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Europa

Rinat Achmetow: Der gestürzte König von Donezk

Es ist still geworden um Rinat Achmetow. Der ostukrainische Milliardär musste seine Heimatstadt Donezk verlassen. Heute lebt er in Kiew. Der einstige Kohle- und Stahlmagnat im Donbass hat an Einfluss verloren.

"Nicht in meiner Heimat sein zu können, nicht den Boden von Donezk unter meinen Füßen spüren zu dürfen - das wäre für mich die größte Strafe." Der Mann, von dem diese Worte stammen, heißt Rinat Achmetow. "Ich bin Patriot", betont der Milliardär und führt beide Hände zur Brust, nahe ans Herz.

Diese ungewöhnliche Szene spielte sich Ende Dezember 2013 in der ostukrainischen Stadt Donezk ab. Achmetow gilt als medienscheu. Deshalb staunten die Journalisten, als er ohne Leibwächter in einem schwarzen Mercedes vorfuhr. Der 48-Jährige ist ein Oligarch. Im Volksmund wird er mal ironisch, mal ernst gemeint "der König vom Donbass" genannt. An jenem Tag trug er eine schlichte Jacke und eine Trainingshose und sagte stolz, er sei nicht ins Ausland geflüchtet.

In der Hauptstadt Kiew wurde zu dem Zeitpunkt gegen den prorussischen Kurs des damaligen Präsidenten Viktor Janukowitsch demonstriert. Die Opposition forderte vom Westen Sanktionen gegen dessen autoritäres Regime - und auch gegen Achmetow, der zum engsten Kreis der damals regierenden Partei der Regionen gehörte.

Ein Oligarch auf der Flucht

Der Flughafen der Millionenstadt Donezk ist inzwischen zerstört (Foto: FRANCISCO LEONG/AFP/Getty Images)

Der Flughafen der Millionenstadt Donezk ist zerstört

Heute schaut Achmetow aus der Ferne zu, wie seine Heimat zerstört wird. Als nach dem Machtwechsel in Kiew prorussische Separatisten in den ostukrainischen Provinzen Donezk und Lugansk Volksrepubliken ausriefen, musste Achmetow Donezk verlassen. Dennoch ist er weiterhin der reichste Mann der Ukraine. Die ukrainische Ausgabe des Wirtschaftsmagazins Forbes schätzte im Mai sein Vermögen auf über elf Milliarden US-Dollar. Doch sein Zuhause hat der "König vom Donbass" verloren.

Noch im Juli trat Achmetow mit Sätzen wie "Den Donbass darf man nicht bombardieren!" im ukrainischen Fernsehen auf. Emotional sprach er über Frieden. Er rief die Separatisten und die ukrainische Regierung zu Verhandlungen auf. Inzwischen hat sich Achmetow aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. An Verhandlungen mit Separatisten nimmt er nicht teil, zumindest nicht offiziell. Seine Stiftung hilft Flüchtlingen und schickt Hilfskonvois mit Lebensmitteln und Medikamenten in die abtrünnigen Regionen, worüber die Pressestelle seiner Finanzgruppe "System Capital Management" (SCM) berichtet.

Wollte Achmetow die Separatisten ausnutzen?

In der Ukraine wird seit Monaten über Achmetows Rolle bei den politischen Ereignissen im Kohlerevier Donbass gerätselt. Manche glauben, der Milliardär habe die Separatisten für eigene Ziele ausnutzen wollen. "Er tat so, als würde er sich nicht einmischen. Doch die Ereignisse sprachen dafür, dass er an einem kontrolliertem Separatismus interessiert war", sagte der Deutschen Welle der aus Donezk stammende Journalist Serhij Harmsch. Achmetow habe gedacht, sein Wirtschaftsimperium nach dem Machtwechsel in Kiew so schützen zu können.

Der selbsternannte "Volksgouverneur des Donbass", Pawel Gubarew, behauptete in einem Interview, Achmetow habe anfangs viele Separatisten finanziert. Der Oligarch dementierte dies. Fest steht, dass sich Achmetow öffentlich immer dafür aussprach, der Donbass solle Teil der Ukraine bleiben, allerdings größere Autonomie erhalten. Im April kam er zu den prorussischen Demonstranten vor dem besetzten Gebäude der Gebietsverwaltung in Donezk und versuchte deren Gemüter zu beruhigen. Ende Mai wurde sein Ton schärfer. "Die Donezker Volksrepublik betrügt die Menschen", sagte der Oligarch. Er rief die Mitarbeiter seiner Fabriken zu Protestaktionen gegen die Separatisten auf. Doch das tägliche Heulen der Fabriksirenen oder die Hupkonzerte auf den Straßen hatten eher symbolischen Charakter.

Die Kontrolle über den Donbass - sowohl wirtschaftlich als auch politisch durch seine Partei - habe Achmetow schon im Frühjahr an die damaligen aus Russland zugereisten Separatistenführer verloren, glaubt der Journalist Harmasch. Nun versuche er, seine Kontrolle wiederzuerlangen. Harmasch bezweifelt jedoch, dass das gelingen wird: "Diejenigen, die jetzt Maschinengewehre haben, wissen, was es bedeutet, Macht zu besitzen. Sie wollen die Herrscher der Region bleiben."

Neue Bedingungen, neue Partei

Stadtansicht von Kiew (Foto: Joern Pollex/Getty Images)

Von Kiew aus lenkt Rinat Achmetow sein Firmenimperium

Von Kiew aus will Achmetow sein SCM-Imperium, zu dem neben Zechen auch Stahlwerke, Energie- und Telekommunikationsunternehmen, Banken und Medien gehören, durch die stürmischen Zeiten in der Ukraine manövrieren. Das scheint ihm auch zu gelingen. Sein Energieversorger DTEK zum Beispiel beliefert weiterhin die Hauptstadt mit Strom, Wärme und Wasser. Somit hängt es auch von Achmetow ab, ob Millionen Kiewer Bürger im kommenden Winter frieren werden oder nicht.

Der Donezker Oligarch unterstützt den neuen ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko und dessen Friedensplan für den Donbass. Die neuen Machthaber in Kiew lassen Achmetow offenbar in Ruhe: Ihm drohen keine Klagen. Bei der vorgezogenen Parlamentswahl Ende Oktober kandidiert Achmetow selbst nicht. Doch einige Direktoren seiner Fabriken haben im August eine neue "Industriepartei der Ukraine" gegründet. Durch sie hofft der Milliardär offenbar, Einfluss auf die ukrainische Politik zurückzugewinnen.

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