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Sport

Robert Harting, der Unbequeme

Er ist Olympiasieger, Welt- und Europameister und nun auch Sportler des Jahres 2012. Robert Harting – der Mann mit dem Diskus, dem Urschrei und den zerfetzten Trikots. Aber hinter der Fassade steckt noch weit mehr.

Robert Harting zerfetzt sein Trikot nach dem Olympiasieg in London (Foto: REUTERS/Kai Pfaffenbach)

Robert Harting zerfetzt sein Trikot nach dem Olympiasieg in London

Der Sieg steht fest und dann geht es los: Mit einem Urschrei reißt sich Diskus-Hüne Robert Harting sein Trikot vom Oberkörper. Es folgt eine Ehrenrunde mit der deutschen Fahne und einige Sprünge über die zufällig auf dem Weg stehenden Hürden. Die 80.000 Zuschauer im voll besetzten Londoner Olympiastadion sind begeistert. Das war am 7. August 2012. Der 27-Jährige holte mit 68,27 Metern das erste deutsche olympische Leichtathletik-Gold seit den Spielen in Sydney 2000. Damit hatte der Kraftprotz innerhalb von 365 Tagen ein seltenes Triple geschafft: Seinen zweiten WM-Titel feierte er im August 2011 in Daegu in Südkorea, in Helsinki wurde er am 30. Juni Europameister – und dann in London Olympiasieger. Mit zehn Jahren hatte Robert Harting als Handballer angefangen, 17 Jahre später war der 126 Kilogramm schwere Leichtathlet am Ziel. Und nun ist er auch als erster Diskuswerfer Deutschlands "Sportler des Jahres".

Hart und unbequem

2005 machte der Zwei-Meter-Mann auch international auf sich aufmerksam, als er Junioren-Europameister im Diskuswerfen wurde. Er sollte auch für die WM der Erwachsenen nominiert werden, doch erstmals schlug das Verletzungspech zu, das ihn in seiner Karriere immer wieder begleiten sollte. 2011 fuhr er schon gehandicapt zur WM nach Daegu. Eine Entzündung der Patellasehne machte ihm das Werfen teilweise zur Qual, es bestand sogar die Gefahr eines Sehnenrisses. Das konnte Harting aber nicht abschrecken. Er kämpfe bis zum Schluss "und wenn die Sehne reißt". Angesichts seiner latenten Knieprobleme trainiert der in Berlin lebende Athlet ständig über den Schmerz. "Es ist, als ob du die Hand einfach auf der heißen Herdplatte liegen lässt."

Robert Harting mit seiner Gold-Medaille bei der WM in Daegu (Foto:Martin Meissner/AP/dapd)

In Daegu präsentiert Robert Harting sein WM-Gold - seine "Kriegsbemalung" verhalf zum Sieg

Seine "große Klappe" trägt er oft, gerne und bewusst zur Schau: Am Rande der Heim-WM in Berlin 2009 beispielsweise hatte er sich für die Freigabe von Doping ausgesprochen und ätzte gegen eine Gruppe von DDR-Dopingopfern. Der Leichtathletik-Verband entschuldigte sich anschließend in seinem Namen für die "unbedarften" Aussagen. Harsche Kritik verabreichte der in Berlin lebende Athlet auch Thomas Bach. Den Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes bezeichnete Harting als "selbstgefällig und einfach blass". Bach reagierte gelassen und fast väterlich als er meinte: "Der eine oder andere wirft schon mal mit dem polemischen Diskus."

Widersprüchlich und zielstrebig

Ein "Durchschnittstyp" ist Harting schon aufgrund seiner Eigenarten nicht: Auf der einen Seite wird der gebürtige Spreewälder als Sportsoldat gefördert und hat Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation an der Berliner Universität der Künste studiert. Auf der anderen Seite präsentiert er sich auf seiner Homepage "DerHarting" auch mal in Ketten und bezeichnet sich gleichzeitig als Unternehmer und sensiblen Künstler. Vor London irritierte Harting seine Fans mit einem Interview, in dem er sich als ein von Selbstzweifeln geplagter Athlet mit Beinahe-Burnout offenbart. "Um nicht zu zerbrechen", müsse er unbedingt sein erstes Olympiagold holen: "Ich brauche diesen Sieg, um die negativen Sachen aus meinem Leben zu spülen."

Der mittlerweile 28-Jährige, der sich vor Topevents so wörtlich "als Kriegsbemalung" seinen Bart kunstvoll rasiert, setzt sich gezielt unter Druck, um am Ende wieder der Sieger zu sein. Dass er 2013 in Moskau sein drittes WM-Gold nach 2009 und 2011 holen will, hat der Mann vom SCC Berlin mit einer Bestleistung von 70,66 Meter schon angekündigt. Dann ist es auch wieder Zeit das Trikot zu zerfetzen. "Meine Art, Gefühle rauszulassen", sagt der Mann, der längst vom zweiten Olympiagold 2016 träumt: "Ich möchte mich dann mit der Medaille an den Strand legen, durch den Sonnenbrand einen riesengroßen Abdruck erzeugen, so dass die Medaille immer an meinem Körper ist."

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