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Kultur

Robert Koall: "Manchmal muss man einfach nur losfahren"

Das Video der eingeschüchterten Flüchtlinge im Bus hat auch Robert Koall betroffen gemacht. Der Chefdramaturg am Staatsschauspiel Dresden fuhr spontan nach Clausnitz, um sich mit den Flüchtlingen zu treffen.

Robert Koall engagiert sich schon seit längerem gegen Pegida und Fremdenhass. Von den Bildern aus Clausnitz ist er geschockt. So geschockt, dass er kurzerhand selbst dorthin fährt, um sich ein Bild von der Lage zu machen, und die Flüchtlinge zu treffen. Seine Erlebnisse und Begegnungen schildert er in einem Post auf Facebook. Der Post wird tausendfach geliked und geteilt, Robert Koalls Aktion bekommt viel positiven Zuspruch. Im Interview mit der DW erzählt er von seinem Besuch in Clausnitz und beschreibt die Möglichkeiten des Theaters, zu einer offeneren Gesellschaft beizutragen.

DW: Es gab schon viele Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte und Hetzaktionen gegen Flüchtlinge. Was hat Sie dazu bewegt jetzt nach Clausnitz zu fahren?

Robert Koall, Chefdramaturg am Staatsschauspiel Dresden, Foto: Thomas Rabsch

Robert Koall, Chefdramaturg am Staatsschauspiel Dresden

Robert Koall: Das war eine private Aktion und es war einfach auch eine private Betroffenheit. Es war sozusagen eine emotionale Übersprungshandlung. Ich habe wie viele andere auch dieses Video gesehen und habe es einfach nicht ertragen können, wie da mit diesen Leuten umgesprungen wird. Sowohl von den Menschen, die dort gewartet haben, als auch von der Polizei. Clausnitz ist nun einmal nahe meines Wohnortes gelegen und deswegen dachte ich mir: Ich fahr da mal hin. Es gab kein konkretes Anliegen, außer dass ich mir gerne ein Bild machen wollte und die Hoffnung hatte, vielleicht mit diesen Leuten sprechen zu können und sich ein bisschen diese Schwärze von der Seele zu nehmen.

Mit welchen Erwartungen sind Sie nach Clausnitz gefahren?

Ich bin da mit einem vollkommen offenem Ausgang hingefahren. Ich hatte eigentlich auch gar nicht damit gerechnet, dass ich überhaupt bis zum Haus komme, weil ich dachte, dass es bestimmt bewacht oder abgeschottet ist. Aber ich war sehr überrascht von der Situation und wurde bestätigt, dass diese Aktion richtig war – denn manchmal muss man offenbar einfach nur losfahren. Es war ganz einfach, mit den Menschen in Kontakt zu treten und es war das Schönste an dem ganzen Erlebnis.

In einem Interview mit der dpa sagt eine in dem Haus untergebrachte Syrerin, dass sie Angst hätte, nicht schlafen könnte und sehr enttäuscht sei. Wie haben Sie die Stimmung der Flüchtlinge in Clausnitz wahrgenommen?.

Ich habe mit zwei Parteien gesprochen und es fällt mir aufgrund der Sprachbarriere schwer, das einzuschätzen. Wir haben ja auch nicht zwei Stunden beim Tee zusammengesessen, sondern hatten nur kurz Kontakt miteinander. Ich war aber überrascht davon, wie selbstbewusst und fröhlich die Stimmung dort war. Das war ja meine Angst, dass ich auf lauter geknickte, eingeschüchterte Menschen treffe. Aber ich habe dort selbstbewusste Menschen kennengelernt, die einen Plan haben. Wie ich später in der "Süddeutschen" gelesen habe, haben sie gesagt: Wir wollen ins Dorf gehen. Die Leute werden schon merken, dass man mit uns auch ganz normal umgehen kann. Diese Haltung finde ich bewundernswert

Der Bürgermeister vom Ort Rechenberg-Bienenmühle, zu dessen Kreis Clausnitz gehört, sagte, die Flüchtlinge würden bleiben, wenn es für sie dort eine Perspektive gebe. In Ihrem Facebook-Post klingt es, als gebe es in diesem Ort keine.

Aggressive Demonstranten beleidigen in einem Bus ankommende Flüchtlinge. Screenshot: YouTube/Thomas Geyer

"Wir sind das Volk!" rufen Asylgegner den ankommenden Flüchtlingen entgegen.

Es war eine private Aktion und ich hatte nicht die geringste Ahnung, dass der Facebook-Post einen solchen Weg nehmen würde. Sonst hätte ich mich konkret nach diesen Perspektiven erkundigt. So war es ein emotionaler, subjektiver und situativer Eindruck, der bei mir die Frage aufwarf, ob es diese Perspektiven gibt. Vielleicht gibt es sie. Mittlerweile hört man ja aus Clausnitz, dass es dort jede Menge Leute gibt, die auch tätig werden wollen. Vielleicht passiert ja ein Wunder, und genau in der Dorfgemeinschaft, in der die Anonymität abgestellt ist, kann etwas entstehen. Das fände ich ganz toll.

Aber bei dem ersten Eindruck von diesem Dorf, wenn man vor dem Haus steht, dann fragt man sich: Wo sollen hier Bildungsangebot sowie berufliche und soziale Perspektiven herkommen? Ich habe da so meine Zweifel. Das hat gar nichts mit Sachsen zu tun, das hat einfach was mit Provinz und mit fernab Sein zu tun. Der Weg nach Clausnitz vermittelt das Gefühl, doch sehr weit weg von den Metropolen zu sein. Man fährt durch eine Landschaft, von der man das Gefühl hat, sie entvölkere sich langsam. Und das hat diesen Zweifel entstehen lassen, den ich in diesem Post geäußert habe. Ich fände es fantastisch, wenn die Gemeinde von Clausnitz das Gegenteil beweist.

Sie haben in der Vergangenheit beklagt, dass sich zum Beispiel in Dresden zu wenige Menschen offen mit Flüchtlingen solidarisieren. Was glauben Sie: Wie können Bürger, die gegen Pegida und Ausländerfeindlichkeit sind, noch stärker aktiv werden?

Sich offen äußern, sich offen zeigen und aktiv werden. Und: Es tut mir sehr leid, wenn ich jetzt so wahnsinnig protestantisch klinge – auf die Leute zu gehen. Es ist so einfach und es klappt glaube ich nur über die persönliche Begegnung und den privaten, direkten Dialog. Und ich sage es noch einmal: Ich hoffe, dass in den abgelegenen Gebieten und den kleinen Gemeinschaften Anonymität gar nicht möglich ist, sondern man gezwungen ist, miteinander umzugehen und auch die Einwohner gezwungen sind, auf diese Menschen zuzugehen

In einer Solidaritätsaktion werden Sachspenden für die Flüchtlinge in Clausnitz gesammelt, Foto: Hendrik Schmidt/dpa .

In einer Solidaritätsaktion werden Sachspenden für die Flüchtlinge in Clausnitz gesammelt

Das große Problem, das wir in Sachsen mit dem Rassismus und mit der Angst vor dem Fremden haben, das hat – nicht ausschließlich, aber sicherlich zu einem großen Teil – auch damit zu tun, dass es den Kontakt nicht gibt. Weil es hier so wenige Fremde gibt. Deswegen habe ich vor einem Jahr einmal polemisch gesagt: Wir brauchen hier viel viel mehr Ausländer und Flüchtlinge, damit die Leute sehen, dass es keinen Grund zur Angst gibt. Und mittlerweile meine ich das gar nicht mehr polemisch.

Sie selbst haben als Chefdramaturg des Schauspiels Dresden die Flüchtlingssituation und die Fremdenfeindlichkeit in Inszenierungen von Stücken wie "Graf Öderland" von Max Frisch aufgenommen. Wie kann das Theater oder Kunst allgemein positiv dazu beitragen, etwas zu ändern?

Ich glaube, Theater und Kunst allgemein muss sich immer wieder als Institution kenntlich machen – oder als ein Ort, der nicht im luftleeren Raum stattfindet, sondern in der Welt steht und sich mit der Welt verbindet und die Themen aufgreift, die gerade in der Welt verhandelt werden. Es geht nicht darum, Kunst um der Kunst Willen zu machen, es geht darum, Kunst um der Welt Willen zu machen. Das ist, glaube ich das, was wir leisten können.

Wir machen auf und auch neben der Bühne immer wieder Angebote, wo wir sagen: Wir möchten gerne der Ort sein, an dem man sich mit diesen Themen auseinandersetzt, der dazu aufruft, mit dabei zu sein. Wir möchten aber vor allen Dingen große Räume der Vergemeinschaftung schaffen. Das klingt jetzt auch schon wieder so protestantisch, aber wir wollen einfach zeigen: Ihr seid mit eurer Haltung nicht allein, sondern wir sind viele und können zusammen etwas auf die Beine stellen. Das ist etwas, was Theater sehr wohl kann und das kann es auch jenseits der Kunst.

Sie haben einmal gesagt, im Theater säßen Leute, die sowieso offen und neugierig auf die Welt seien. Haben Sie die Hoffnung, dass im Theater auch Menschen erreicht werden können, die Angst vor einer Überfremdung haben und zurzeit diesen Hass streuen?

Da bin ich ambivalent. Ich weiß nicht, ob ich das mit fester Überzeugung glaube, aber ich hoffe es. Es gibt immer wieder Situationen, wie Publikumsgespräche nach Stücken, die das thematisieren. Leute kommen miteinander ins Gespräch, tauschen wiederstreitende Meinungen miteinander aus, auch ohne sich nachher einzunorden. Aber man hat das eine Argument und das andere Argument gehört und hat sich nicht den Kopf eingeschlagen. Oder aufgehört, miteinander zu reden, was eine Gefahr ist, die hier gerade besteht. Wenn wir aufhören miteinander zu reden, haben wir verloren. Damit das Gespräch bleibt, damit der Diskurs bleibt, damit eine Neugier aufeinander bleibt, ist Theater glaube ich ein gutes Mittel.

Das Gespräch führte Ruben Kalus

Robert Koall wurde 1972 in Köln geboren. Von 1995 bis 1998 war er Assistent vom bekannten Regisseur und Autor Christoph Schlingensief. Anschließend war er als Dramaturg in Hamburg, Zürich und Hannover tätig. Seit 2009 ist er Chefdramaturg am Staatschauspiel Dresden. Nach Ende der laufenden Spielzeit wechselt er ans Schauspielhaus Düsseldorf.

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