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Welt

Ring-Eifel: Bekanntes mit neuer Betonung

Papst Franziskus hat sich zum Umgang mit Homosexuellen geäußert und fand damit Beachtung. Vatikan-Experte Ludwig Ring-Eifel meint, dass er zwar nichts Neues gesagt, aber eine neue Betonung vorgenommen hat.

22.06.2012 DW Quadriga Ludwig Ring-Eifel

22.06.2012 DW Quadriga Ludwig Ring-Eifel

Vielleicht noch beschwingt vom grandiosen Weltjugendtag stand Papst Franziskus auf dem Rückflug von Rio de Janeiro nach Rom mitreisenden Journalisten Rede und Antwort. Jegliche Art von Fragen waren während der 80-minütigen Pressekonferenz über den Wolken zugelassen - auch zum Thema Homosexualität und Kirche. Ausführlich äußerte sich der Pontifex dazu zwar nicht, umso präziser wählte er seine Worte.

DW: Herr Ring-Eifel, was hat Papst Franziskus genau gesagt?

Ludwig Ring-Eifel: Er hat eigentlich nur wenige Sätze gesagt. Wörtlich antwortete er auf die Frage, ob es im Vatikan homosexuelle Seilschaften gebe: "Man sagt, es gebe solche Personen, aber es gibt niemanden, in dessen Pass drinsteht, dass er ein Homosexueller ist." Das hat er leicht ironisch gesagt und dann kam der entscheidende Satz: Er könne nicht den Stab brechen über jemandem, der mit gutem, offenem Herzen Gott sucht, obwohl er homosexuell veranlagt ist. "Wer bin ich, über ihn zu urteilen?" Das waren die entscheidenden Passagen.

Franziskus hat also dazu aufgefordert, Homosexuelle nicht zu diskriminieren?

Das kann man so sagen und das ist auch nicht wirklich neu. Das ist genau die Aussage, die auch im Katechismus der Katholischen Kirche (KKK) steht. Seit mehr als einem Vierteljahrhundert ist das katholische Lehre, dass die homosexuellen Männer und Frauen nicht diskriminiert werden sollen wegen ihrer Neigung, dass aber auf der anderen Seite die katholische Kirche aufgrund bestimmter Bibeltexte daran festhält, dass homosexuelle Handlungen Sünde sind.

Millionen Weltjugendtagsbesucher an der Copacabana Foto: AFP PHOTO / VANDERLEI ALMEIDA

Eben noch auf der größten "Beachparty" aller Zeiten...

Homosexuelle Neigungen sind nach den Worten des Papstes keine Sünde, homosexuelle Akte dagegen schon. Ist das die Unterscheidung?

Genau das ist die Unterscheidung, und die hat er jetzt noch mal mit anderen Worten wiederholt. Aber er hat natürlich den Aspekt betont, der menschenfreundlicher im Tonfall ist. Er hat das Nicht-Verurteilen betont, er hat das positiv gewendet. Das war während der beiden vergangenen Pontifikate anders.

Sie sprechen auf das Papier der Kongregation für Bildung und Erziehung von 2005 an - was war dessen Inhalt?

Das war keine Enzyklika, kein offizielles Papstdokument. Es ging darin ausschließlich um die Frage, ob Homosexuelle zum Priesterseminar und zur Priesterweihe zugelassen werden dürfen - und wenn ja, unter welchen Bedingungen. Damals hat man sehr scharfe Formulierungen gewählt. Da steht unter anderem drin, "dass die Kirche bei aller Achtung für die betroffenen Personen jene nicht zu den heiligen Weihen zulassen kann, die Homosexualität praktizieren, die tief sitzende homosexuelle Neigungen haben oder die eine sogenannte homosexuelle Kultur unterstützen." In diesem Zitat wird deutlich: Da wurde in aller Breite schon die tief sitzende homosexuelle Neigung als Ausschlusskriterium benannt. Dass beißt sich ein bisschen mit dem Katechismus, der ja sagt: Die Neigung an sich ist noch nicht sündhaft, sondern die Praxis ist sündhaft. Der Papst oder die Bildungskongregation kann natürlich das Papier an dieser Stelle revidieren, eine weichere Formulierung einfügen, wenn es gewollt ist. Das ist durchaus möglich, denn es ist ja kein dogmatisches Papier, keine Enzyklika, sondern eine Handlungsanweisung, die 2005 so ergangen ist.

Papst Franciskus während einer Predigt in Rio de Janeiro Foto: AFP PHOTO / STEFANO RELLANDINI - POOL

...kurz danach ein interessanter Fingerzeig des Pontifex zum Thema Homosexualität

Ist es diese seelsorgerische, barmherzige Art, in der Franziskus das formuliert hat, die jetzt dazu führt, dass über eine neue Haltung des Papstes zu Homosexuellen spekuliert wird?

Das ist ja ein durchgehender Zug in diesem erst vier Monate währenden Pontifikat, dass er sehr pastoral an die Sachen rangeht, sehr seelsorgerisch. Er wendet sich den Menschen zu. Er macht das auch in der Sprache deutlich, indem er Bilder benutzt, die verständlich und eingängig sind und er betont immer wieder die Barmherzigkeit der Kirche. Sehr viel weniger stellt er die Frage nach den Gesetzen, nach der Moral, nach der Dogmatik. Das waren alles Themen, die bei Benedikt stark betont wurden.

Papst Franziskus begrüßt ein Kind während des Weltjugendtags Foto: REUTERS/Pilar Olivares (BRAZIL - Tags: RELIGION)

Papst Franziskus - immer den Menschen zugewandt

Wird denn das, was er jetzt zur Homosexualität in seiner speziellen Weise gesagt hat, in der Öffentlichkeit überbewertet?

Ich würde nicht sagen, dass es überbewertet wird, denn es ist ja schon bemerkenswert, wenn ein Papst diese Akzentverschiebung vornimmt und wenn er die auch so bewusst vornimmt. Er weiß ja, dass die Dinge, die er da im Flugzeug vor der versammelten Weltpresse sagt, am nächsten Tag von San Francisco bis Moskau und von Oslo bis Kapstadt zitiert werden. Also, das hat er schon sehr bewusst gemacht. Er will klar machen: Die katholische Kirche ist keine Institution, die Menschen ausgrenzt, sondern sie ist eine "Mutter", sie geht auf die Menschen zu, sie umarmt die Menschen. Das macht der Papst ja auch physisch vor. Er fragt nicht danach, wie ist ein Mensch gepolt, wie denkt der, wie fühlt der? Er sieht zuerst den Menschen und für ihn ist er erst mal ein potentieller Sohn oder eine Tochter der Kirche.

Der Papst beim Verlassen des Flugzeugs nach seiner Rückkehr Foto: REUTERS/Alessandro Bianchi (

Rückkehr nach ereignisreicher Reise

Ist denn nach Ihrer Einschätzung mittelfristig mit einer neuen Haltung der Kirche zur Homosexualität zu rechnen?

Eine sehr schwierig zu beantwortende Frage, denn die katholische Kirche ist einerseits in Dingen der Sexualmoral gebunden durch die Bibel. Im Neuen Testament ist ja die Einschätzung der Homosexualität sehr eindeutig. Das ist ja nichts, was sich die katholische Kirche ausgedacht hat, sondern das ist im Neuen Testament so festgeschrieben. Sie ist zweitens gebunden durch die lange kirchliche Tradition der sich seit zwei Jahrtausenden entwickelnden Moraltheologie, die immer an dieser Einordnung der homosexuellen Handlung als Sünde festgehalten hat. Davon kann man sich nicht in einem Pontifikat so einfach lösen. Wenn, dann ist das ein längerer Prozess, der vermutlich Jahrzehnte, wenn nicht Jahrhunderte dauert. Und es hat auch noch niemand einen theologischen Weg gefunden, wie man da hinkommen kann.

Ludwig Ring-Eifel ist Chefredakteur der Katholischen Nachrichtenagentur (KNA) in Rom und war langjähriger Vatikan-Korrespondent in Rom.

Das Gespräch führte Klaus Krämer.