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Politik

Ringen um Stabilität

Medienwirksam hatte US-Präsident Bush am 1. Mai auf dem Flugzeugträger Lincoln die "Haupt-Kampfhandlungen" im Irak für beendet erklärt. Ein halbes Jahr danach versinkt das Land jeden Tag mehr im Chaos.

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Vor sechs Monaten: Präsident Bush erklärt an Bord der USS Lincoln den Irak-Krieg für beendet

Sechs Monate nach dem Ende der regulären Kampfhandlungen erreichen uns fast täglich Meldungen über Anschläge auf die amerikanischen Besatzungstruppen und die von ihnen eingesetzten Sicherheitskräfte.

So hat ein Sprengsatz am Samstag (1.11.2003) in der nordirakischen Stadt Mosul zwei US-Soldaten getötet und drei weitere verletzt. Das sagte eine Sprecherin des US-Militärkommandos in Bagdad. Das US-Militär und die irakische Polizei zeigten in Bagdad verstärkte Präsenz. Anlass waren Gerüchte, Mitglieder der verbotenen Baath-Partei des gestürzten Machthabers Saddam Hussein in hätten für Samstag zu einem ersten «Tag des Widerstandes» aufgerufen. Die quirlige Metropole war wie ausgestorben, nicht einmal der chaotische Verkehr lief.

Weiter berichtete der arabische Fernsehsender El Dschasira, nördlich von Saddams Heimatstadt Tikrit stehe eine Ölpipeline in Flammen.

Mit 119 getöteten GI's ist der Blutzoll der Amerikaner seit dem 1. Mai bereits jetzt größer als während des Krieges im Frühjahr. Doch auch für die Bevölkerung wird die Situation immer schwieriger. "Durch die hohe Arbeitslosigkeit ist die Kriminalität extrem angestiegen", erklärt Christina Heitmann von Care Deutschland, die erst vor wenigen Wochen aus dem Irak zurückgekehrt ist. "Entführungen von Kindern und Frauen sind an der Tagesordnung, nachts gibt es in den Städten Schießereien. Im allgemeinen Chaos regiert die Selbstjustiz. Dieser Aspekt der Sicherheitslage zermürbt die Iraker mindestens genauso wie die Anschläge", meint die Care-Mitarbeiterin. Ihre Dachorganisation Care International betreut derzeit Projekte im gesamten Irak mit einem Volumen von knapp 25 Millionen US-Dollar. Schwerpunkte der Arbeit: das Gesundheitssystem und die Trinkwasserversorgung.

Krankenhäuser und Trinkwasser

Seit April hat Care 150 Gesundheitsstationen im ganzen Land wieder aufgebaut. Diese medizinischen Versorgungseinrichtungen bestehen aus einem Team von drei bis fünf irakischen Ärzten, die sich vor allem um Kinder und Schwangere kümmern. Sie bestanden bereits vor dem Einmarsch der Amerikaner und Briten – Plünderer hatten aber im ersten Nachkriegschaos vom Mobiliar und den medizinischen Geräten kaum etwas übrig gelassen. Neben 40 geplünderten Krankenhäusern, die ebenfalls von Care wieder ausgestattet wurden, engagiert sich die Organisation bei der Wiederherstellung der Trinkwasserversorgung. "Care ist schon seit 1991 im Irak und seitdem haben wir im Land den Ruf von Trinkwasserexperten. Seit April 2003 haben wir 240 Kilometer Trinkwasserleitungen und 50 Trinkwasseranlagen und Klärwerke instandgesetzt. Wir arbeiten dabei eng mit Unicef und dem Roten Kreuz zusammen", berichtet Heitmann.

Marode Infrastruktur

Ein Grund für den maroden Zustand der Infrastruktur liegt in der Politik der US-Verwaltung. Die Amerikaner entfernten sämtliche Fachleute, die Saddam Husseins Baath-Partei angehört hatten, aus dem Innenministerium. "Ihre Nachfolger sind zwar politisch unbelastet, wissen aber nichts über Wasser- oder Stromversorgung", beklagt Heitmann. "Drei Stunden gibt es Strom, dann fällt er wieder für zwei, drei Stunden aus. Ohne Notstromaggregate wäre an einen einigermaßen geregelten Krankenhausbetrieb gar nicht zu denken. Wie wollen Sie die Versorgungslage verbessern, wenn selbst unsere eigenen Ingenieure uns sabotieren?"

Die gezielte Destabilisierungs-Kampagne, für die die Amerikaner Kräfte des alten Regimes verantwortlich machen, hat viele Gesichter. "Ein Beispiel ist, dass Ersatzteile verschwinden, die extrem schwer zu beschaffen sind. Ein paar gezielte Handgriffe können so ein Elektrizitätswerk oder eine Trinkwasser-Aufbereitungsanlage, die gerade repariert worden ist, wieder für Tage, manchmal für Wochen außer Gefecht setzen", berichtet die Care-Mitarbeiterin.

Schulen ohne Schüler

Wegen der angespannten Sicherheitslage und der hohen Kriminalität kommen viele Kinder nur sehr sporadisch in die wieder eröffneten Schulen. "Die Angst vor Entführungen ist so weit verbreitet, dass viele Eltern ihre Kinder lieber zu Hause behalten, als sie in die Schule zu schicken. Für ein Land, in dem die Schulbildung – auch unter Saddam Hussein – stets einen hohen Stellenwert besaß, ist das eine Situation, die die Leute schockiert", kommentiert Christina Heitmann die Situation. Und so fragen sich immer mehr Iraker, was ihnen sechs Monate amerikanischer Besatzung gebracht haben.

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