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Asien

"Riesenschlappe für Karsai"

Im afghanischen Kandahar ist es zu einem Massenausbruch inhaftierter Taliban gekommen. Ein Ereignis, das einmal mehr die desolate Lage im Land offenbart - sind sich die Kommentatoren der deutschen Tageszeitungen einig.

Titelseiten diverser deutscher Tageszeitungen (Foto: picture alliance / dpa)

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung titelt mit einer Frage: "Welchen Afghanen?". Doch eine Antwort darauf, an wen die Macht im Land in absehbarer Zeit übergeben werden soll, sieht das Blatt nicht:

"Für den spektakulären Massenausbruch von fast 500 Aufständischen aus einem Gefängnis in Kandahar gibt es zwei mögliche Erklärungen – und offen ist nur die Frage, welche der beiden die Schlimmere ist. Wenn die Taliban über Monate lang an einem mehr als 300 Meter langen Fluchttunnel bauen können und dann durch diesen Tunnel in einer stundenlangen Aktion 500 Mann in die Freiheit bringen können, ohne dass den Sicherheitskräften etwas auffällt, dann sind diese entweder unbeschreiblich inkompetent, oder aber sie haben die Taliban bewusst gewähren lassen, sei es aus Furcht, aus Sympathie oder aus Kalkül in einem innerafghanischen Kampf um Einfluss und Pfründe. Die 'Katastrophe', von der die afghanische Regierung spricht, ist nicht nur, dass die Taliban jetzt 500 erfahrene Kämpfer wieder haben, sondern noch mehr die Art des Coups, dessen Ablauf die Islamisten der Öffentlichkeit mit schadenfreudiger Bereitwilligkeit mitteilen. Bei der schrittweisen Übergabe der Kontrolle über Afghanistan an die Afghanen stellt sich angesichts dieses Vorfalls die Frage: Welchen Afghanen?"

In eine ähnliche Richtung geht auch der Kommentar der Neuen Osnabrücker Zeitung, der unter der Überschrift "Gesprengte Ketten" sowohl dem Westen als auch der afghanischen Führung ein vernichtendes Zeugnis ausstellt:

"Sie seien Herr der Lage, beteuern die internationale Schutztruppe ISAF und die afghanische Regierung in schöner Regelmäßigkeit. Und ebenso oft schaffen es die Taliban, jeden Anflug von Optimismus im Westen sofort wieder zunichtezumachen. Diesmal mit einem Sensationscoup, der dem Hollywood-Klassiker "Gesprengte Ketten" alle Ehre macht: Mehr als 500 Taliban-Kämpfer aus dem Gefängnis von Kandahar zu befreien ist eine Riesenschlappe für Präsident Karsai - eine peinliche dazu. Was hat die Regierung in Kabul überhaupt im Griff? Nichts, außer dem Verschieben von Hilfs- und Drogengeldern nach Dubai und auf Schweizer Bankkonten. Dass nach über zwei Jahrzehnten Krieg und Bürgerkrieg das Land zu den ärmsten der Welt zählt, entschuldigt vieles. Etwa, dass selbst Analphabeten als Lehrer angestellt werden. Aber wie lange sollen NATO und UN noch am Hindukusch stehen, wenn derGroßteil der politischen Elite weiterhin nur ein Sinnbild für Raffgier und Inkompetenz abgibt? Es zeichnen sich auch fast zehn Jahre nach Beginn des Afghanistan-Kriegs nur geringe Fortschritte ab, beim Kampf gegen die Taliban ebenso wie beim Staatsaufbau. Es ist zwar richtig, dass der Westen Fehler gemacht hat. Doch die Afghanen müssen begreifen: Sie müssen ihre Zukunft endlich in die Hand nehmen und wenigstens ein Gefängnis schützen können."

"Vorne rein, hinten raus" heißt es im Berliner Tagesspiegel , der sich mit dem Grundproblem des Afghanistam-Krieges befasst: Nach Ansicht des Blattes besteht es darin, dass die Kriegsparter - die ISAF und die afghanische Regierung - in diesem Krieg nicht denselben Gegner bekämpfen:

"Das Gefangenenlager Guantanamo ist durch die jüngsten Wikileaks-Veröffentlichungen wieder einmal in die Kritik geraten. Die Alternative zu Guantanamo sieht so aus: 475 Taliban klettern einer nach dem anderen in einen Tunnel, kriechen 300 Meter weit und sind frei. Frei, um sich wieder am Kampf gegen die Isaf-Truppen zu beteiligen. Über vier Stunden hat der Ausbruch gedauert, aber die Sicherheitskräfte im Gefängnis in Kandahar wollen nichts davon bemerkt haben. Einen Rückschlag im Kampf gegen die radikal-islamischen Aufständischen nennt der Isaf-Sprecher den Ausbruch, einen "schweren Schlag" der Sprecher von Präsident Karsai. In Wahrheit verdeutlicht er das Grundproblem des vergessenen Krieges in Afghanistan: die Kriegspartner haben nicht denselben Gegner. Schließlich konnten bereits vor drei Jahren 400 Taliban-Kämpfer aus einem afghanischen Gefängnis entkommen. Und dass die Amerikaner laut der Wikileaks-Dokumente den pakistanischen Geheimdienst ISI einer terroristische Vereinigung gleichsetzen, beweist, wie gering das Vertrauen auch in den anderen Partner im Kampf gegen die Taliban ist. Kriegsgegner einzufangen, die der Kriegspartner entkommen lässt, ist absurd – und lebensgefährlich. Gerade kamen vier Nato-Soldaten bei Bombenangriffen ums Leben."

zusammengestellt von Esther Felden
Redaktion: