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Asien

Richter: "Keine neue Offenheit in Nordkorea"

Der Umgang der nordkoreanischen Führung mit dem Hauseinsturz in Pjöngjang wurde als überraschend offen bezeichnet. Aber das Regime hatte kaum eine andere Wahl, meint Lars-André Richter von der Naumann-Stiftung in Seoul.

Nordkoreanische Offizielle gedenken der Opfer des Hauseinsturzes (Foto: picture-alliance/AP Photo)

Nordkoreanische Offizielle gedenken der Opfer des Hauseinsturzes

Deutsche Welle: Dass Behörden Fehlverhalten zugeben, ist in Nordkorea eigentlich nicht üblich. Im Fall des eingestürzten Wohnhauses aber haben sich Mitglieder der Führung öffentlich entschuldigt und Fehler eingeräumt. Inwieweit hat Sie der Umgang der nordkoreanischen Führung mit dem Unglück überrascht?

Lars-André Richter: Das hat mich eigentlich nicht wirklich überrascht, denn so etwas lässt sich heutzutage einfach nicht lange geheim halten. Wir sprechen hier von einem Gebäude in der Hauptstadt Pjöngjang, gewissermaßen dem Schaufenster des Landes. Dort sind auch immer wieder ausländische, teils westliche, Delegationen. Das heißt, das lässt sich nicht einfach so unter den Teppich kehren.

Darüber hinaus gibt es immer bessere Satellitenbilder von Nordkorea, auf denen man einen Vorher-Nachher-Unterschied sehen kann, und das ist den Nordkoreanern natürlich bewusst. Hinzu kommt auch noch, dass seitens Pjöngjang Kritik laut geworden ist am Umgang Südkoreas mit dem hier nach wie vor sehr beherrschenden Fährunglück vor gut einem Monat. Vor diesem Hintergrund wäre es nicht klug gewesen, sich erst kritisch gegenüber den Nachbarn im Süden zu äußern und dann selbst ähnlich mit einem Unglück im eigenen Land umzugehen. Die Führung hat fünf Tage gebraucht, bis sie den Einsturz öffentlich gemacht hat, aber dann ist sie relativ transparent damit umgegangen.

Wie ist diese zeitliche Verzögerung zu erklären?

Ich vermute, dass es in dieser Zeit Diskussionen darüber gab, wie man am besten mit dem Unglück umgehen soll. Es ist denkbar, dass es diesbezüglich verschiedene Positionen gab und dass es dadurch auch zu der Verzögerung kam.

Inwieweit deutet der Umgang mit dem Unglück auf eine neue Taktik der nordkoreanischen Führung, vielleicht sogar auf eine Öffnung hin?

Ich glaube nicht, dass jetzt eine neue Offenheit einkehrt. Es gibt zwar Beispiele, mit denen Nordkorea sehr transparent umgegangen ist: etwa der gescheiterte Raketentest im April 2012 und der Raketentest im darauf folgenden Dezember. Das war quasi live zu verfolgen. Aber da ging es auch um die Darstellung der vermeintlichen technischen und politischen Überlegenheit des Regimes. Ein Unglück ist etwas völlig anderes.

Die Tatsache, dass die Führung mit dem Gebäudeeinsturz vergleichsweise offen umgeht, heißt noch nicht, dass das jetzt Schule macht. Vor ein paar Monaten soll beispielsweise eine Mosaikwand mit dem Bild von Kim Il Sung zusammengestürzt sein - nach allem, was man weiß, aufgrund von schadhaftem Baumaterial. Solche Mosaikwände sind natürlich Teil des nordkoreanischen Personenkults, und auch darüber ist zunächst nicht gesprochen worden.

Im jetzigen Fall geht es um Menschenleben, das ist natürlich nochmal etwas ganz anderes. Ich würde aber nicht sagen, dass die nordkoreanische Führung jetzt gelernt hätte und grundsätzlich über alles berichten würde, auch über Dinge, die nicht funktionieren - sei es politisch, ingenieurtechnisch oder wirtschaftlich. Das würde ich daraus nicht schlussfolgern.

Die nordkoreanische Führung hat der Öffentlichkeit bereits Schuldige präsentiert: den für Sicherheit zuständigen Minister und den Chef des örtlichen Polizeikomitees. Rechnen Sie damit, dass sie quasi vor den Augen der Öffentlichkeit die Konsequenzen tragen müssen?

Es ist davon auszugehen, dass es Konsequenzen geben wird. Die berufliche Zukunft der Männer ist zumindest ungewiss. Der Öffentlichkeit sind Schuldige präsentiert worden, die sich dann auch entschuldigt haben. Das ist in Ostasien durchaus so üblich, vergleichbare Szenen kennt man auch aus Japan oder Südkorea.

Es gab auch Fernsehbilder, auf denen nordkoreanische Bürger zu Wort gekommen sind und - wenn auch vorsichtig - geäußert haben, dass sie sich eine Veränderung wünschen und dass so etwas nicht noch einmal vorkommen darf. Wie bewerten Sie diese Bilder?

Natürlich kann ich Leute sagen lassen, was sonst auch die Partei-Offiziellen sagen würden. Der Normalfall ist, dass Offizielle oder auch Kim Jong Un selbst eine Erklärung verlesen, in der inhaltlich genau das steht: 'So etwas darf nicht noch einmal passieren, und wir werden die notwendigen Schritte unternehmen, um das sicherzustellen.' Es mag neu sein, dass man den einfachen Bürger auf der Straße befragt, aber die Inhalte sind vergleichbar.

Wie viele Menschen in dem Gebäude ums Leben gekommen sind, ist nicht bekannt, Schätzungen zufolge können es aber hunderte gewesen sein - die in dem noch nicht fertigen Gebäude lebten. Medienberichten zufolge ist es im Land durchaus üblich, dass Menschen einen Rohbau beziehen. Wie stellt sich die Situation aus Ihrer Sicht dar?

Das habe ich in der hiesigen Presse auch gelesen. Es soll tatsächlich verbreitet sein, ich kann es aber aus meiner persönlichen Erfahrung nicht bestätigen. Ich selbst habe es noch nicht gesehen, und es mir auch noch nicht berichtet worden.

Das eingestürzte Gebäude war Teil eines lang angelegten und ehrgeizigen Modernisierungsprojekts, das schon unter Kim Jong Uns Vater Kim Jong Il angestoßen wurde. Was weiß man insgesamt über die Zustände auf nordkoreanischen Baustellen, über die Sicherheit und die Baumaterialien dort?

Was ich sagen kann ist, dass bis 2012 - zum 100. Geburtstag von Staatsgründer Kim Il Sung - einige Prestige-Projekte fertig sein sollten. Nicht nur, aber vor allem in Pjöngjang. Dazu gehörten auch diese Wohnhäuser mitten in der Stadt. Daneben Vergnügungseinrichtungen wie der 2012 von Kim Jong Un eingeweihte Vergnügungspark, ein Delfinarium oder auch eine Eisporthalle und ein Reiterhof, die ich selbst gesehen habe. Aber nicht alles, was im Rahmen dieser noch unter Kim Jong Il begonnenen Bauprojekte geplant war, scheint fertig geworden zu sein, so wie die jetzt betroffene Wohnsiedlung.

Sehen Sie bei Ihren Reisen nach Nordkorea viele Bauprojekte oder fällt das im Stadtbild nicht auf?

Es gibt eine Baustelle am Koryo-Hotel in der Nähe des Hauptbahnhofes. Dort steigen üblicherweise auch internationale Delegationen ab. Bei dem Hotel handelt sich um ein Gebäude, das aus zwei Türmen besteht. Ein dritter Gebäudeteil ist in Arbeit. Das Ganze mitten in der Stadt, für jeden erkennbar. Und da wird schon seit ich vor etwa zwei Jahren zum ersten Mal da war dran gearbeitet. Dieses Gebäude scheint also auch keine Priorität zu haben. Offenbar wurden Material und Arbeitskräfte woanders gebraucht.

Das Gespräch führte Esther Felden.

Lars-André Richter ist Landesvertreter der Friedrich-Naumann-Stiftung in Seoul.