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Amerika

Rio de Janeiro im Kampf gegen Drogenkartelle

Rio de Janeiro will seinen Ruf als gewalttätigste Stadt Südamerikas loswerden. Kritiker können dennoch kein langfristiges Konzept erkennen und warnen vor einer Vertreibung der Drogenbanden an andere Orte.

Eine Spezialeinheit der Polizei zielt während des Laufens mit Maschinenpistolen auf ein nicht zu sehendes Ziel (Foto: AP)

Die Polizei zeigt verstärkt Präsenz in den Favelas

Der Blick ist frei auf eine der weltweit schönsten Städte. Weiße Strände schlängeln sich am glitzernden Meer entlang. Im Hintergrund ragt der Zuckerhut, das Wahrzeichen von Rio de Janeiro, stolz empor. Am höchsten Punkt der Favela Formiga im Norden der Vier-Millionen-Metropole hatten auch die Chefs der Drogenkartelle ihr Quartier aufgeschlagen.

Blick auf den Zuckerhut in Rio de Janeiro (Foto: AP)

Postkartenidylle: So schön ist der Blick auf den Zuckerhut in Rio de Janeiro

Leutnant Denilson zeigt auf die zahlreichen Patronenhülsen, die noch überall herumliegen. Im Hintergrund ist ein großer Platz, der von einer mit Graffiti besprühten Mauer umgeben ist. Bewohner die nicht mit den Drogenbossen zusammenarbeiten wollten, wurden hierher verschleppt, gefoltert und "verschwanden". Was genau geschah, weiß keiner. "Wir wollten einen Fußballplatz für die Kinder daraus machen", erzählt Denilson, der selbst zwei Söhne hat. "Doch die Erinnerung sitzt zu tief. Die Kinder scheuen sich, hierher zu kommen." Der Bolzplatz wurde weiter unten angelegt. Leutnant Denilson, der von den Kindern nur "tio" ("Onkel") gerufen wird, organisiert die Matches. "Wir wollen ihnen ein Stück Kindheit zurückgeben", sagt er.

Behörden sorgen sich um Image der Stadt

Ein kleines Mädchen winkt mit der Olympia-Flagge (Foto: AP)

Die Olympischen Spiele 2016 und die Fußball-WM 2014 ziehen die Blicke auf Rio

Formiga zählte zu den gewalttätigsten der rund 1.000 Favelas in Rio de Janeiro. Mehr als zehn Jahre war das Viertel mit seinen etwa 10.000 Bewohnern fest in der Hand der Dealer. Vor sechs Monaten wurden die Drogenbosse in einer groß angelegten Polizeiaktion vertrieben und ein Bataillon der Polizeisondereinheit UPP ("Befriedungspolizei") eingerichtet, das für Sicherheit sorgen soll. Derzeit gibt es 13 Favelas, die von der UPP kontrolliert werden. Bis 2014 sollen es 40 sein. Vor allem mit Blick auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 und die Olympischen Spiele 2016 will Rio de Janeiro sein Image aufbessern - weg von dem der gewalttätigsten Stadt Südamerikas.

Vor zwei Jahren wurde die erste UPP-Einheit in dem Armenviertel Santa Marta ins Leben gerufen. Es war der Versuch der Behörden, gemeinsam mit den Bewohnern gegen die Drogenbanden vorzugehen. Auch Menschenrechtsorganisationen stehen den UPP-Einheiten inzwischen weitgehend positiv gegenüber.

"Wir haben den Mythos der Dealer zerstört"

Schwer bewaffnete Polizisten eskortieren Drogendealer, die sie zuvor festgenommen haben (Fott: AP)

Die Polizei macht gezielt Jagd auf Drogenbosse

In der Favela Formiga sind rund 100 Polizisten im 24-Stunden-Einsatz. Sie kontrollieren die Zugänge zu der Siedlung, die sich steil an einem der zahlreichen Hügel entlangzieht und im Norden von dichtem Regenwald begrenzt wird. "Die meisten Bewohner sind froh, dass wir da sind", sagt die Kommandantin der Einheit, Alessandra Carvalhaes. "Sie sind froh, weil sie tagtäglich unter der Gewalt der Dealer gelitten haben."

Jetzt gibt es einen Gesundheitsstützpunkt, die Stadtverwaltung baut ein Abwassersystem und die Bewohner haben eine eigene Interessenvertretung gegründet. Carvalhaes holt Briefe aus ihrer Schreibtischschublade hervor, in denen vor allem Mütter für die Polizeipräsenz danken. "Wir haben den Mythos der Dealer, die für viele Kinder Helden waren, zerstört", sagt sie nachdenklich. Jetzt seien die Polizisten, die mit ihnen Fußball spielen, ihre Vorbilder. Einer Illusion gibt sich die Kommandantin dennoch nicht hin: "Wenn wir gehen, kommen die Dealer wieder." Ein Ende des Polizeieinsatzes sei deshalb nicht abzusehen, sagt sie.

"Gewaltproblem wird nicht langfristig gelöst"

Zwei Polizisten mit Maschinenpistolen suchen Schutz hinter einer Mauer (Foto: AP)

Schießereien in den Favelas sind an der Tagesordnung

Der Staat hat die Bewohner der Favelas lange der Gewalt der Drogenkartelle überlassen. Jetzt versuchen die Behörden, Stück für Stück das verlorene Territorium zurückzuerobern. Vor allem nach der Gewaltwelle Anfang Dezember in Rio de Janeiro wird der Einsatz der "Befriedungspolizisten" heftig diskutiert. Nach Ansicht vieler Experten lösen die UPP-Einheiten die Probleme nicht langfristig. "Die Dealer werden nur an einen anderen Ort vertrieben. Die Gewalt und der Drogenhandel aber bleiben bestehen", sagt Michel Misse, Soziologe von der Universität Fluminense. Außerdem fehle es an sozialen Projekten, Ausbildung und Arbeitsmöglichkeiten vor allem für Jugendliche, die vorher für die Dealer gearbeitet haben. Wenn die Jugendlichen keine Perspektive haben, würden viele von ihnen früher oder später wieder für die Dealer tätig werden, ist sich Misse sicher.

Auch José Luiz de Medeiros, UPP-Kommandant der Favela Cidade de Deus, weiß um dieses Problem und das Fehlen von staatlichen Programmen. Er berichtet von vielen Jugendlichen, die aus dem Drogenhandel aussteigen wollen und die Polizei um Hilfe bitten. "Es begann mit einem Mädchen, das wir selbst in Gewahrsam genommen haben. Wir haben dann für sie einen Job in einem Supermarkt organisiert", sagt er. Danach habe die Polizei immer wieder mit möglichen Aussteigern geredet und in improvisierter Form versucht zu helfen.

Rio de Janeiro – Stadt der sozialen Gegensätze

Blick auf die Favela Santa Marta (Foto: Vivian Mannheimer)

Blick auf die Favela Santa Marta

In keiner anderen Stadt Brasiliens prallen extreme Armut und immenser Reichtum so stark aufeinander wie in Rio de Janeiro. Mehr als die Hälfte der Bewohner leben in den rund 1000 Favelas. Damit ist Rio de Janeiro die Stadt mit der größten sozialen Ungleichheit in ganz Brasilien, wie aus einer Studie der renommierten Getulio-Vargas-Stiftung hervorgeht. So besuchen die Kinder in den Favelas durchschnittlich nur 5,52 Jahre die Schule. Im Landesdurchschnitt sind es knapp acht Jahre. Eine Familie muss zudem mit 192 Reais (rund 83 Euro) monatlich auskommen.

Drogen- und Waffenhandel sind der florierendste Wirtschaftszweig in Rio. Die Banden setzen jährlich rund 300 Millionen Euro um. Etwa 16.000 Menschen arbeiten direkt für die Kartelle. Nicht mitgerechnet sind die zahlreichen Kinder und Jugendlichen, die von den Drogenbossen als Kuriere und Aufpasser, benutzt werden.

Autorin: Susann Kreutzmann
Redaktion: Marco Müller