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Alltagsdeutsch – Podcast

Ritter

Ehre, Treue, Anstand - das halten wir für ritterliche Tugenden, und die Begeisterung für das Mittelalter ist weit verbreitet. Doch waren die Ritter wirklich ritterlich? Und wollen wir wirklich in ihrer Zeit leben?

Sprecher:

Pferde, Abenteuer und die Bewunderung schöner oder gar reicher Frauen. Ist von den Rittern die Rede, so darf geträumt werden. Je länger das Mittelalter zurückliegt, desto stärker wird es romantisiert. Etwa beim Besuch einer Burg. Eva Kellermann führt Besucher durch die Sparrenburg in Bielefeld.

O-Ton:

"Die Burg hat der Ravensberger Graf hier gebaut. Man sagt, vor 750 Jahren. Hier waren Soldaten stationiert, eben zum Schutz der aufblühenden Stadt Bielefeld und zum Schutze dieser Zollstation, und es waren Verwaltungsbeamte hier auf der Burg, die natürlich auch hier die Steuersünder in dieses Gefängnis eingelocht haben."

Sprecherin:

Nicht nur Steuersünder werden nach ihrer Verurteilung ins Gefängnis gebracht. Umgangssprachlich nennt man dies, sie kommen ins Loch oder sie werden eingelocht. So hindern sie auch die Stadt nicht länger daran, aufzublühen. Ursprünglich auf Knospen bezogen, die sich entfalten, meint dieser Ausdruck im übertragenen Sinn: sich gut entwickeln. Blüht eine Stadt auf, so nimmt sie zum Beispiel wirtschaftlichen Aufschwung.

Sprecher:

Einmal im Jahr findet in Bielefeld ein Mittelalter-Fest statt, eine lebendige Veranstaltung, die von Tausenden besucht wird.

O-Ton:

"Dann seid Ihr der Zauberei mächtig? Marktvogt! Henker! Absonderlich!, Habt Ihr die Obrigkeit gesehen? Schafft sie herbei an die Stätten. Ein Recke, der Übles im Schilde führet mit einem Zauberknochen." "Ich hätt' als rechte Hand vom Vogt dafür zu sorgen, dass das Lumpenpack in die Grenzen gewiesen wird, dass jeder sich an die Ordnung hält, die der Vogt verlesen wird zur Markteröffnung und ansonsten das, was der Vogt mir befiehlt wohl."

Sprecherin:

Lange Stangen dienen als Absperrung etwa eines ritterlichen Turnierplatzes: Schranken. Forderte jemand einen anderen in die Schranken, so forderte er ihn zum Kampf auf. Besiegte der ihn, so wies er ihn in seine Schranken, das heißt, er zeigte dem Gegner die Grenzen seiner Kampffähigkeiten auf. Hieraus entstanden die Redewendungen in die Grenzen weisen oder in die Schranken weisen. Heute bedeutet dies, jemanden – auch ohne zu kämpfen – zur Mäßigung zu ermahnen oder ihn zurechtzuweisen.

Der Schild eines Ritters diente der Verteidigung. Ihn zierte ein persönliches Erkennungszeichen: das Wappen. Wer diesem Ritter nun gegenüber trat, erkannte am Wappen, ob es sich um Freund oder Feind handelte. Etwas im Schilde zu führen, bedeutet heute, etwas insgeheim zu planen. Das in unserem Beispiel verwendete Wort Recke ist ein veralteter Begriff für Krieger.

Sprecher:

Etwa 150 Kilometer nordwestlich von Bielefeld entfernt, empfängt uns Oskar Prinz zu Bentheim und Steinfurt und führt uns durch die Burganlage in Bad Bentheim, die schon im Jahr 1116 erwähnt wurde.

O-Ton:

"Einerseits sehe ich mich durchaus hier auch als Unterhalter, und die Leute wollen auch ein bisschen Mittelalter erleben. Auf der anderen Seite, so mit diesen Mittelaltermärkten und so was, da habe ich immer so ein bisschen meine Bedenken, ob das alles so richtig ist. Es ist manchmal ‚ein bisschen viel Klamauk dabei, aber das ist Geschmacksfrage. Als Historiker bin ich schon bemüht, mir da ein richtiges Bild zu machen und, soweit ich es kann, eben auch den Besuchern hier in der Burg ein doch sauberes Mittelalterbild oder ein richtiges Mittelalterbild zu vermitteln."

Sprecherin:

Der Begriff des Unterhalters ist nur selten gebräuchlich. Er leitet sich nicht davon ab, dass eine Burg unterhalten, also finanziert werden muss, sondern zielt auf die Unterhaltung des Publikums ab, dem auf angenehme Weise die Zeit vertrieben werden soll.

Sprecher:

Prinz Oskars Bestreben, ein sauberes Bild vom Mittelalter zu vermitteln, soll nicht auf die damaligen hygienischen Zustände anspielen, er will vielmehr die Wirklichkeit möglichst seriös darstellen, ohne Klamauk - ein ebenso abwertender wie lautmalender Begriff für eine lärmende Veranstaltung.

Sprecherin:

Ehre, Treue, Mäßigung, Anstand, Freigiebigkeit, feine Sitten und höfische Bildung, etwa das Schachspiel, gehören zu den ritterlichen Idealen und begünstigen, dass der Begriff ritterlich im 19. Jahrhundert vom Ständischen ins Ethische übertragen wurde. Die Wirklichkeit im 12. Jahrhundert war jedoch eine andere: Petrus von Blois schrieb: "Sobald sie mit dem Rittergürtel geschmückt sind, plündern und berauben sie die Diener Christi und unterdrücken erbarmungslos die Armen. Sie geben sich dem Nichtstun und der Trunkenheit hin, sie schänden den Namen und die Pflichten des Rittertums."

Sprecher:

Ritter, das waren eben – ganz unromantisch – schwer gepanzerte Krieger zu Pferd. Daher haben einige unserer Redewendungen, die aus der Zeit des Rittertums stammen, in den Waffengängen und Duellen ihren Ursprung.

O-Ton:

"Zum Beispiel‚ eine Lanze für jemanden brechen. Das geht auf die Turniersituation zurück. Man hat ja oft für eine Dame ein Turnier gefochten, bekam dann ein Stückchen von ihrer Kleidung, einen Schleier oder manchmal auch einen Ärmel, den man abknöpfen konnte. Den hat man sich dann an der Rüstung befestigt und hat dann den zerhauenen und zerstoßenen Ärmel zurückgegeben als Liebesbeweis."

Sprecherin:

Im Fechtkampf hat die Redewendung sich eine Blöße geben ihren Ursprung. Eine ungeschützte, bloß liegende Stelle birgt die Gefahr, verletzt zu werden. Heute bezieht man dies vor allem auf seelische Verletzungen. Dann hilft es, wenn jemand für einen eine Lanze bricht, also entschieden für einen einsteht.

Sprecher:

Innerhalb einer Viertelstunde konnten Ritter ihre schweren Rüstungen anlegen, ihre Harnische. Sprechen wir jedoch heute davon, dass jemand in Harnisch gebracht wird, so meinen wir nicht, dass er sich eine Rüstung anlegen lässt, sondern, dass er zornig wird. Früher griffen die Ritter dann zu Schwertern, wie sie Prinz Oskar uns präsentiert.

O-Ton:

"Es sind zwei Biedenhänderschwerter, die wir hier vor uns haben, also zwei Zweihänder, die mit zwei Händen geführt wurden, und das waren Schwerter für die Landsknechtstruppen, die vorne weg gingen und das so über den Kopf schwangen, in die feindliche Truppe hinein. Und das waren die so genannten Gassenhauer, die also einen Weg vorbereiteten in die feindliche Truppe hinein, eine Bresche schlugen, und daraus hat sich dieser Begriff Gassenhauer entwickelt."

Sprecherin:

Das frühneuhochdeutsche Wort hauen war ein derbes Wort für gehen. Doch die Bedeutung des Begriffs Gassenhauer hat im Laufe der Zeit eine sehr starke Wandlung erfahren. Seit dem 16. Jahrhundert meinte man damit ein auf der Straße gesungenes Lied, welches viele Menschen leicht mitsingen können. In den letzten Jahrzehnten ist der Begriff Gassenhauer jedoch ein wenig aus der Mode gekommen: zugunsten des englischen Hit oder - ganz modern - Chartbreaker.

Sprecher:

Schätzungsweise zehntausende Mittelalter-Begeisterte gibt es in Deutschland. Viele betreiben es als Hobby. Ullrich Brand hingegen machte es zu seinem Beruf, die Lebensumstände früherer Zeiten zu vermitteln. Im Historischen Museum in Speyer gibt er Einblicke in ritterliche Festlichkeiten:

O-Ton:

Bei großen Anlässen gab es beim Hochadel einen Ehrenposten an der Tafel, der Aufschneider. Der hat mit großen Messern die Speisen tranchiert, zerlegt und dann diese zerlegten Stücke mit dem breiten Messer gleich auf die Teller verteilt, die dann weiter verteilt wurden. Es war ein Ehrentitel, waren meistens Adelige. Dieser Titel bei Hofe hatte auch noch einige Privilegien, aber man musste eben nur tranchieren, also da war nicht mehr dahinter. Deswegen eben dieser Begriff: Das ist ein Aufschneider, also der macht nur Mordsschau, aber viel ist nicht dahinter, ja."

Sprecherin:

Die Silbe Mords- wirkt in der Umgangssprache als eine emotionale Verstärkung. Macht in unserem Beispiel der Aufschneider eine Mordsschau, so zieht er mit einer im Grunde einfachen Handlung viel Beachtung auf sich. Die Bezeichnung Aufschneider wertet heutzutage jemanden ab, der übertreibt, und ist alles andere als ein Ehrentitel, wie damals an der ritterlichen Tafel. Diese wird nach dem Mahl aufgehoben, und zwar im Wortsinn: Der Tisch wurde an die Wand gestellt, um Platz zum Tanzen zu schaffen.

Sprecher:

Die Ausbildung zum Ritter begann im Alter von 7 Jahren. Man wurde Page, später Knappe und mit 21 Jahren in einer feierlichen Zeremonie, der Schwertleite, zum Ritter ernannt.

O-Ton:

"Bei der Schwertleite hat man normalerweise Sporen mit angelegt bekommen, aber es gab auch eben die Sitte, dass man erst sich eben im Kampf oder im Turnier behaupten musste, aber das war eben in dieses gesamte Werden eines Ritters mit eingebunden, das war also ein Prozess, der dann abgeschlossen wurde durch diese feierliche Schwertleite im dreizehnten Jahrhundert. Man bekam das Schwert umgegürtet – Ritterschlag kommt erst später auf – und die moderne Form mit dem Auflegen des Schwertes auf die Schultern, das ist auch überhaupt erst neuzeitlich."

Sprecherin:

Neben dem Schwert erhielt der eben ernannte Ritter seine ersten Sporen für sein Pferd. Auch heute noch sagen wir, dass sich jemand seine Sporen verdienen muss und meinen damit, er muss sich bei einem Auftrag bewähren.

Sprecher:

Mittelalterliche Burgen vereinen die Repräsentation mit dem wirtschaftlichen und militärischen Leben. Ursprünglich als Training für die Krieger gedacht, entwickelten sich die Ritterturniere zu einem gesellschaftlichen Ereignis.

O-Ton:

"Natürlich, es gab diese Turniere und wer eine gewisse Erfahrung in den Turnieren hatte, der konnte dann eben auch im sozialen Ansehen natürlich aufsteigen. Also, wer sich immer davor gedrückt hat, weil ihm das zu gefährlich war, der zählte dann natürlich auch nicht viel. Und außerdem: Man musste sich ja auch für den Kampf erproben als ein alter Haudegen hinterher, nicht?"

Sprecherin:

Der Begriff Haudegen bezeichnete ursprünglich nur die Waffe selbst, einen zweischneidigen Degen. Im Laufe der Zeit wurde er aber übertragen, zunächst auf einen im Kampf erfahrenen Soldaten, der diese Waffe führte, danach auf eine – auch verbal – angriffslustige Person, die keinem Konflikt aus dem Weg geht, oder, wie man auch sagen könnte, die sich nicht drückt.

Sprecher:

Der Ernstfall bestand für einen Ritter zum Beispiel in der Verteidigung der Burg:

O-Ton:

"Ja, und wenn dann hier an der Tür herum gearbeitet wurde, dann, wenn die Äxte und der Rammbock zum Einsatz kamen, dann wurde Pech gegossen, und in diesem Topf war siedendes Öl drin, vermengt mit Harz, was klebte, und wenn Holzkohle hergestellt wird, dann gibt es einen Rückstand, das sind so dicke schwarze schmierige Klumpen, die wurden da auch noch hinein gerührt. Und wer das Pech über Kopf und Kragen bekam, ist damals daran gestorben. Man konnte vor lauter Schmerz die Hände ans Gesicht schlagen, da hat man mit den Fingerkuppen die eigene Gesichtshaut oder die Augenlider gleich mit abgenommen. Und das waren eben die Leute, die Pech gehabt hatten."

Sprecherin:

Pech zu haben, das hat heutzutage in den seltensten Fällen gleich tödliche Konsequenzen. Auch bedarf es nicht mehr der körperlich schmerzhaften Erfahrung des heißen Pechs. Mit Pech haben bezeichnet unsere Umgangssprache ein Missgeschick oder einen Misserfolg, etwa bei einer Prüfung, kurz: Dinge verlaufen nicht so, wie sie sollen. Das Pech bekamen Angreifer einer Burg über Kopf und Kragen geschüttet. Diese Alliteration ist einem weiteren Ausdruck unserer Alltagssprache entnommen: Kopf und Kragen riskieren. Diese Redewendung führt zurück auf die Vollstreckung der Todesstrafe durch das Schwert oder den Strick. Das Wort Kragen wird hier im Begriff von Hals gebraucht. Eine weitere Erklärung bedient sich der Französischen Revolution: Wer auf der Guillotine endete, dem wurde zuvor der Kragen entfernt, damit das Beil nicht im Stoff stecken blieb. Doch ganz gleich, welcher Theorie man sich anschließt: Wer Kopf und Kragen riskiert, der setzt sein Leben oder seine wirtschaftliche Existenz aufs Spiel.

Sprecher:

Auch die Burg Bentheim wurde oft belagert. Ihre Feinde ersannen im Laufe der Jahrhunderte immer neue Techniken.

O-Ton:

"Gerade so in der Renaissance war eben eine der Belagerungstechniken, dass man versucht hatte, Stollen unter die Mauern einer Burg zu treiben, unter die Türme zu treiben. Man musste also das untergraben und dann hat man, so richtig wie im Bergbau, hat man also da Stollen vorgetrieben und die mit Holz abgestützt, und wenn man den Stollen weit genug vorgetrieben hatte und das breit genug unterwühlt war, dann hat man sich zurückgezogen, diese Holzstützen angezündet, und dann brach das alles zusammen, und oben drüber das Mauerwerk krachte dann auch ein. Dann hatte man einen relativ schnellen Zugang zu einem Burgplatz. Das war hier nun, wo man in der Burg Bentheim eben nicht auf Sand gebaut hatte, sondern eben auf dem Felsen saß, da ging das nicht. Also, da hatte man schon eine wesentlich kompliziertere Technik anwenden müssen und im Siebenjährigen Krieg musste man dann eben eine Bresche in die Mauer schießen."

Sprecherin:

Der Begriff Bresche stammt aus der Sprache des Militärs und bezeichnet eine Lücke, etwa in einer Befestigung, in die hinein man angreifen kann. In unserer Umgangssprache bedeutet eine Bresche zu schießen oder zu schlagen, etwas voran zu treiben, etwas zu fördern. Man hatte nicht auf Sand gebaut: Im Fall der Burg Bentheim gilt dies wörtlich, doch die Redewendung wird auch im übertragenen Sinn angewendet. In der Bibel heißt es bei Matthäus 7, Vers 26: "einem törichten Mann gleich, der sein Haus auf Sand bauet". Der Sand als Untergrund wird mit etwas Unfestem gleich gesetzt. Wer etwas auf oder in den Sand setzt, der führt eine Handlung schlecht aus, zumeist ohne die Chance, sie zu korrigieren.

Sprecher:

Es waren harte Zeiten im Mittelalter, das seine Attraktivität wohl eher aus unserer reduzierten Rückblende erfährt, denkt auch Oskar Prinz zu Bentheim und Steinfurt.

O-Ton:

"Das Mittelalter pur kriegen wir sowieso nicht wieder. Es ist immer mit der Reflexion im Kopf: Wie könnte es denn damals gewesen sein und wie träume ich mich da hinein.

Fragen zum Text:

Was bedeutet die Redewendung jemanden in die Schranken weisen?

1. jemandem den Weg zum Bahnhof zeigen

2. jemanden zurechtweisen, ermahnen

3. jemanden unterstützen, helfen

Was soll umgangssprachlich mit der Vorsilbe Mords- ausgedrückt werden?

1. ein Hinweis auf den kriminellen Hintergrund des folgenden Begriffes

2. eine Verneinung des folgenden Begriffes

3. eine (emotionale) Verstärkung des folgenden Begriffes

Der Ausdruck Bresche stammt aus…

1. dem künstlerischen Bereich.

2. dem militärischen Bereich.

3. dem wirtschaftlichen Bereich.

Arbeitsauftrag:

Stellen Sie sich vor, Sie lebten im Mittelalter. Beschreiben Sie Ihren Tagesablauf als Ritter.

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