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Deutschland

Rockerbanden im Visier der Staatsgewalt

Sie heißen "Hells Angels" oder "Bandidos" und sind keine harmlosen Clubs. Die kriminellen Rockerbanden bringen die Polizei an ihre Grenzen, Politiker wollen sie verbieten.

Korruption, Körperverletzung, Drogen-, Menschen- und Waffenhandel und sogar Mord konnten Mitgliedern von Rockerbanden schon nachgewiesen werden. Im größten Bundesland, Nordrhein-Westfalen wird aktuell in einem guten Dutzend Strafsachen ermittelt. Rund 6000 Mitglieder zählen die Rockergruppen bundesweit. Besonders auffällig sind dabei die "Hells Angels".  

Auf ihren Jacken sind Totenköpfe aufgenäht, ihre Motorräder sind Symbol der Freiheit, die sie sich einfach nehmen. Besonders im Kampf gegen andere Gruppen sind Rocker äußerst gewaltbereit, registrieren Polizeibeamte der Landeskriminalämter. Die Macht in den Revieren verteidigen die nach Städten organisierten Männer mit allen Mitteln. Bei den Kämpfen der "Hells Angels" gegen die Motorradgruppe "Bandidos" in Köln mussten unlängst Hunderte Polizisten mitten in der Stadt aufmarschieren, um das Schlimmste zu verhindern.

Polizisten nehmen ein Mitglied des Motoradclubs Bandidos in Neumünster in Gewahrsam (Foto: dpa)

Razzien bei Rockergruppen nehmen zu

Im Ruhrgebiet wurde jetzt ein 49 Jahre altes Mitglied der Rockervereinigung "Bandidos" erschossen neben seinem Motorrad aufgefunden. Die Staatsanwaltschaft Essen ermittelt. Morde an Rockern hat es bereits 2007 in Münster und 2009 in Duisburg gegeben. Die Bandidos sind im  Ruhrgebiet der vorherrschende Club. Die "Hells Angels" wollen ihnen dieses Gebiet streitig machen. Es geht um finanzielle Interessen bei Geschäften mit Drogen und den Betrieb von Bordellen.

Auch in Norddeutschland bekämpfen sich die Rocker. Dort haben die "Hells Angels" einen Machtvorsprung. Wegen Drogengeschäften soll ein 47 Jahre alter Türke mit den "Hells Angels" in Konflikt gekommen sein - seit zwei Jahren ist der Türke verschwunden. Seit Tagen untersucht die Polizei eine Lagerhalle in der Nähe von Kiel. Stück für Stück wird dort das Fundament der Halle abgetragen. Dort nämlich, so vermutet die Polizei, sollen die "Hells Angels" den Türken in den Boden einbetoniert haben. Die Suche dauert an.

Ermittlungen gegen Rockerbanden schwierig

Polizisten demontieren auf dem Gelaende des Vereinsheim der Rockerbande Hells Angels MC Charter Flensburg in Flensburg, Schleswig-Holstein, ein Schild, das auf den Verein hinweist (Foto:apn)

Razzia im Vereinshaus der "Hells Angels Schleswig-Holstein"

Mit groß angelegten Razzien versucht die Polizei gegen die Rockerbanden vorzugehen. Es drohen nämlich auch völlig unbeteiligte Bürger Opfer der Auseinandersetzungen zu werden. Rund 1200 Beamte durchsuchten in dieser Woche in Kiel, Hannover und Hamburg Bordelle, Kneipen und Wohnungen, um Beweise für Straftaten zu finden. Dabei mussten Berliner Polizisten fassungslos feststellen, dass vor ihrer aktuellen Razzia alle vermuteten Beweise beseitigt wurden. Die verdächtigten "Hells Angels" trugen sogar statt Jacken mit Totenköpfen, weiße T-Shirts. Sie hatten rechtzeitig einen Tipp bekommen. Und der könnte von einem Sympathisanten aus den Reihen der Polizei selbst gekommen sein. Berlins Innensenator, Frank Henkel, ist entsetzt.

Hier offenbart sich das Hauptproblem: Mitglieder der Rockerbanden, meist Männer im Alter von 40 bis 50 Jahren und mit guter Ausbildung, gehen einem geregelten Beruf nach. Sie wohnen teilweise sogar unauffällig im eigenen Häuschen mit Vorgarten. Rocker sind gut vernetzt und haben einen strengen, selbst auferlegten Ehrenkodex. "Wir erhalten deshalb keine Aussagen", bringt Frank Schleiden vom Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen ein Dilemma der Polizei auf den Punkt. "Dass selbst ein geschädigtes Bandenmitglied Täter verrät, kommt nicht vor. Die Gruppen schotten sich komplett ab und regeln die Dinge unter sich." Und noch etwas erschwert die Ermittlungen: Nach deutschen Gesetzen reicht es nicht aus, wenn einzelnen Mitgliedern einer Rockerbande eine Straftat nachgewiesen werden kann. "Wir müssen beweisen, dass die Straftaten typisch für eine ganze Gruppe sind", beschreibt Frank Schleiden die Voraussetzung für ein Verbot einer Rocker-Vereinigung.

Eine Gruppe Hells Angels ist auf Motorrädern unterwegs (Foto: DW)

"Hells Angels" unterwegs

Verbote von Rockergruppen setzen sich durch

In Nordrhein-Westfalen gelang die geforderte Beweisführung und es konnten bereits Anfang April zwei Clubs der "Hells Angels" in Köln aufgelöst werden. Dabei wurde auch das Vereins-Vermögen der "Hells Angels MC Cologne" und der "Red Devils MC Cologne" eingezogen. "Wenn Machtsymbole wie die Jacken nicht mehr getragen werden können, scheint auch die Macht der Gruppe gebrochen zu sein", beschreiben Ermittler in Norddeutschland die Situation nach dem Verbot einer Vereinigung in Kiel und Neumünster. Für ein allgemeines Verbot von Rockergruppen möchte sich Berlins Innensenator Frank Henkel einsetzen. Immerhin verbot er in der Hauptstadt die einflussreichste Rockergruppe. Auch nach der jüngst missglückten Razzia in Berlin gibt er sich zuversichtlich: "Es ist der richtige Schritt in die richtige Richtung, dem organisierten Verbrechen in Deutschland noch stärker entgegen treten zu können."

Nach einem Treffen der Innenminister der Länder am Freitag (01.06.2012) kündigte Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich an, ein bundesweites Verbotsverfahren einleiten zu wollen. Sollte die Auswertung der Razzien in den vergangenen Wochen Beweise für koordinierte kriminelle Strukturen ergeben, gebe es "kein Ermessen, bundesweite Verbote auszusprechen".

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