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Wissen & Umwelt

Richter: "Jeder sollte wissen, was er tut"

In Brüssel wird über eine neue Datenschutzrichtlinie beraten. In Berlin findet die Jahreskonferenz Datensicherheit statt. Frederick Richter von der Stiftung Datenschutz spricht mit der DW über datenbewusstes Leben.

Deutsche Welle: Je mehr unsere Lebenswelt digital durchdrungen wird, umso mehr Datenspuren hinterlassen wir. Roh und erst recht zu Profilen verarbeitet gelten Daten als "Rohstoff des 21. Jahrhunderts". Datenschutz kommt deshalb eine immer größere Bedeutung zu - in der Theorie. In der Praxis aber scheinen User nur allzu bereit zu sein, massenhaft auch persönlichste Daten preiszugeben. Kämpfen Sie angesichts der mit jedem technologischen Sprung schneller voran stürmenden digitalen Revolution ein aussichtsloses Rückzugsgefecht?

Frederick Richter: Es wäre sicher ein auswegloses Rückzugsgefecht, wollte man mit Jahrzehnte alten Regeln den Herausforderungen der sich immer schneller entwickelnden Technologie begegnen. Es ist aber nicht aussichtslos, bei den Menschen eine andere Grundhaltung zu fördern: Dass man immer ein Stück weit überlegt, bevor man einen weiteren Teil seiner Privatsphäre preisgibt. Denn in vielen Bereichen ist es dem Individuum immer noch möglich, auf seine Privatsphäre zu achten.

Es gilt ja der Lehrsatz: Wenn im Internet etwas umsonst ist, bist du das Produkt. Gibt es denn für beliebte Services im Internet, nehmen wir mal soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter, bezahlpflichte oder andere Alternativen, die eben nicht auf die Gewinnung möglichst vieler personenbezogener Daten über mich abgestellt sind?

Frederick Richter Vorstand der Stiftung Datenschutz in Leipzig

Frederick Richter, Vorstand der Stiftung Datenschutz in Leipzig

Bezahlversionen von sozialen Netzwerken gibt es meines Wissens nicht. Auch die sozialen Netzwerke, die dem Monopol von Facebook anheimgefallen sind, waren werbefinanziert. Die Auswertung der Nutzerdaten war nur unterschiedlich ausgeprägt. Die deutschen Varianten - Stichpunkt VZ-Netzwerke - waren da sicherlich sensibler als Facebook. Das Problem der Kostenlos-Kultur im Netz kennt man ja aus dem Bereich der kreativen Leistungen: Beispiel Musik- und Filmtauschbörsen. Und bei den personenbezogenen Daten haben wir das in viel größerem Ausmaß, aber viel verdeckter. Es heißt dann immer: Dieser Service ist kostenlos. Aber niemand bietet umsonst elektronische Dienstleistungen an. Nicht der Nutzer ist der Kunde des sozialen Netzwerkes! Das ist der Werbetreibende, dem das Netzwerk verspricht, dem Nutzer Werbung passgenau anzuzeigen.

Den Nutzer kann man fast als Objekt bezeichnen. Das passt natürlich überhaupt nicht zum Konzept der informationellen Selbstbestimmung. Denn da geht es ja um Datensubjekte, die selber bestimmen sollen und am liebsten nur informiert einwilligen sollen, was mit ihren Daten geschieht.

Welche Chancen hat man denn überhaupt, ein datenspurarmes Leben zu führen? Und was wäre der Preis: Einsamkeit oder nur ein Verlust an Bequemlichkeit?

Das hängt davon ab, wie weit man gehen will. Denn die Folgen gehen bis zur digitalen Askese, bis zum Sich-selbst-Herausnehmen aus der gesellschaftlichen Kommunikation. Denn bei jeglicher Form von Kommunikation hinterlasse ich Datenspuren. Wenn Sie es extrem praktizieren wollen, begeben Sie sich in eine Art kommunikative Einsiedelei.

Da ist auch die Sache mit den Anreizen ein ganz wichtiger Punkt. In einer Konsumgesellschaft mit einer ausgeprägten "Geiz ist geil"-Mentalität ist man sehr leicht käuflich. Es hat sich eingebürgert, dass man für kleine bis kleinste Rabatte kleine bis größere Teile seiner Privatsphäre preisgibt. Da wird irgendwann jeder zum Händler seiner eigenen Daten. Dagegen ist im Prinzip nichts zu sagen. Nur: Jeder sollte wissen, was er da tut.

Was sind in Ihren Augen die drei wichtigsten Maßnahmen, mit denen sich jeder gegen die größten Formen der Ausforschung schützen kann?

Man muss unterscheiden zwischen öffentlicher Ausforschung - das betrifft vor allem Geheimdienste anderer Staaten - und privater Ausforschung, die meist einen gewissen Grad an Freiwilligkeit voraussetzt. Wenn ich nicht mitmache, gibt es kaum eine Form der privaten Ausforschung. Wenn mich ein fremder Geheimdienst ausforschen will, dann kann man wenig dagegen tun. Aber das ist nur ein Extrembeispiel. Wenn Sie Angst haben, dass ihre Kommunikation in Gefahr ist, ist eine verlässliche Verschlüsselung immer noch der beste Weg. Denn die ist mit normalen Mitteln nicht zu knacken. Im Bereich Datensicherheit, IT-Sicherheit - da können Sie schon einiges tun. Wenn die von Ihnen benutzten IT-Systeme hinreichend sicher sind, dann machen Sie es bösartigen Hackern ziemlich schwer, an ihre Daten heran zu kommen - und das ist ja auch eine Form von Datenschutz.

Frederick Richter ist Vorstand der Stiftung Datenschutz in Leipzig.
Das Gespräch führte Matthias von Hein.