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Asien

Riesenreiche auf Kuschelkurs

Wegen der Ukraine-Krise rücken Russland und China enger zusammen. Ein Bündnis von Pekings Gnaden, meint DW-Kolumnist Frank Sieren.

In Peking hätte man sicher gerne auf die Ukraine-Krise verzichtet. Mit allen Beteiligten pflegt China stabile bis sehr gute Beziehungen. Deshalb hat Peking überhaupt kein Interesse gezwungen zu werden, in die eine oder andere Richtung Position zu beziehen. Mit Deutschland, Frankreich und England sind die Beziehungen - in dieser Reihenfolge - gut, mit den USA angespannt stabil. Und Russland, das mit China seine längste gemeinsame Grenze hat, ist zwar kein enger Freund der Chinesen, man nähert sich jedoch langsam aber stetig an.

Doch der wichtigste Punkt: Auch mit der Ukraine hat Peking enge Kontakte. Peking hat Kiew drei Milliarden US-Dollar geliehen, um seine Landwirtschaft zu modernisieren. Die Summe soll über 15 Jahre hinweg in Getreidelieferungen wieder zurückgezahlt werden. Inzwischen ist die Ukraine in Verzug, und Peking hat rechtliche Schritte unternommen. Sollte die militärische Zusammenarbeit der Chinesen mit der Ukraine wegbrechen, wäre das ein herber Rückschlag für Peking. Kiew hat den Chinesen nicht nur hunderte russische Flugzeugmotoren und die größten militärisch eingesetzten Luftkissenlandungsboote der Welt verkauft - und sogar in Lizenz produzieren lassen - sondern auch einen russischen Flugzeugträger. Der erste für China überhaupt, der inzwischen unter dem Namen Liaoning in chinesischen Gewässern kreuzt.

Putin zahlt hohen Preis für Bündnis

China ist also mit Streithähnen konfrontiert, die allesamt nicht unwichtig für das Land sind. Hinter den Kulissen versuchen die Chinesen darauf einzuwirken, dass die Ukraine so neutral wie möglich bleibt, und zwar möglichst so, dass sie niemanden brüskieren. Das hat bisher funktioniert. Die Beziehungen zur Ukraine und zum Westen haben bislang keine erkennbaren Schäden genommen. Und Russland konnte Peking sogar noch enger an sich binden, weil Moskau wegen der Sanktionen des Westens unter Zugzwang gerät und sich nun neue Partner suchen oder sich eben bei alten Freunden noch mehr als zuvor einschmeicheln muss. Besonders bei wirtschaftlichen Kooperationen lässt sich das jetzt beobachten.

Im Beisein von Präsident Wladimir Putin begann diese Woche in Ostsibirien der Bau einer 4000 Kilometer langen Pipeline, die in fünf Jahren Gas nach China bringen soll. Der Deal war zehn Jahre lang verhandelt und erst im Mai besiegelt worden. Doch angesichts der Spannungen mit dem Westen kommt das Geschäft Russland jetzt sehr gelegen. Allerdings zahlt Putin einen hohen Preis. Weil er unter Druck stand, konnte China bei dem Gasdeal Konditionen durchsetzen, die ohne die Ukraine-Krise so nie denkbar gewesen wären.

Weitere Zusammenarbeit zu erwarten

Und in Zeiten, in denen der Westen nun immer schärfere Sanktionen verhängt, kann China noch auf eine ganze Reihe weiterer Deals mit Russland hoffen: Gemeinsam wollen Chinesen und Russen für 1,3 Milliarden US-Dollar eine Brücke, einen Tunnel und eine Eisenbahnlinie bauen, um Russland und die Krim in der Straße von Kertsch miteinander zu verbinden. Und Chinesen und Russen halten auch daran fest, gemeinsam in Nicaragua einen Kanal zu bauen, der dem von den Amerikanern kontrollierten Panamakanal Konkurrenz macht.

Beim ersten Spatenstich für die neue Gas-Pipeline nannte der chinesische Vizepremier Zhang Gaoli dann auch noch gleich ein Dutzend Bereiche - von Energie, Transport, High-Tech bis hin zur Luft- und Raumfahrt - in denen Moskau und Peking die Zusammenarbeit jetzt ausbauen könnten. Klar ist aber auch: So eng die beiden Staaten in Zukunft auch wirtschaftlich kooperieren mögen, Peking wird sich in keinem Fall in die Krise hineinziehen lassen. Daran ändern auch gemeinsame Militärübungen nichts, wie es sie zuletzt Ende August gab, als russische und chinesische Kampfflugzeuge gemeinsam über Nordchina übten. Natürlich weiß man in Peking auch, dass Putin solche Bilder zurzeit dringend braucht. Aber Peking kann sich auf die Position des „Business as usual“ zurückziehen. Die gemeinsamen Übungen finden schon seit vielen Jahren statt. Auch das ist Neutralität, Neutralität Pekinger Art.

DW-Kolumnist Frank Sieren lebt seit 20 Jahren in Peking.