″Rocky″ in New York | Musik | DW | 01.04.2014
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Musik

"Rocky" in New York

Die Deutschen sind stolz: Die Hamburger Produktion des Musicals "Rocky" wird jetzt auch in New York gezeigt. Ist dieser erste Musical-Export auf den Broadway geglückt?

"Ich liebe die Musik, ich liebe meine Rolle, ich mag die Show. Es ist das beste was ich jemals gemacht habe", schwärmt "Rocky"-Darsteller Andy Karl. Er ist erschöpft und glücklich, als wir ihn nach der Show am Künstlerausgang des Winter Garden Theatre treffen.

Ein kräftezehrender Weg

Mehr als zwei Stunden hat er als "Rocky" auf der Bühne des berühmten Theaters am Broadway geliebt, gekämpft, geboxt und schließlich gewonnen. Vom einsamen Underdog bis zum gefeierten Boxstar war es ein langer, wahrhaft kräftezehrender Weg, Es ist Andy Karls bisher größte Rolle. Und dass er darin eine Filmfigur auf die Musical-Bühne bringt, die sich durch Sylvester Stallones ikonographische "Rocky"-Filme tief ins Gedächtnis ganzer Generationen eingebrannt hat, macht ihn auch ein bisschen demütig. "Rocky" sei ein sehr bescheidener Mensch, erzählt der Hauptdarsteller. "Ich tue alles, was ich kann, um diese Menschlichkeit zu zeigen."

Die Story der Musicalversion unterscheidet sich nur wenig vom Filmklassiker des Jahres 1976. Es geht um die Geschichte des Boxers Rocky Balboa, der mit seinem Verliererimage und seiner Einsamkeit kämpft. Völlig überraschend bekommt er die Chance seines Lebens, gegen den Champion Apollo Creed zu boxen, der souverän-großspurig von Terence Archie verkörpert wird.

Champion Apollo Creed im Fight mit Rocky (Foto: Matthew Murphy)

Der alles entscheidende Fight

Das Unmögliche geschieht: Er besteht gegen den übermächtig erscheinenden Creed und gewinnt dabei auch noch das Herz seiner Freundin Adrian - stimmschön: Margo Seibert. Sylvester Stallone war bei der Broadway-Premiere Mitte März dabei. Wie damals beim Film hatte er lange Zeit versucht, für die Musical-Version ein Theater zu finden. Am Ende war es Hamburg, wo das Musical erstmals auf die Bühne kam. Neben Stallone sind dort auch die Boxbrüder Klitschko finanziell engagiert.

Eine deutsche Produktion?

Die Aufführung auf dem Broadway findet parallel zu Hamburg statt, wo die Vorstellungen weitergehen. Von einer deutschen Produktion zu sprechen, wäre für Hamburg wie für New York eine freche Übertreibung. Die Hauptdarsteller wie die Musicalexpertise kommen direkt aus den USA. Zutreffender wäre also, wie die Deutsche Presse Agentur die Broadway-Aufführung als einen "Re-Import" zu bezeichnen.

Zäher Beginn

An diesem Freitag ist das Theater nur etwa zu zwei Dritteln gefüllt. Und am Beginn will die Vorstellung nicht so recht an Fahrt gewinnen.

Szene mit Rocky und Adrian (Foto: Matthew Murphy)

Die Darsteller überzeugen

Wie der einsame "Rocky" seine Schildkröten besingt, wie er weder bei dem Mädchen Adrian noch dem schmuddeligen Vorort-Boxclub landen kann, das zieht sich hin. Doch schließlich sind die Zuschauer begeistert, vor allem vom virtuosen Bühnengeschehen des zweiten Teils, der von "Rockys" Vorbereitung für den Kampf erzählt, Filmepisoden in Videoanimationen zitiert und in dem Aufeinandertreffen der beiden Boxer gipfelt.

"Rocky" kann mithalten

"Alles, was sie auf die Bühne gebracht haben, war wunderbar", sagt eine junge Frau nach der Aufführung. "Dass sie den Boxring in die Mitte des Raumes verlegt haben, war phantastisch." Und wirklich, als der Zuschauerraum in eine Boxarena verwandelt wird und der "Rocky"-Filmhit "Eye of the Tiger" die Stimmung aufheizt, sitzen die Zuschauer auf der Stuhlkante.

(Foto: Matthew Murphy)

Die Geschichte kommt erst im zweiten Teil in Fahrt

Die junge Frau und ihre Freunde haben Spiderman und andere Shows am Broadway gesehen. Doch "Rocky" aus Deutschland kann da mithalten: "100 Prozent, es ist genauso gut wie die amerikanischen Shows, auf jeden Fall." Gerade den männlichen Zuschauern hat das sportive Kräftemessen des zweiten Teils besser gefallen: Einer von ihnen ist selber Boxer. Er mag vor allem die Boxgeschichte: "Mehr Spannung, mehr Action, weniger Singen", begründet er sein Urteil kurz und bündig.

Ein Mädchen, das schon mehrmals in der Vorstellung war, harrt mit zwei Blumensträußen im Arm vor dem Künstlerausgang aus: "Es ist eine Show, zu der man alle mitnehmen kann: den Bruder, die Freunde."

Für Dakin Matthews, der "Rockys" Trainer spielt, ist dieses Musical "im Moment die aufwändigste Show am Broadway und die aufregendste", sagt er der Deutschen Welle. Mit Blick auf andere erfolgreiche Broadway-Produktionen meint er: "Ehrlich gesagt, sehe ich keinen Unterschied." Matthews würde seine Rolle gerne in Hamburg spielen, aber genauso wie "Rocky"-Darsteller Andy Karl spricht er nicht gut genug Deutsch.

New York Times urteilt kritisch

Adrian und Rocky umarmen sich (Foto: Matthew Murphy)

Adrian und der neue Champ haben zueinander gefunden

"Sentimental and schmaltzy" urteilte der Philadelphia Inquirer über das Musical. Die New York Times zeigte sich von der Musik von Stephen Flaherty enttäuscht und beklagte zu Recht, dass sich gerade im ersten Teil die Charaktere nicht weiterentwickeln. Das ist nicht nur eine Kritik am Textbuch von Thomas Meehan und Sylvester Stallone, sondern auch an Regisseur Alex Timbers. Mag sein, dass allzu viele New Yorker ihre Times gelesen haben und deswegen zu Haus geblieben sind.

Doch wer den zweiten Teil mit dem atemberaubenden 15-minütigen Boxkampf und der testosterongeladenen Atmosphäre erlebt hat, der wird es nicht bedauert haben, bis zu 150 Dollar für die Karte auf den Tisch gelegt zu haben. Schließlich bringt es Jennifer Mudge auf den Punkt, die in "Rocky" in einer Nebenrolle zu sehen ist: "Its very Broadway, its very fun."

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