vom Stamm der Wongoottoo. "Aber für die Verantwortlichen sind wir nur Ureinwohner. Mit uns kann man das machen. Wenn sich die Regierung ein Projekt wie dieses in den Kopf gesetzt hat, dann kann sie nichts davon abbringen."

Die Proteste der Ureinwohner beim australischen Kultur- und Umweltministerium blieben ohne Erfolg. Von 3700 bekannten Stellen mit Felszeichnungen sind bereits mehr als 1000 zerstört - mehr als ein Viertel.

Neues Gaswerk geplant

Jetzt soll ein weiteres Gaswerk entstehen, mitten im Gebiet der am besten erhaltenen Bildnisse. Fred Riebling von der Provinz-Regierung in Westaustralien verteidigt den Plan: "Wir haben 20, 30 Jahre davon geträumt, diese Gegend zu einer der wichtigsten Industrie-Regionen der Welt zu machen – und jetzt ist es soweit. Was sind schon ein paar alte Felszeichnungen gemessen am Wirtschaftsboom, der auf der Burrup-Halbinsel reiche Gewinne bringt. Ohne diese Gegend wäre Australien in einer Rezession."

Skyline von Melbourne

Seinen Wirtschaftsboom verdankt Australien auch dem Export von Rohstoffen - hier die Skyline von Melbourne

Anthroplogen wie Kunstexperten sind empört. Sie wollen jetzt die noch erhalten gebliebenen Fels-Zeichnungen unter Denkmalschutz stellen lassen. Den Ureinwohnern Westaustraliens sind die Burrup-Halbinsel und ihre urzeitliche Felsgalerie heilig. Für sie ist die mutwillige Zerstörung der bedeutendsten Kunstwerke ihres Volkes eine Tragödie, der daraus erwirtschaftete Wohlstand ein zweifelhafter Fortschritt. Denn die Aborigines wollen nur den Respekt, der der ältesten Kultur der Welt auch gebührt.

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